Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- Seite 403 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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403 im Auftrag aller rumänischen Delegieren, die In den frage in Rumänien nicht de bat Liren zn wollen (große Bewegung), eine befremdliche Bitte, der sich aber auch Herr Ellmann-Braila anschließt. Es wird darauf ein Redner für und einer gegen die Bewilligung der Thätigkeit des Aktionskomitees gewählt. Dr. Herzl vertheidigt dann das Aktionskomitee gegen die ihm gemachten Vorwürfe und meint, das Aktionskomitee könne unmöglich so agitiren wie die Heilsarmee, es könne sich nur mit Rundschreiben an die gebildeten Juden wenden. Die Gewinnung der Massen muß den einzelnen Landeskomitees überlassen bleiben. In Betreff der „Knlturfrage" müsse er auf seine alte Aenßernng zurückkommen, wonach religiöse Fragen vollständig ans dem zionistischen Programm ausgeschlossen werden müssen. Diejenigen, rvelche mit der Erklärung des Aktionskomitees unzufrieden sind, habeil entweder kein Vertrauen zum Komitee oder möchten sonst was haben wollen. „Lassen Sie uns hier nicht streiten und uns bereit halten, daß wenn die Zeit gekommen ist. wo das Aktionskomitee sagen kann „Wir sind fertig!", die Zionisten sagen können, „auch wir sind fertig!" Rach längerer Debatte wird schließlich der Bericht an bloe angenommen, das Vertrauen zum Komitee ausgesprochen und Dr. Herzl der Dank des Kongresses votirt. Am dritten Tage (Mittwoch) sprach Dr. Mandelstamm über „Verbesserung der physischen Lage der Jllden." Er beschränkte sich nur ans die Schilderung der russischen Juden, deren Armnth und Unsanberkeit und theilte mit, daß das Durchschnittsmaß der Nichtjuden in Rußland 170 cm, während das des Inden nur 163 cm beträgt. Darauf sprach Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer über „Organisation und Agitation". Redner lobt die Thätigkeit des Preßkonntees und schlägt die Errichtung eines , Nationalsonds" und eines „Hilfsfonds" vor. Die nothleidenden Inden können auf den Charter nicht warten. Selbst vor den Thoren des Kongresses sterben rumänische Juden vor Hunger. Dr. Bodenheimer wacht noch eine Reihe von weiteren Vorschlägen, wie Errichtung eines Zureaus für Statistik der Inden, Gründung eines Zionistischen Tageblattes u. a. m. Den Kongreß möchte Dr. Bodenheimer nur icdes Zweite Jahr einberufen haben. Sir Francis Montefiore liält eine längere Rede in deutscher Sprache, in welcher er den Monismus lobt lind mit den Juden des Westens scharf ins Gericht geht, weil diese vom Zionismus nichts wissen wollen. Unter Bezugnahme ans den größten Kenner Palästinas, den Oberst Conder, weist Redner nach, daß Palästina für Kolonisationszwecke vorzüglich geeignet »ei. Bei gelegentlicher Erwähnung seines Onkels, des seligen Sir Moses Montefiore, erhoben sich sämmtliche Mitglieder des Kongresses spontan von ihren Sitzen und brachen in laute Hochrufe und minutenlanges Händeklatschen aus. Ein Delegirter erhält das Wort, um ein Schreiben von B ernhard Bazare zu verlesen. Familienverhältnisse haben ihn zu seinen! Bedauern verhindert, auf dem Kongresse zu erscheinen. Wäre er da, würde er für die Verbesserung der kulturellen und ökonomischen Lage oer Juden sowie dafür eintreten. daß der Kongreß die Initiative zu Gunsten der rumänischen Juden ergreife. Thäte es der Kongreß licht, so würde er ebenso wie die Alliance dafür zu tadeln sein. Zum Schluß spricht Lazare seine Gegnerschaft zu der Idee des „Judenüaates" aus. In der Nachmittagssitzung berichtet Joseph Cowen über die ionistische Bewegung in England. An Schekels sind eingegangen — 01 Pfd. Sterl. Daraus wird der Antrag Dr. Friedemanns, den Kongreß nur alle zwei Jahre einzuberufen, mit überwiegender Majorität ab« n elehnt. Dr. Nordan: Es ist selbstverständlich, daß der Kongreß nur für die Zukunft wirken kann, aber vor der Thür des Kongresses nehen hungernde rumänische Juden und schreien nach Brod. Der Kongreß hat kein Geld für sie, aber die Delegirten könnten persönlich au- Steuerung der Noth beitragen. Eine sofort veranstaltete Kollekte ergab 31 Pfd. Sterl. Die