Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- Seite 400 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zu verlieren. Jur Uebrigen hat auch die englische Judenheit als solche sich von dem Kongreß ferngehalten, und angesehene Männer haben in den großen Tageszeitungen wie in den jüdischen Blättern ihre entschieden ablehnende Haltung gegenüber dem politischen Zionismus in sehr klarer und würdiger Weise motivirt. * Bon Rumänien aus sucht man jetzt in offiziösen Artikeln und Korrespondenzen Stimmung gegen die dortigen Inden zu machen. In einem dieser Artikel heißt es: „Die durch diese Agitationen mm einmal wieder in den Vordergrund geschobene Judenfrage bedarf seitens der rumänischen Regierung einer sehr vorsichtigen Behandlung. Herr Carp, der von allen rumänischen Staatsmännern den Juden und der Frage der Judenemanzipation am wohlwollendsten gegenübersteht, kann ebenso wenig wie eine andere Regierung den Art. 7 aufheben lassen. Dazu bekommt er keine Kammer, und die Ausführung eines solchen Plaues könnte in Rumänien geradezu zur Revolution führen. Herr Carp will zunächst auf das aüerstrengste darauf achten, daß die Administrativbehörden sich keinerlei llebergriffe und Ungerechtigkeiten gegen die Juden zu Schulden kommen lassen. Ob er noch an seiner früheren Idee festhält, den Juden eine gewisse Autonomie zu gewahren, so daß siez. B. die Umlage der Steuern und andere Dinge durch eigene Organe besorgen lassen könnten, muß man abwarten. Jedenfalls wird aber Herr Carp die Judenfrage mit einem Wohlwollen anfassen wie kein zweiter rumänischer Staatsmann, und es wäre bedauerlich, wenn seinem Ministerium von diesem Gebiete aus gleich von Anfang an Schwierigkeiten bereitet würden." Daß die Aufhebung des Art. 7 in Rumänien „zur Revolution" führen würde, glaubt kein Mensch, der die dortiger: Verhältnisse kennt. Daß Herr Carp die Judenfrage mit Wohlwollen arrfassen werde, glauben wir nach seinen Anteeedentien sehr gern. Ob ihm aber seine Kollegen im Ministerrath und die Kammer auf diesem Wege auch folgen werden, erscheint nach allem, was aus Rumürrien verlautet, leider mehr als zweifelhaft. 4» Ueber die letzten Judenkraroalle im Gouvernement Kowno liegen uns briefliche Mittheilungen aus Schawly und eine datirt aus Poßwetin, beu 9. Juli vor. Wir entnehmen denselben folgende Einzelheiten: Das gute Verhältniß, welches zwischen Juden und Christen in in den Gouvernements Wilna und Kowno von jeher bestanden, hat sich seit vier Monaten insolge der bekannten Blutbeschuldigung von Wilna wesentlich getrübt. Die Bauern in der Umgebung der Städtchen Woskoi, Pokorni, Linkowo und Poßwetin begannen den Juden eil: finsteres Gesicht zu zeigen. Der Pfarrer von Woskoi erweiterte noch den entstandenen Riß durch Hetzreden und dadurch, daß er den Bauern vorlog, im Besitze von Hirtenbriefen zu sein, in welchen hohe Würdenträger der christliche:: Kirche das Volk auffordern, an den Inden Rache zu nehme::, und in dene:: für alle an den Juden begangenen Frevelthaten von vornherein Absolution ertheilt werde. Es gelang schließlich diesem Priester der Religion der Liebe, die Bauern so weit zu bringen, daß sie Mitte Juni (also so lange konnten die Krawalle insolge der Ceusur verheimlicht werden! Red.) sich in Woskoi zusammenrotteten und eine Reihe jüdischer Läden verwüsteten. Da dieses ihne:: strastos durchgegangen ist. verbreitete sich mit Blitzesschnelle das Gerücht, die Regierung habe die Inder: dem Volke preisgegeben und daß infolge dessen Jedermann mit ihnen machen dürfe, was ihr: beliebt. Der Erfolg war. daß am nächsten Sonntag, am 1. Juli, 2000 Bauern in Linkowo eindrangen, den Juden die Fenster einwarfen, alles plünderten und zerstampften, was ihnen in die Hände fiel und einige unglückliche Juden, die ihnen in den Wurf kamen, resp. die sich nicht gut genug versteckt hatten, so verprügelten, daß sie noch jetzt schwerkrank