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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-17 · Heft 33 (17.8.1900) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 395 (sequence 13)
Language
German
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. 395 der Geist eines Ertrunkenen, aber vergebens, keine Spur von Bethulah. Es war klar, ihr Vater hatte sie vor mir gewarnt, sie hatte die Stunde ihres Spaziergangs und ihrer Seelenerhebung, vielleicht sogar den Platz geändert. Ich mußte eine zweite Begegnung mit diesem holden, seltsamen Geschöpfe dem Zufall anheimstellen. Durch einen Besuch in das benachbarte Dorf hatte ich eine kleine Zerstreuung gefunden. Dieses kleine Dorf bildete einen erfrischenden Gegensatz zu dem jüdischen Zloczoczvl, von den mit Kränzen geschmückten Kreuzen am Wege bis zu den Landsrauen in rosa Schürzen und hohen Schuhen. Ein wunderbarer Sonnenuntergang war fast vorüber, als ich das Ufer betrat, das heiunvärts führte. Das Ufer war hier sehr steil, der Strom floß wie zwischen Klippen. Am Himmel hingen große Züge goldumrändeter Wolken wie die Reliquien einer Glorie, die einst gewesen, und die Herbstblätter, die meines Pferdes Fuß dicht umhüllten, schienen vom Sonnenuntergang hernntergefallen zu sein. Weit hinten schien die weiße Spitze des Gebirges von der vulkanischen Pracht der Sonne zu scheiden, die wie ein schmaler Fenersee nach und nach erlosch. Und gerade aus dem Sonnenuntergang, über die rothen Blätter, kam Bethulah, wie in prophetische Gedanken verzückt, im Todtenhemd mit der Krone aus dem schöneil Haupte, ihr voraus ein langer Schatten, der fast ebenso unberührbar erschien wie sie. Ich zügelte mein Pferd und beobachtete die Erscheinung mit starkem Herzklopfen. Und als ich sie anblickte und mich dann an ihre grotesken Anbeter erinnerte, dachte ich bei mir, wie ungleich doch Mutter Natur ihre Erde bevölkert hätte. — Diese Herrlichkeit des Svnnen-Auf- und Unterganges, diese Seen und Berge, ivas für eine Berschwendnng für unser kleines Geschlecht, das niedrig unter den Sterneil kriecht. Bethulah allein schien iverth dieser wunderbareli Scenerie. sie paßte zu diesem eisigen Gipfel, zll dieser feurigen Reinheit. „Bethulah." rief ich, als sie ganz in der Nähe meines Pferdes war. Sie blickte aus, und ein leiser Schrei, der ebenso gut Freude wie Schreck bedeuten konnte, entfuhr ihren Lippen. Aber an dem Lächeln in ihren Augen, an dem Roth, das ihre Wangen färbte, sah ich mit Freude und Erstaunen, daß ihr diese zweite Begegnung ebenso allgenehm war ivie mir. Aber die bewußte Bethulah beeilte sich zu verstecken, ivas sie univillkürlich enthüllt hatte. . „Es ist nicht recht von Dir, Fremder, so lang« hier zu verweilen," sagte sie stirnrunzelnd. „Ich bin Dein Schatten," antwortete ich, „und muß weilen, wo Du willst." „Du bist wirklich ein Schatten," sagt mein Vater, „ein Wesen, das der böse Gott geschaffen hat, um uns Unheil zu bringen." „Nein, nein," sagte ich lachend, „mein Pferd trägt keinen Schatten, und der Gott, der mich gebildet, ist nicht der absurde, gehörnte und geschwänzte Gott, an den man Dich glauben heißt, sondern ein kleiner, rosiger, geflügelter Gott mit einem Bogen und vergifteten Pfeilen." „Ein kleiner geflügelter Gott? Ich kenne keinen solchen Gott." — „Du weißt ja auch nicht, wovon Du Königin bist," sagte ich lächelnd. — „Es giebt nur einen Gott," antwortet« sie mit süßem Ernste. „Sieh, der