Mittwoch-Nachtsitzung war zwei Reden über „Kulturfragen" gewidmet. Dr. Gaster hielt eine Rede über die moralischen Ausuchten des Zionismus, während der Herausgeber des in Warschau in hebräischer Sprache erscheinenden Tageblattes „Hazefira",N. Sokolow, Us Vorsitzender der Kulturkommission einen überaus geistvollen Bericht über „Erziehung und Litteratnr" im verflossenen Jahre gab. Da aber kaum 100 Delegirte anwesend waren, wurde die Debatte vertagt. Am 4. Tage (Donnerstag) wurde die Knlturfrage besprochen. Dies uieß aber aus heftige Opposition von Seiten der russischen Rabbiner; es entstand eine gewaltige Aufregung, welche Dr. Herzl nur durch die Drohung, die Sitzung zu vertagen, mit Mühe dämpfen konnte. Die Knlturfrage wird mit 120 gegen 105 Stimmen diesmal von der Tagesordnung abgesetzt. Dagegen wird behufs Hebung der ökonomischen Lage der Juden eine große Kommission eingesetzt, welche Handwerkerschulen, Krankenkassen und Altersversorgungsanstalteu. Arbeitsnachweisbüreans und andere schönen Sachen gründen soll. Professor Bjelkowskh-Petersburg berichtet über die zionistische Bank; nach längerer Debatte wird beschlossen, dem nächsten Kongresse eine Statutenänderung in Bezug auf die Grunderaktien vorzuschlagen. Die Zahl der in Rußland gezeichneten Aktien giebt Redner auf 317000 an. (Ob auch bezahlt?) Auf Empfehlung des permanenten Komitees wird beschlossen, alle zionistischen Vereine auszufordern, kräftig für die rumänischen Juden einzntreten. Dr. Gaster berichtet über die Thätigkeit des, Kolonisation s k o m i te es. Dieselbe ist gleich Null. Eines jedoch hat es unternommen: er hat versucht, mit den bestehenden Organisationen für die Kolonisation Palästinas eine Verbindung anznknnpsen. Der Versuch scheiterte völlig, was aber Dr. Gaster nicht hinderte mitzutheilen, daß seine Annäherungsversuche bei der 3. K. A„ wie bei dem Chowaweh-Zion-Verein günstige Ausnahme gefnnden hätten. Für die Jaffaer Schule Beth-sefer wurden vom Kongreß 2000 Francs und für die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem 1000 Francs bewilligt. Bei den nun vorgenonnnenen Wahlen wurden als Mitglieder des Wiener Aktionskomitees gewählt: Dr. Herzl. Dr. Schnirer. Dr. Kokesch. Dr. Marmorek sowie Dr. L. Kahn. Darauf wurde der Kongreß mit einer begeisterten Ansprache des Dr. Herzl unter nichtendenwollenden Hochrufen geschlossen. ->G<- Pariser Brief. Paris, 19. August. er Neformgedanke im Jndeuthum bricht sich trotz aller Hindernisse, die ihm gerade in unseren Tagen entgegengestellt werden, mehr und mehr Bahn, und nnanfhaltsam sind die Fortschritte, die er zu verzeichnen hat. Allch bei uns in Frankreich beginnt es sich 31t regen. So häßlich die letzte antisemitische Hetze im Lande der „Menschenrechte" gewesen ist, so bedauerlich das Opfer, das sie sich ausersehen hatte, so hat doch die Drehfus-Affäre das eine Gute gewirkt, daß unsere Glaubensgenossen begannen, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. In der richtigen Erkenntniß, daß nicht in der Rückkehr zu den mittelalterlichen Formell das Heil des Judenthums gefunden, sondern nur durch die Freiheit der Sache des Judenthums zum Siege verholfeu werden kann, hat sich hier eine Anzahl liberaler und warmfühlender Männer gefunden, welche in Anknüpfung an die bestehenden Einrichtungen und in gebührender Berücksichtigung der nothwendigell historischen Kontinuität die religiösen Institutionen in Paris (und dann wahrscheinlich auch in den Provinzstüdten ) neu gestalten wollen. .,L’Union liberale israelite" heißt die Bereinigung, welche vor kurzer Zeit ihr Programm, ihre ,,?rop08ilion8 de reformes“ an die Gemeindemitglieder in Paris versandt hat. Die Punkte des Programms, das in der hiesigen jüdischeil Presse schon vielfach besprochen wird, beziehen sich zunächst auf Kultuseinrichtungen und Religionsunterricht. Es wird, als dem moderllen Geist zuwider, gefordert die Beseitigung der Bitten um Wiedereinführung der Opfer, um die Rückkehr nach Jerusalem, um die Wiedereinsetzung der alten jüdischen Verfassung; es wird ferner der ausschließliche Gebrauch der hebräischen Sprache beklagt, welche nur von einer großen