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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-24 · Heft 34 (24.8.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 24. August 1900 64. Jahrgang. Ar. 34. Allgemeine eitung öes Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabüiner 0r- Ludwig PHUippson-Bomi. Verlags-Grpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin I unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. I Redaeteur: Gustav Karpeles.! Leitartikel r Hilfswerk, Kolonisation und Schulen. — Die Woche. — Der vierte Zionistenkongreß. — Pariser Brief. — Das Meiselbanner in Prag. Von Rabbiner Dr. Alex. Kisch in Prag. —Feuilleton: Bethulah. VIII. Von I. Zangwill. — Von der Reise. II. — Sprechfaul. Der Gemeindebotc. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg i. P., Könitz, Schneidemühl, Bremen, Münster, Rees, Wien, Odessa. — Don Nah und Fern. — Miseetten. — Geschäftliche Notizen. Oilfswerk, Kolonisation und Schulen. Berlin, 22. August. ieder pochen, wie in den Jahren 1882 und 1891, unsere Brüder aus dem Osten hilseflehend an unsere Thür, und vor den erstaunten Augen des westeuropäischen Juden entrollt sich ein Bild des Jammers, das er bisher fürunmöglich gehalten. Jll den Jahren 1882 und 1891 waren es russische Inden; in diesem Jahre sind es rumänische, die an unsere Hilfe appelliren. Eilig haben sich Komitees gebildet, sanunelt man Geld und bemüht sich, die Auswanderung zurückzudämmen, sie wenigstens zu organisiren. Die Alliance israelite universelle und die B'ne Brith-Logen haben sich mit warmen Aufrufen an unsere Glaubensgenossen in alle Welt gewendet, um die nöthigen Mittel für dieses Hilfswerk zu erhalten. Es bedarf kaum einer Ausführung, daß im gegenwärtigen Moment der größten Roth die schnellste Hilfe die dringendste ist, daß die weitergehenden Pläne zurückgestellt werden müssen, so lange die Bedürfnisse des Augenblicks alle Kräfte in Anspruch nehmen. Darum verdient auch zur Zeit der Aufruf der Allianee israelite universelle, der nur die Gelder zum momentanen Hilsswerke fordert, den Vorrang vor dem, der eine große Aktion in Aussicht stellt, die in jahre-, vielleicht jahrzehntelanger Thätigkeit dem Elend gründlich abzuhelfen unternimmt. In diesem Augenblicke tritt auch der Gedanke, die auslvandernden Juden als Bauern zu kolonisiren, wieder in den Vordergrund, und zwar sind es Kanada und Cypern, die man sür solche Projekte in Aussicht nimmt. Für Kanada hat mall in Rumänien lebhafte Agitation getrieben; viele Tausende von Flugschriften, in denen diese englische Kolonie als ein Eldorado gepriesen wurde, sind in Galizien und Rumänien verbreitet werden, und zahllose Auswanderungsagenten waren bemüht, das Feuer zu schüren, um an den armen Emigranten für Billets rc. ein Stückchen Geld zu verdienen. Diese Bemühungen haben viel Unheil angerichtet, und sie haben manchenr arrnen Mann den Kopf verdreht, so daß er das Land, in dem der polnische Bauer sich vielleicht mit Mühe als Landwirth behaupten kann, als Ziel seiner Reise erwählte, ohne zu bedenken, daß er vom Landbau nichts versteht und rettungslos zu Grunde gehen muß, wenn er aus diesen Erwerb angewiesen ist. Kanada besitzt nur sehr wenige Städte, und die Zahl der jüdischen Einwanderer, die in diesen Brod finden könnten, muß daher minimal bleiben. Mit aller Energie muß aber darauf hingewiesen werden, daß eine Kolonisation aus dem Stegreif unmöglich ist. Sollen Juden, die es bisher nicht waren, Bauern werden, so bedarf es, ganz abgesehen voll den nöthigen Geldmitteln, vieljähriger Arbeit und es ist ganz allsgeschlossen, daß die emigrirenden Elemente ohne jede Wahl nun mit einem Schlage Bauern werden könnten. Die Erfahrungen zweier Jahrzehnte in Nord-Amerika, Palästina, Argentinien und Kanada selbst sprechen eine so deutliche Sprache, daß sich nur Derjenige diesen realen Argumenten verschließen kann, der nicht hören und sehen will. Zu dieser Kategorie rechnen wir auch die Herren, deren Propaganda für Cypern zur Reise dorthin Hunderte von Emigranten veranlaßt hat, die jetzt von der englischen Verwaltung der Insel abgewiesen werden. Wie schon viele Andere, wie wir selbst hat neuerdings Professor Marburg, der vor wenigen Monaten von einer Reise nach dem Orient zurückgekehrt ist und Cypern aus eigener Anschauung kennt, vor der leichtherzigen Propaganda für die Kolonisation in Cypern gewarnt, aber alles dies hindert gewisse Leute nicht, nach wie vor ihre Agitation fortzusetzen. Scheiden somit für dieAuswanderung alle die jenigen Länder aus, die uur für landlvirthschaftliche Kolonisation in Frage kommen, so bleiben als Ziel nur die Vereinigten Staaten von Nordamerika und vielleicht Australien, sowie nach Beendigung des Krieges Südafrika übrig. Bei geschickter Organisation möchte es vielleicht auch in den Ländern romanischer Zunge in Europa oder Amerika gelingen, einige Tausende von Auswanderern zweckentsprechend vertheilt so unterzubringen, daß sie ihr Brod selbst erwerben können. Die Leitung dieser Arbeiten kann nur der Alliance anheimfallen; für uns bleibt die Aufgabe, derselben möglichst hohe Beträge für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen, resp. die Sanunlungen so energisch als möglich zu betreiben. Die gegerllvärtige akute Nothstandsperiode wird in einer oder anderen Forin sicher beendigt werden, aber was soll dann werden? Wir haben schon das chronische Leiden in Rußland, das bereits zweimal 1882 und 1891 akut wurde, wir haben I dasselbe auch in Zukunft in Rumänien, wir haben es auch in

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