Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- Seite 398 (sequence 4)
- Language
- German
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398 Galizien, wo ebenfalls die chronische versteckte Krankheit in jedem Augenblick zu fürchterlichen Ausbrüchen kommen kann. Wenn wir doch nur endlich einmal die Lehre der letzten Jahrzehnte begreifen möchten, daß gerade die Zwischenpausen zwischen diesen akuten Ausbrüchen des Judenelends dazu benutzt werden müssen, sür die Zukunst vorzuarbeiten. Und noch eins! Wir sind viel zu sehr geneigt, alles den großen Gesellschaften, der Alliance israelite universelle, der Jewish (Kolonisation Association zu überlassen, uns mit dem Gedanken zu trösten, daß diese sv viel Geld haben, daß sie alles allein machen können. Dieser Gedanke ist aber ein großes Unglück für die gesammte Judeuheit, denn mit Geld allein ist keine erfolgreiche Hilfsaktion zu führen; zu den Geldmitteln muß noch eilt solches Maß von Intelligenz treten, oft auch von persönlicher Dieustbereitschast, daß die Kräfte der genannten Gesellschaften nicht dazu ausreichen können, daß vielleicht die Kräfte der ganzen Judenheit kaum genug sind. Darum begrüßen ivir den Ausruf der Bne Brith, weil er wieder eine Gesellschaft von 50000 Mitgliedern in den Dienst der Sache stellt, wenn auch die finanziellen Mittel, die derselben zur Verfügung, keinen annähernden Vergleich aushalten mit den größeren Geldkrästen der anderen Vereine. Jndesien gerade, weil wir die neue Aktion so freudig begrüßen, fordern wir, ehe sie beginnt, eine ernste Prüfung. Auch auf diesem Gebiet existiren leider Moden, vorherrschende Strömungen, die nur zu leicht die Augen gegen die eigentlichen Bedürfnisse verblenden, zu Generalisirungen führen und die den Verhältnissen eines Landes angemessenen Hilfsmittel auch an solchen Stellen verwenden, wo sie nutzlos, ja oft schädlich sind. Solche Mvdeströmungen sind die Ueberschützung der landwirthschaftlichen Kolonisation und vor allem die auf die besseren Schulen gesetzten Hoffnungen. Auch der Aufruf der Bne Brith giebt ein Beispiel von der Macht dieser Strömungen aus dem Gebiete der Wohlthätigkeit. Er ist ganz und gar auf galizische Verhältnisse berechnet und der Satz, der sich auf Rumänien bezieht, ist wohl nur später eingefügt worden; aber gerade für Galizien ist der Plan nur zum Theile wichtig. Nicht Schulen, Brod thut unseren Brüdern in Galizien vor Allem Noth; die kulturelle Hebung wird dann ganz von selbst kommen, wenn nicht mehr 90 Prozent im buchstäblichen Sinne des Wortes zu hungern brauchen. Schulen sind in Galizien genug, auch Handwerkerschnlen giebt es ja schon dort. Die Kinder, die aus diesen Schulen kommen, finden darum nicht mehr Brod, nicht mehr Gelegenheit zum Erwerb als die anderen, iveniger gebildeten. Der Handel in allen seinen Arten, das Handwerk in allen seinen Zweigen ist mit jüdischen Arbeitskräften überfüllt, und der Knabe, der in einer Handels- oder Handwerkerschule eine bessere Bildung erhalten hat. macht nur seinen eigenen Glaubensgenossen oft verderbliche Konkurrenz. Die Juden in Galizien brauchen Brod und nochmals Brod, neue Erwerbszweige, und solche kann, da die Ueberführung zur Landwirthschaft zu langwierig und zu theuer ist, da Handel und Handwerk überfüllt sind, nur die Industrie bieten, an der es in Galizien noch ganz sehlt. Eine Industrie zu schaffen in den Centren der jüdischen Bevölkerung, möglichst, besonders im Anfang, Hausindustrien,^das sollte die erste und größte Aufgabe des galizische» Hilfswerks sein. Galizien besitzt schon seit einer Reihe von