Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- Seite 408 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228400--56758-3293083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f Mittagessen tritt Stille ein; nämlich wenn gebenscht wird. Es ist schon von einem geistreichen Manne die Beobachtung gemacht worden: so wie es Menschen giebt, die so lange schlechter Laune sind, als sie noch nicht gefrühstückt haben, so giebt es andere, die nur nach dem Mittagessen religiöser Laune sind. Wenigstens kann man die Beobachtung machen, daß dann die meisten zum Fasten gelleigt sind. Im Hillblick auf die beiden nahenden Fasttage erschien mir diese Bemerkung nicht überflüssig. Ich glaube aber doch nicht, daß Viele hier von der Erlallbniß, am 17. Tamnllls und am 9. Ab zll fasten, Gebrallch machen werden. Viel eher glaube ich, daß die nleisten Kurgäste, auch selbst „die frommen", es mit denl Prophetell halten werden, der diese und einige andere Fasttage in Freudenfeste für Israel umzuwandelll sich bereit erklärt hat. Um die Kissinger Frönlmigkeit ist es überhaupt viel schlechter bestellt, als man nach dem Rufe, den die Gemeinde auswärts besitzt, glauben sollte. Am Sabbath sind Nllr wenige Geschäfte geschlossen, ulld an Wochentagen ist die Synagoge gar nicht gut besucht. Mall kann es den Leutell allerdings kaum übel nehmen, lvenn Ulan dieses kleine ulld dumpfe Bethaus eiunlal gesehell hat. Die Kissinger bauen nun schon seit Jahren! all einer neneil Syllagoge; aber wann diese fertig sein wird, j ist eine andere Frage. Den Besuch der alten möchte ich vor j' allem unserem Professor Zabludowsky hier empfehlell, der ja f auch sonst viel religiöses Gefühl sich bewahrt hat. Er wird mit : seinem Kennerblick sicher sofort herausfinden, daß es keine bessere j Massagekur geben kann, als an einem Tage dreimal in die j Kissinger Synagoge zu gehen. Das Dnrchzwängen in eine j Bankreihe, besonders wenn dort schon Leute stehen, ist wirklich eine Kunst, die erst erlernt werdeil muß; und ich habe meinell dicken Berliner Freund oft bedauert, der diese Kullst täglich übte. Im Uebrigen ist der Mann durch beit unausgesetzten Gebrallch der Kissinger Kur und durch den regelmäßigell Besuch der hiesigen Syllagoge bereits so weit hergestellt, daß mall hofft, er werde schon binnen Kurzen! in der Lage sein, seine eigenen Beine wieder zu erblicken. Dieses Wiedersehen zweier verwandter Beine, das ein unübersteigliches Hinderniß für immer verhilldern zll lvollen schien, wird sicher ein sehr rührendes sein! Sonst ist von der Syllagoge nur wenig Interessantes zll berichten. Das Interessanteste ist für mich die Stellung des Synagogelldiellers vulgo Schammes, der hier eine sehr gewichtige Rolle Zuspielen scheint; denn er steht in der Synagoge unmittelbar neben dem ersten Vorsteher. Mall denke sich in Berlin ilnseren guten alten Lissauer lvährend des Gottesdienstes neben Herrll Justizrath Meyer in der Vorsteherreihe stehen — das Bild ist gar nicht auszudenken! Die Hauptunterhaltung während der vielen Kunstpausen j bildet in der Synagoge natürlich das Gespräch über die bej vorstehende Rabbinerwahl. Es handelt sich nur um zwei j Kandidaten, von denen der eine der strengen llnd der an-! dere der milderen Observanz der süddeutschen Oxthodoxie allgehört. Es ist aber wahrscheinlich, daß die erstere siegen; wird. i Der Gottesdienst in der Kissinger Synagoge hat für die \ Kurgäste wenig Anmuthendes. Er bewegt sich noch ganz in den alten, starrerl Fornlen, und auch nicht der leiseste