Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- Seite 402 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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402 zuwandern. Die Behörden haben iw Preußen zwar ihre volle Schuldigkeit gethan und haben die Jndenkrawalle mit eiserner Hand unterdrückt, allein die Lage der Juden ist dadurch nicht besser, sondern schlimmer geworden. Die erhaltene Züchtigung setzt der Pöbel den Inden aufs Konto, und gezwungen, die Faust in der Tasche" zu ballen, wartet er nur aus die Gelegenheit, diese geballte Faust verloenden zu können. Die Juden finb von Bürgern zu Schutzjuden herabgesnnken, die auf die Gunst der Behörden allgewiesen sind. Zieht diese einmal aus irgend einem Grullde ihre schützende Hand voll ihneil zurück, so stehen sie als Geächtete vogelsrei da. Redner geht zllr Schilderung der Lage der Juden in Rumänien über, voll der er mit meisterhaften Pinselstrichen ein so ergreifendes Bild entwirft, daß im Saale lautes Schluchzell ausbricht. „Sind wir denn nicht Menschen aus Fleisch unb Blut wie sie? Sieben wir nicht unsere Frallen und Kinder wie sie?" rief der gottbegnadete Redner mit vor Schlllchzen nilterdrückter Stimme. Mall mühte bis auf das Jahr 1730, bis auf die Protestantenvertreibung aus Salzburg zllrückgehen, um etwas Aehllliches in der Geschichte wiederzufinden. Ueber 50 000 Juden stehen in Rumänien zur Auswanderung bereit und weitere 200 000 fühlen, daß sie feinen Boden unter den Füßen haben. Die Auslvailderer besitzen ilichts als die Lnulpen auf dem Leib und den Wailderstab in der Hand. Auf ihrem langen Wege voll Grellze zu Grenze stoßen sie überall auf eisige Kälte, Mißtrauell, scheele Blicke uild selbst offene Feilldseligkeit voll Seiteil der Bevölkerung, nnb selbst mancher reiche Jude wendet seinen Blick von ihneil weg, treibt sie von seillenl Geldschrank fort und hetzt durch Wort oder That die Hunde auf sie. Freilich hat Mancher voll ulls auch weit über seine Kräfte für die rlunällischen Juden geopfert. Gott segne diese Leute bis in das tausendste Geschlecht! Die runiänischen Inden wanderll ohne jeden Plan. Sie ziehen wie die Wallderratten. von Raubvögeln begleitet und verfolgt. Keiner will sie habeil und Jedermann treibt sie voll seinem Gebiete fort, und fragen sie: Wohin sollen wir denn gehen? Was soll aus uns werden? so erhalten sie ein bedauerndes Achselzucken und eine befehlende, fortweisende Gebärde zur Antwort. Fort! Fort lns Weite, ins Unbekannte, aber nur fort. Redner schildert bann das Verhalten der rumänischen Regierung, ihre Grausamkeit, Heuchelei und Verlogenheit und hebt hervor, daß ein Appell an Europa voll gar keinem Werth wäre. Europa hat andere Sorgen, als sich um die Juden zu kümmern. Wenn ein Mellsch seinem Nachbar zürnst: „Aber ich muß doch leben." so kailn er eventuell die Antwort erhalten: „Ich sehe diese Nvthwendigkeit durchaus nicht ein!", Ein Anderer kann in der That diese Nothwelldigkeit nicht einseheil, aber wir müffell selber die Nothwelldigkeit einsehen und danach handeln. Eill Hilferuf ist nur ein schlechter Ersatz, man muß mit Noth und Tod ringen, sonst lvird man ihre Beute. Und wir können sehr lvohl riligen. An Geld fehlt es deil Juden nicht. Die Armell geben weit über ihre Kräfte imb die Reichen entsprechend ihren Kräften. Was uns fehlt, ist eine Organisation, durch welche verhindert werden soll, daß die aufgebrachten Hilfsmittel planlos verpufft werden. Das Fortschicken rumänischer Juden nach Amerika ist nichts lveiter, als die Hungernden aus dem Gesichtskreise zu entfernen, damit inall das Elend nicht sieht. Was soll mit ben Leuten in Amerika geschehen? Verhuilgert man denil in Amerika anders als in Rnmällien? Jnl Uebrigen sieht Redller den Augenblick konimen, wo die unorgailisirte Wohlthätigkeit erschöpft sein wird. Erst lvird das Geld francsweise, bann ceiltilnesweise vertheilt werdell. dann aber wird man eines schönen Tages wohl sagen: „Nun haben wir nichts mehr! Nun könneil lvir für euch nichts mehr thun! Ihr müßt selber Zusehen, wie ihr euch lveiter helft!" Und als weiln lloch llicht genllg mit der rumänischen Frage, erwarteil uns in naher Zukunft noch andere Fragen. Hinter der rumällischen Frage lauert die galizische und ganz im Hintergründe die russische. Was werden wir, die wir mit den rumänischen Juden nicht fertig werden köllnell, erst begillnen, wenn die 760 000 Judell Galiziens Ulld die Millionen Juden voll Rußland sich erst in Bewegung setzen? Gegen solche Gefahrell hilft nur eine straffe Organisation. Redner sieht diese Organisation ausschließlich im Zioilismus und schließt mit einem begeistertell Appell an alle Juden, namentlich all die Reichen, dem allein selig machenden Zionismus beizutreteil. Jli der Nachmittagssitznng theilt Dr. Herzl den Zuhörern zunächst Ulit. daß in der Nachbarschaft des Kougreßsaals sich