Jahren Schulen, die, von demselben Gedanken wie die Führer der neu geplanten Aktion ausgehend, Baron Hirsch durch seine Stiftung ins Leben gerufen hat. Bevor man weiter geht auf dieser Bahn, prüfe man doch einmal genau und ohne Voreingenommenheit ob es den Schülern dieser Schulen wrrthschastlich namhaft besser geht als den anderen Juden Galiziens. Wir glauben es nicht, wohl aber glauben wir, daß sie ein unverhältnißmäßig hohes Kontingent zur Auswanderung stellen, weil sie infolge ihrer höheren Bildung ihr Elend doppelt schwer empfinden, > Will man aber Schulen mit diesem Ziel in das Leben rufen, nämlich, um ihre Schüler für die Auswanderung besser auszurüsten, sv wird man auf Sprachschwierigkeiten stoßen. Schulen in Galizien müssen polnische, in Rumänien rumänische Unterrichtssprache haben, aber beide Sprachen haben in der l großen Welt wenig Kurs. Der Auswanderer aus Rumänien oder Galizien muß rumänisch und polnisch bald vergessen und eine andere Sprache, englisch, deutsch, französisch, spanisch dafür lernen. War darauf der Unterricht zugeschnitten? Man sieht, daß es sich hier um äußerst wichtige Fragen handelt, die wohlerwogen werden müssen. Vor ihrer Ent scheidung aber ist das Hilfswerk der Bne Brith noch nicht durchführbar. Zur Zeit indessen drängt die augenblickliche Noth, und es beeifere sich darum ein Jeder, durch eine recht reichlich \ bemessene Spende für das große Hilfswerk den armen , leidenden Brüdern ihre Lage nach Kräften zu erleichtern. Aie Woche. Berlin, 22. August. fie antisem itische Partei will sich einen neuen Namen beilegen. Das ist kein gutes Zeichen. Man legt doch nilr den alten Namen ab, wenn dieser nicht mehr mit Würde getragen werden kann. Schon auf dem nächsten Partei tage soll ein Antrag auf Aenderung des Parteinamens ein gebracht werden, der für den bisherigen den Titel: „Deutsch nationale Volkspartei" einführen will. Wie es scheint, will sich die Partei nach österreichischem Vorbild reorganisiren, in der Hoffnung, dadurch die Erfolge zu erzielen, die die Gesinnungs genossen in Oesterreich erreicht haben. Zu diesem Vorgehen äußert sich nun die „Köln. Volksztg.", das angesehene Centrums organ, folgendermaßen: „Die Antisemiten werden rlächstens wohl ein Preisausschreiben sin einen brauchbaren Parteinamen erlassen müssen. „Antisemiten" in ihnen nicht gut genug, und so suchen sie schon seit langem nach etwa- Besserem und Zugkräftigerem herum. Alle paar Jahre haben sie sich umgetanst, aber kein Name hat ihnen gefallen, noch der Partei in die Höhe geholfen. Heute nennen sie sich „Deutsch-soziale Reformpartei". Selbstverständlich steht dieser unverständliche Name lediglich auf dem Papier, kein Mensch nennt sie so. Auf dem bevorstehenden Parteitage wird nun wieder über die Umtausung berathen werden. Der brauchbare Name sehlt aber noch. In der „Staatsbürgerzeitung" wird letzt vorgeschlagen, sich „Deutschnationale Volkspartei" zu neunem Dieses papierne Ungethürn wird aber der Partei ebensowenig aufhelfen wie der jetzige Name. Für den täglichen Gebrauch ist erscholl garnicht zu verwellden. Jnl Uebrigell kann auch der packendste, knappste mir» volksthümlichste Name einer Partei nichts nützen, wenn diese nicht einem politischen Bedürsniß entspricht und den Beweis zu liefern versteht, daß sie das von ihr Erwartete zu leisten vermag. Die Antisemiten, die liicht so genannt sein wollen, haben bis jetzt nur bewiesen, daß sie selbst nicht wissen, was sie wollen." 4. Das leitende Organ der fr ei konservativen Partei, die „Post", hat mit einem Leitartikel am vorigen Donrierstag zum