Hauch. ' einer Neuerung ist zu verspüren. Woher kommt das? Vielleicht, j so meinte ein Spaßvogel, weil die meisten oder wenigstens j die hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde — Antiquitäten-! Druck und Verlag van Rudolf Blosse in Berlin. Vor. Händler sind. In der That muß mall über die Pracht und Schönheit der hier angehäuften Antiguitätellschätze staunen, Der Antigllitätenhandel in Kissingen, der fast nur von Juden betrieben wird, genießt in ganz Europa ein großes Ansehen. Tie Gemeinde selbst scheint ebenfalls sehr alt zu sein. Eines der interessantesten Gebäude der Stadt ist das Rathhaus, einer der wenigen Ueberreste aus der Vergangenheit in der modernen Badestadt. Dasselbe wurde im 16. Jahrhulldert erbaut. All der östlichen Seite dieses Rathhauses null ist ein bärtiger Männerkopf mit helnlartiger Kopfbedeckung eingemauert. Nach der Lokalchronik soll dies das Porträt eines wackeren Bürgers, Peter Heil, sein, der, als die Schwedell die Stadt belagerten, im Augenblick der größten Verzweiflung den Bürgern den Rath gab, sümmtliche Bienenkörbe, deren sie eine große Anzahl besaßen, auf die Mauern tragen zll taffen und in die Reihen der anrückenden Schwedell zu werfell. Der Erfolg soll ein sehr günstiger gewesen sein. Eilie andere Lokalsage über diesen am Rathhaus allgebrachten Porträtkopf ist für llns aber von größerem Interesse. Die Einwohner Kissillgells nanllten ben bärtigen Mann, der förmlich zmil Wahrzeichen der Stadt geworden, nicht „Peter Heil" sondern vielmehr — „Jud Schweb" imd erzählen darüber folgende Legende: Während der Belagerung Kissingens durch die Schweden haben die Bürger bekanlltlich tapferen Widerstand geleistet, und die Stadt wäre vielleicht nicht erobert lvorden, wenn nicht ein Jude all dieser zum Verräther geworden wäre. Er hätte einett unbewachten Ausgang durch die Mauer gewußt und soll die Feinde dort eingeführt haben. Doch habe er seinen Lohll empfangen, und zur Warnung sei sein Bild am Rathhaus angebracht. Eine alldere Version dieser Sage — und wie mir scheinell will, eine glaubhaftere — külldet das gerade Gegentheil des Vorstehenden. Nach dieser Version goß der Jrlde für die Bürger Kugeln, welche die geheimnißvolle Eigenschaft hatten, ullfehlbar zu treffen, und den Schweden so tödtlich wurden, daß sie abziehen mußten. Darauf wurde der Judellkopf als Erinnerullgszeichen dankbar am Rathhause angebracht. In jedem Falle aber ist es merkwürdig, daß der Name Schwed unter den Juden Kissingens seither sich eillgebürgert hat: einer der beiden Restaurateure, die die hiesigen Kurgäste so diät behalldeln, heißt ebenfalls Schwed. Vielleicht rührt gar daher das Summen der Bienellschwärme, welches luan heute noch zu Horen vermeint, wenll mall sich diesem Hause nähert. Es ist nur schade, daß dort keine Kugeln mehr gegossen werden — nicht eillmal zu Sonnabend. 6. K. Sprerhsaa!. f ezüglich der Notiz über die Breslauer Raczeks in Nr. 30 der „Allgemeine», Zeitung des Judenthums" werde», wir ersucht, Folgendes zu berichtigen: An der Spitze der Notiz ist aus Versehen der Wortlaut des Beschlusses, daß künftig kein Grund vorliegt, Juden »licht aufzunehmen, weggelassen worden; derselbe geht aus der weiteren Fassung der Notiz hervor. Ferner darf es nicht heißen Burschenschaft Borussia" sondern „Arminia". * Berichtigung. In dem Bericht „Aus dem Regierungsbezirk Kassel" in Nr. 32 d. Bl. muß es statt „Herr Dr. A. ist Geologe". „Herr Dr. A. ist Theologe" heißen. wörtlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.