Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-24 · Heft 34 (24.8.1900) · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
Seite 404 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228400--56754-3293079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

404 - Minderheit verstanden wird unb deshalb für einen Erbauungsgottesdienst sehr unzweckmäßig ist. Auch der lar:ger: Dauer des Gottesdienstes wird eine nachtheilige Wirkung auf die Andacht der Synagogenbesucher zugeschrieben, denen weder durch das Wesen noch durch die Ausdehnung des Gottesdienstes irgend ein Moment zur Zerstreuung geboten werden sollte. Die Wünsche für die Kultnseinrichtnnger: werden dahin präzisirt, daß 1. mit Ausnahme des Schma- und Kaddischgebetes alle Gebete ins Französische übersetzt werden; 2. das; alle diejenigen Gebete, deren Inhalt nicht mehr mit unseren Ansichten in Einklang steht, gestrichen werden; 3. das; der Gottesdienst von kürzerer Dauer sein möge; 4. daß die Predigt den Schwerpunkt des Gottesdienstes btlbcu möge; und endlich 5. daß, unter Aufrechterhaltung des Sabbathgottesdienstes, ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt am Sonntag Vormittag eingerichtet werde, um Denjenigen, die nur diesen Tag ruhen können, Gelegenheit zu geben, das Gotteshaus zu besuchen und ihren religiösen Gefühlen Ausdruck zu geben. Auch für den Religionsunterricht werden weitgehende Reformen gefordert. Es soll der Unterricht in einem den heutigen Anschauungen entsprechenden Geiste ertheilt werden, hauptsächlich soll die Ethik und die jüdische Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit genügende Berücksichtigung finden, damit die Kinder die Grundlehren ihrer Religion erkennen und die Kraft und Schönheit derselben bewundern. Eine Aenderung soll ferner für die Barmizwafeier erstrebt werden, die, wie sie im Augenblick gestaltet ist, nur die Erfüllung einerleeren Formalität bedeute und keinen bleibenden Eindruck in der Seele der Kinder zu hinterlassen im Stande sei. Dieser feierliche Vorgang könne, so heißt es in der:: Programm, um dann einen vollen Werth beanspruchen, wenn er genügend vorbereitet sei und den Beweis einer gründlichen religiösen Erziehung liefere. Endlich wird noch gefordert, daß die religiöse Erziehung mit dem Zeitpunkte der Barmizwa nicht abgeschlossen, sondern fortgesetzt Werder: möge, um die Israeliten mehr und mehr wieder ihrem Glauben und ihren Traditionen zuzuführen. Zu diesem Zwecke sollen Fortbildungskurse eingerichtet werden, in denen alle das Judenthum berührenden interessanten Fragen zur Erörterung gestellt werden sollen. Am Schlüsse des Programms lvird mit Nachdruck hervorgehoben, daß der Verein keineswegs beabsichtige, eine Trennung unter den Juden herbeizuführen. Durch die Verbesserung der Kultuseinrichtungen, die in ihrer jetziger: Gestalt weder Geurüth noch Geist befriedigen können, soll vielrnehr das religiöse Gefühl rvieder belebt und Diejenigen wieder dem Glauben zugeführt werden, die sich von ihm zu trennen vermocht hatten. Das Vorgehen des Vereins rvird als genau so berechtigt wie das der strenggesinnten Juden bezeichrret, die auf Grund ähnlicher Anschauungen einen öffentlicher: Gottesdienst, der ihrer Ueberzeugung errtsprach, sich eingerichtet hätten. Das Begleitschreiben zrun Programmentwurf betont noch einmal die altväterliche und oberflächliche Art des bestehenden Religionsunterrichts, ferner die marrnigfachen arrderen bereits erwähnten Schwierigkeiten, die in der That einen Konflikt zwischen der Religiorr und den: Leben bewirken und