darnieder liegen. Die Juden von Poßwetin, welche ein ähnliches Schicksal befürchteten, eilten nach Janischki. um den daselbst residnenden Pristaw um Schutz zu bitten. Der Pristaw! WO that auch, was in seiner Macht stand, trotzdem vermochte er gegen die aus Rand und Band gekommenen Bauern nichts auszurichten. Am 8. Juli rückten sie in großen Schaaren in Poßwetin ein und hausten da wie Vandalen. Schließlich zogen sie gegen die Synagoge, schlugen die Fenster derselben ein, erbrachen die Thür und wollten in das Innere derselbe!: mit der ausgesprochenen Absicht dringen, die Thorarollen daselbst zu schänden und die Bibliothek der Gemeinde zu vernichten. Glücklicherweise gelang es dem Pristaw in: Verein mit einigen Gendarmen sie noch in der zwölften Stunde aus der Unigegend der Synagoge zu verdrängen und schließlich zum Auseinandergehen zu bewegen. Dennoch vermochten sich die Juden vor: Poßwetin noch lange nicht zu beruhigen, da das Gerücht herumging, ein Theil der Bauern halte sich in den umliegenden Wäldern versteckt, um bei günstiger Gelegenheit von da hervorzubrechen und von Neuem in. Poßwetin einzufallen. In der That hatten sich die „Krawallisten" keineswegs zerstreut, sondern überfielen noch am letzten So::ntag da§ Städtchen Weißki. Am folgendenden Tage duften sie gegen Lugum und Janischki. um ihnen das Schicksal von Liickvwo, Poßwetin und Weißki zu bereiten. Hier wurden die Horde:: aber ernstlich von ihrem Schicksal ereilt; der Gouverneur von Kowno kam mit einer Kompagnie Kosaken und dem Staatsanwalt herbei, woraus 30 Rädelsführer fest genommen und gefesselt nach Schawly gebracht wurden. Jetzt ist die Ruhe wieder hergestellt, den Schaden aber, den die durch den Pfaffen von Poßwetin wild gemachten Bauern angerichtet haben, wird den Juden Niemand ersetzen. Zahlreiche Familien, die gestern noch zu den wohlhabenden zählten, sind über Nacht an den Bettelstab ge bracht worden. Die russische Judenheit hat im verflossenen Mona! einen herben Verlust erlitten. An: 29. v. M. starb nach lang wierigem Nierenleiden der gefeierte Moskauer Rechtsanwalt Fürst Urnssow, welcher im Laufe seines bewegten Lebens sich stets als edeldenkeuder Mann und furchtloser Judensreund be währt hat. In Wort und Schrift und wo er nur konnte trat er für bic Gleichberechtigung der Juden im Allgemeinen wie für die der einzelnen jüdischen Stände im Besonderen ein So hat er leidenschaftlich und mit glänzender Beredsanckeit für die Aufnahme der jüdischen Advokaten irr die Moskauer An waltskammer gekämpft. Sein größtes Verdienst um dacrussische Judenthum hat sich Fürst Urussow jedoch kurz nach den großen Judenkrawallen Allfangs der achtziger Jahre erworben. In beti zahlreichen Kriminalprozessen, welche die Regierung gegen die Exzedenten damals anstrengen mußte, wurde der Fürst vielfach als Nebellkläger zngelassell, um bic von den geschädigten Jllden gestellten Ersatzansprüche zu begründen. Hier fand der ausgezeichnete Advokat Gelegenheit, in ftammendell Worten den Antisemitismus zu brandmarken und für die verfolgten Judeil ritterlich eine Lanze zu brechen Einige Jahre später trat er als Vertheidiger der Juden in Kroz (Gouvernement Kowno) auf, welche wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt angeklagt warell. Im vorigen Jahre endlich reiste er, schon schwer krallt, nach Minsk, um die Juden in dem bekallnten Massenprozesse zn vertheidigel:. Bei dieser Gelegenheit rief er den Richtern die ewig denkwürdigen Worte zu: „Wir Alle, meine Herren, beugen das Kllie vor dem Gotie Israels!" Das war der Schwanengesang dieses größten aller russischen Advokaten, dessen Hinscheiden um so tiefer zu beklagen, je geringer die Zahl der Männer ist, die furchtlos ulld eifrig für das gute Recht der arnnen und vielgeplagten rllssischen Juden einzntreten den Mnth haben. nnha' HjMlpt degris!Pvpai lprschlt alle ji |ba§ g Messer jlichkei schritt,