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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-24 · Heft 34 (24.8.1900) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
Seite 407 (sequence 13)
Language
German
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407 Wirbel neuer Gedanken. Bethulah nahm in meinen Augen nun einen blendenden Glorienschein an und war wie hinweg» geweht in eine übernatürliche fremde Welt. „Sind wir nicht lange genug im Exil gewesen, soll ein Gottloser die Hoffnung von Generationen zerstören?" „Aber woher diese wahnsinnige Hoffnung?" „Wahnsinnig?" sagte der Erste und seine Augen sprühten Feuer, aber der Jüngere unterbrach ihn. „Ist unser Heiliger nicht der einzige Sproß aus dem glorreichen Hause Davids, ist seine Tochter nicht die Letzte des Stammes?" „Und wenn sie es ist?" „Dann iver anders als sie kann dazu bestimmt sein, die Mutter von Israels Erlöser zu werden." Der bekropste Chassid öffnete nun seine Lippen und fügte hinzu: „Wenn nicht setzt, wann denn? wie Hillel sagt." „Jetzt muß endlich die Herrlichkeit des Hauses Ben Davids keimen", begann der Jüngere. „Seit Generationen, seitdem die Zeichen auf das Jahrtausend zeigten, sind die Töchter des Hauses unvermählt geblieben." „Was," rief ich aus, „Generationen von Bethulahs siird einem Trauin geopfert worden?" Wieder erweiterte sich das Auge des Aelteren auf gefährliche Weise. Ich erhob meine Pistole, beeilte mich aber dann, in einem versöhnlicheren Ton zu fragen: „Wie aber ist der Stamm erhalten worden?" „Durch die Söhne natürlich," sagte der junge Chassid. „Jetzt sind zum ersten Male keine Söhne da, nur eine Tochter ist übrig, sie ist die einzige Rettung." Wieder suchte ich wie bei meiner Unterredung mit dem Wunderrabbi das Bild des brausenden Broadway zu zitiren, aber es schien schattenhaft im Vergleich mit dieser Welt der Religiosität, die mich jetzt umgarnte. Mar es wirklich derselbe Planet, auf welchem solche Dinge gleichzeitig geschahen? Oder vielleicht träumte ich nur, und diese drei grotesken Geschöpfe waren das Produkt von 4)archis Küche. Aber ihre Hängelocken hatten tageshelle Bestimmtheit, und unten auf dem sonueubeschieneneu, durchsichtigen Flusse konnte ich jede Farbennüance unterscheiden. Zwei Krähen schritten gravitätisch am Ufer daher; zum ersten Male achtete ich auf die komische Grandezza ihres Ganges; sie sahen wie zivei alte Herren aus, die die Hände in die Taschen ihrer schwarzen Rockschwänze gesteckt hatten. Ich mußte unwillkürlich lachen, aber eine drohende Bewegung der Chassidim warnte mich, vorsichtig zu sein. „Und weiß das Mädchen alles?" „Gestern noch nicht," sagte der ältere Bursche, „jetzt hat man ihr alles gesagt." Wieder eine lange Pause. Ich dachte lange, aber unzusammenhängend nach, da ich fortwährend mein Arige auf »reine Angreifer zu richten hatte, aus Furcht vor einem plötzlichen Angriff, und da ich dem bekropften Heiligen mehr als den anderen mißtraute, weil er sich so ruhig verhielt. „Und ist Bethulah mit ihrem Schicksal zufrieden?" fragte ich. „Sie ist im siebenten Himmel," antwortete der ältliche Heilige. Ich fühlte einen heftigen Schauder ungläubigen Protestes. Ich dachte an die Rothe, die ihr süßes Antlitz bei meinem Anblick bedeckt hatte; so kurz auch unsere Begegnung gewesen war, fühlte ich doch, daß der elektrische Funken von einem zum andern geflogen war, das übrige war nur eine Frage der Zeit. „Ich will es von Bethulah selbst hören, dann werde ich sie in ihrem Himmel lassen." Die Männer schauten einander an, dann schüttelte der Aelteste sein Haupt. „Nein, Du wirst nie mehr zu ihr sprechen. Wir haben schönere Mädchen als sie, wähle wen Du willst, ich will Dir sogar meine eigene Braut abtreten." Ich verwarf seinen Vorschlag. „Ihr könnt nicht verhindern, daß Bethulah unter Gottes freiem Himmel sich ergeht. Wohlan ich werde sie finden," sagte ich, meinen Dortheil verfolgend, als sie verwirrt dreinschauteu, „und Parchi und andere gute Juden werden bei der Hand sein." „So wird sie anderswohin geführt werden," sagte der Erste. „Ich folge ihren Spuren. Ihr, Ihr fürchtet Euch, sagte ich spottend, also ist es nicht wahr, daß sie zufrieden ist, geopfert zu werden." „Es ist wahr," stammelten sie. „So wahr wie die Thora," betheuerte der Alte. „Daun kann sie es mir selbst sagen." „Du kannst sie auf Deinem Rosse entführen," sagte der mit dem Kropfe. „Ich werde zu Fuß gehen. Wenn Bethulah selbst mir sagt, ich solle Zloezczol verlassen, daun werde ich gehen, sonst nicht." Wieder schaute Einer den Anderen an, und die Erleichterung die aus ihren Mienen sprach, machte mein Herz schwer. (Fortsetzung folgt.) Von der Reise. ii. Kissingen, Ende Juli. undertmal habe ich es mir wiederholt, daß inan nach Kissingen wahrhaftig nicht 511 seinem Vergnügen kommt, sondern um die Heilkraft der Quellen all sich zu erproben llnd in einer der dortigen Restaurationen zu Mittag zu speisell. Dieses letztere Mittel gegen die Fettleibigkeit führt dem alten Bade vielleichtnoch mehr Kurgäste zil als die Heilquellen. Mit den Unglücklichen, die nach Kissingen gekommen sind, mn dort an jedem Tage mindestens zweimal zu essen, muß ich auch diesmal beulen. Dieses Heulen ist aber fast lvörtlich zu nehmen; denn Derjenige, welcher zum erstenmal eines der beiden jüdischen Restaurallts hier besllcht, wird da eine seltsame Ueberraschung erleben. Schon von fern hört er ein starkes Suunnen, das, je näher er dem betreffenden Hause kommt, sich zu einem Geräusch, ähnlich denn wenn man dem Meere naht, verstärkt und beim Eintritt in das Restaurant zu einem wahren Sturm auswächst. So aufgeregt habe ich meine Glaubensgenossen noch nicht gesehen als beim Mittagessen im jüdischen Restaurant in einem solchen Badeort, wo die Nerven ohnedies sich in stärkerer Schwingung befinden als sonst. Nur wenige Menschen haben in dieser Masse ihre Ruhe bewahrt. (Ich gestatte all den lieben antisemitischen Kollegen den honorarfreien Nachdruck dieser Bemerkung, bitte sie aber dabei, mit der ihnen eigenen Objektivität hinzuzufügen, daß wir Juden wohl ein lebhafteres Temperament haben, das Radanmachen aber doch erst durch die berührnte Assimilation erlernt haben.) Nur nach dem

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