eine Reihe von Missionaren niedergelassen habe, welche in lärmender und zudringlicher Weise die Kongreßbesucher zum — Christenthnm zu bekehren suchen. Er bitte die Delegirten wie das Auditorium, die ungebetenen Alleinseligmacher 31t ignoriren und namentlich aufregenden Szenen aus dem Wege zu gehen. Die Tagesordnung für den Kongreß wurde acceptirt, sowie die Wahlen für die vier Permallenten Komitees in aller Ruhe vollzogell. Darauf las Mr. L. I. Greenberg einen Bericht über die Lage der Juden in England vor. Die Rede, (welche wir demnächst in extenso wiedergeben wollen), ist indirekt eine unbeabsichtigte Widerlegrnlg des Zionisnius: „Den Inden in England geht es gut." führte Redner ungefähr aus. Sie sind nicht allein de jure, sondern auch de facto emauzipirt, sie können nicht blos alle Aemter im Staat bekleiden, sie sind auch gesellschaftlich gleichgestellt." Den Grund für diese Erscheinullg erblickt Redner in dem in England herrschenden Freihandelssystem. durch das der Engländer gelernt hat. die Erzeugnisse und die Angehörigen fremder Völker vollständig zu toleriren. Noch wirksamer aber ist ein zweiter, religiöser Grund. Nirgeilds in der Welt sonst wird die Bibel so verehrt wie in England. Daher hegt der Engländer für das Volk der Bibel freundschaftliche Gefühle. Es folgt eine Reihe von Berichten über die Lage der Juden in Numäniell vo,l Dr. Alexander Marmorek, in Galizien von Dr. Menczl, in Bulgarien vom Ministerialbeamten Herbst-Sofia, im Kaukasus von Dr. Schljaposchnikow, in Rußland von Reines, Rabbiner in Lida bei Wilna, in Deutschland von Dr. Kauffmann-Freiburg und in Nordamerika voll Professor Gottheil. Alle diese Berichte sind wenig interessant und bestehen aus Zeitungsausschnitten, zusammengestellt mit Hilfe von Scheere ulld Kleister; nur der Bericht Herbst-Sofia, welcher das Anlvachsen des Antisemitismus im Allgemeinen schildert, sowie die hochinteressanten Mittheilullgeu Dr.Schljaposchnikows über die „Bergjuden" des Kaukasus sind interessant. Rabbiner Reines, der keiner anderen Sprache mächtig ist. hielt seinen Bericht — ein begeistertes Loblied auf den Zionismus — im klassischen Hebräisch. Frau Professor Gottheil, die französisch spricht, berichtet über die zionistische Frauenbewegung in Newyork. Am 2. Tag (Dienstag) eröffnet Dr. Herzl die Sitzung und ertheilt das Wort an Mr. Clarence I. de Sola zu seinem Bericht über die Lage der Juden in Kanada. Redner sprach aber mehr von den Zionisten als von den Juden in Kanada. Darauf erstattete Herr- Oskar Marmorek den Bericht über die Thätigkeit des Wiener Aktionskomitees, die gleich Null war. Das Wiener Aktionskomitee hat sich mit der zionistischen Agitatioil und mit der Verbreitung der zionistischen Presse abgegeben und da ihm die russischen Juden dabei geholfen haben, so ist die Zahl der zionistischen Gruppen gewachsen, in Rußland von 877 auf 1043. in England von 16 auf 38. In Amerika giebt es jetzt 135 Gruppen mit 10000 Mitgliedern. Auch in den übrigen Ländern, exkl. die Städte Capstadt und Johannisburg, sei der Zionismus rapid gewachsen. Merkwürdigerweise haben die Mittel des Aktionskomitees mit dieser raschen Zunahme seiller Anhänger nicht gleichen Schritt gehalten, denn die Zahl der Schekel betrug nur 96 436 Fr., lvovon am 30. Juni 1900 nur 26 058 Fr. glücklich in der Kasse des Aktionskomitees sich befanden, während man den Rest von 70,376 Francs dem Aktionskomitee schuldig ist. Wie viel man den begeisterten Darstellungen des Herrn Oskar Marmorek über den Fortschritt des Zionismus trauen darf, beweist die Behauptung, daß in Frankreich, Belgien, Holland. Italien, Deutschland und der Schweiz die Zahl der Zionisten „sichtlich gewachsen" sei. während uns die Zunahme der Zionisten in Deutschland unsichtbar bleibt. Dasselbe wird höchst wahrscheinlich mit den anderen Ländern der Fall sein, wo das russische Judenthum nicht dominirt. Von den Ausgaben heben wir hervor: Kosten des Kongresses ca. 12 000 Francs, Reisen und Agitation ca. 4500 Francs, Presse 21000 Francs, Gehälter 4500 Francs, an V e r t r a u e n s a g e n t e n und Correspondenten 4400 Francs, Büreau- und Druckkosten 13 049 Francs, im ganzen für Propaganda ca. 64000 Francs. Der Kaffenbericht balancirt mit 173 018,34 Francs. Die Debatten am Nachmittag wurden unter dem zeitweiligen Vorsitz des Dr. Mandelstamm geführt, der, kein so geschickter Präsident wie Herzl, sich die Redner über den Kopf wachsen ließ, so daß über alles mögliche, nur nicht zur Sache geredet wurde. Rabbiner Nabbinowitsch-Alexod (Rußland) theilt mit, daß in Rußland 140 Rabbiner sich offiziell zum Zionismus bekennen, G. Pineles-Galatz, daß er im Februar die J. K. A* flehentlich gebeten habe, die AuswanderungnachCypernnicht zu ermuthigen: „giebt es nicht genug Gräber in Rumänien, daß wir in der Wüste sterben müssen!" Herr Pineles bittet den Kongreß