Busch brennt und wird doch nicht verzehrt." Sie deutete mit ihre»» Finger auf den Busch, den die sinkende Sonne zu verzehren schien. „So brennt der Liebesgott in unserem Herzen," sagte ich, in denselben poetischen Ton sollend wie sie selbst, „und wir werden nicht verzehrt, nur verherrlicht. Ich wollte ihre Hand ergreifen, die zärtlich mein Pferd streichelte, aber sie fuhr mit einenr Schrei zurück. „Ich will nichts mehr hören. Das ist das sündige Gespräch, vor dem mein Vater mich warnte. Leb wohl, Fremder. Und mit eiligem Schritt entfernte sie sich." Ich saß einige Sekunden still, halb verwirrt, vielleicht auch zufrieden, daß ich ihre graziösen Bewegungen beobachten konnte, dann aber gab ich dem Pferde die Sporen und setzte zur Verfolgung an. Aber in diesem Augenblicke stürzten einige Männer in langen Kitteln und großen, runden Sammethüten aus dem Dickicht hervor, schrien und schwangen brennende Tannenzweige. Mein erschrockenes Pferd fiel in einen wüthenden Galopp und setzte geradeswegs auf den Fluß zu. Ich warf mich in den Sattel zurück und zog verzweiflungsvoll an des Thieres Maul, aber vergeblich. Nun befreite ich mich von den Steigbügeln und bereitete mich daraus vor, zu fallen wie es ging, als ich vor einem vorstehenden Busch unwillkürlich meinen Kopf duckte. Instinktiv streckte ich meine Hände »ach dem Busche aus, ergriff ihn auch glücklich mit einem verzweifelten Rucke, bei dem ich glaubte, daß meine Arme ans ihren Höhlen fielen, — aber ich hing sicher. Das Pferd, von meiner Last befreit war im nächsten Augenblicke am anderen Ufer, — ein wilder, unglaublicher Sprung, dann stand es zitternd, schweißtriefend still. Ich konnte nicht zu ihm gelangen, aber ich war sicher, es würde seinen Weg nach Hause finden. Mit diesem beruhigenden Gedanken sprang ich zn Boden. Ich hoffte. Bethulah noch zu finden und die drei Bösewichter zu bestrafen. Aber Alle waren unsichtbar geworden. Ich wanderte eine halbe Stunde durch die Ebene, um zu der Tannenbrücke zu gelangen, einmal dort, war es mir nicht schwer, mein Pferd zu finden. Es kam 31t mir heran, legte seine weiche, noch feuchte Nase in meine Hand und wieherte entschuldigende Glückwünsche für unser gemeinschaftliches Entrinnen. Ich ritt langsam nach Hanse und dachte über die neue Wendung in meiner Liebesangelegenheit nach; denn es war klar, Bethulah war nun mit einer Leibgarde umgeben, über die sie ebenso unwissend war >vie über sich selbst. Wäre es nicht nothwendig gewesen, ihre Seelenerhebung zu machen, ich glaube, es wäre ihr nicht gestattet worden, an die Luft zu gehen, so lange ein solches Satansgeschöpf wie ich herumlauerte. Am nächsten Tage stand ich und sonnte mich auf der Tannenbrücke und bedauerte innerlich, daß kein Gitter war, sich darall zu lehnen und bett wunderbaren Lauf des schönen Flusses zu beobachten. Er schien mir ungewöhnlich blau im Kontrast zu dem grünen Unkraut, das von der starken Strömling hin- und hergeschleudert wurde. Dieses biegsame Grün erinnerte mich an des Wunderrabbis Augen und ail seine Smaragdsiegel, irnd wie in plötzlicher Warrmng vor einer Gefahr drehte ich nrich herurn, gerade zur rechten Zeit, um dem Angriff von denselben drei Männern auszuweichen, die einen Anlauf genommen hatten, mich über Bord zu werfen. Im selben Moment hatte ich meine Pistole hervorgezogen und rief: „Steht oder ich schieße." (Forts, folgt.)

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