die Juden vor die traurige Alternative stellen, entweder auf die Rechte und Bedürfnisse des herrtigen Lebens oder auf die Ausübung hrer Religiorr Verzicht zu leisten. Das Mittel, diesen Mißständen zu steuern, müsse hierrrach leicht gefunden rocrderr, nmsomehr, als die geplanten Reformen garnicht den erhabenen rmd reiner: Geist der jüdischen Religion, sondern nur Former: derselben treffen sollen, die im Laufe der Zeit zum Theil bereits nicht rnehr innegehalten worden sirrd. Urrverkennbar sind in letzter Lirrie auf diese Bewegung die bedeutender: Erfolge von erheblichem Einfluß gervesen, welche der rührige Berlir:er „Liberale Verein für die Jrrteressen der jüdischen Gemeinde" bisher zu verzeichnen hatte, ::r:d der Berlirrer Verein karrn stolz darauf sei::, daß sich zu seinen Nachfolgern, die er bereits in Frankfurt, Köln und Breslau hat, nunmehr auch Paris hirrzugesellt. In dem Schlußwort des hiesigen Prograrnms wird ausdrücklich noch darauf hingewiesen, daß die gewünschten Reformen keine Neuerung darstellen, sondern bereits ir: Deutschland seit langer Zeit durchgesührt sind. War es doch, wie bekannt, schon Abraham Geiger, der eine fortschreitende Lärckerung des Gottesdienstes forderte, der nicht dulden wollte die Klagen über die Entfernung von Palästina, die Bitten um Rückkehr, um Sammlung in Jerusalem, rrm Aufbau des dortigen Tempels, um Herstellung des Ovferwesens, die Hervorhebung des Priesterthnms und das Ar:denken an das versuchte Menschenopfer Abrahams. War Geiger es doch, der jenes wahre, noch heute zeitgemäße Wort sprach, daß Grurrd und Anlaß der Veräußerlichung des religiöser: Leberrs, der vielen beschränkenden Satzungen in den Trürrunern einer jüdischen Volkstümlichkeit, in der beabsichtigter: Sonderrrng wurzeln, daß diese Beschränkungen in den Länder:: schwerer:, bürgerlichen Druckes und geistiger Verfinsterung verzeihlich sein mögen, aber in freien und civilisirten Ländern eine Lüge seien, die nicht geduldet werder: dürfe. Der Konsistorialverfassung, der wir uns seit fast einem Jahrhundert in Frankreich leider zu erfreuen haben, darf mit voller Berechtigung die Stagnatiorr zugeschrieber: werden, in der das hiesige Judenthum sich befindet, und die deutschen Juden, deren Sehner: rrach einer derartigen Verordr:ur:g girrg, werden es rvohl nun allmälig einsehen lernen, wie irrig ihre Ansicht gervesen ist. Die Nackenschläge der letzter: Zeit haben endlich die hiesigen Juden ein wenig aufgerüttelt, und in ihr:en den berechtigten Wunsch nach Reformer: gezeitigt, um den Judifferentismus gegen die Religion durch die Vereirrigung derselben mit dem geistigen Bewußsein der gebildete:: Welt zu bekämpfen. Der jetzigen Bewegung, der ein voller Erfolg zu wünschen ist, darf wohl schon deshalb ein gutes Horoskop gestellt werden, weil Zadoc Kahr: ihr sicher sympathisch gegenübersteht, jener große und edle Mann, der für die Bedürfnisse des Judenthums ein so tiefes Empfinden rrnd ein so warrrres Herz hat, der aber sicherlich niemals Bestrebrrngen urrd Reformen geneigt sein würde, die mit den: Judenthum nicht vereinbar sind. Aas Meiselüanner in Prag. Von Rabbiner Dr. Alex. Kisch in Prag. wei Wahrzeichen, die an die Glarrzzeit der Prager Juderrstadt unter Kaiser Rudolf II. und der: unvergeßlicher: damaligen Primator des alter: „Mütterchens Prag" (wie auch die Inder: die böhmische Hauptstadt nannten), Mardochai Meisel erinr:ern, besitzt das den Namen dieses unvergeßlichen Wohlthäters tragende Gotteshaus in Prag, die altehrwürdige Meisel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.