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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-17 · Heft 33 (17.8.1900) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 393 (sequence 11)
Language
German
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393 an der Hand berufener Lehrer in das talmudische Studium, mit beispielloser Gewissenhaftigkeit und Begeisterung sich für den rabbinischen Beruf vorbereitend. Wäre Sachs vom Anfang an — meint unser Autor nicht mit Unrecht — in Berlin geblieben, so wäre er ein einfacher Schönredner wie Salomon und Klee geblieben und hätte nicht die wissenschaftliche Bedeutung erreicht, die er durch den Aufenthalt iw Prag und den Verkehr mit den dortigen Gelehrten thatsächlich erlangt hat. Eine Zeit des beglückeudsten Nehmens und Gebens — bemerkt Ludwig Geiger — brach für Sachs an, als der große Pfadfinder der jüdischen historischen Kritik, R. S. Rapaport, 1840 an die Spitze des Prager Rabbinats berufen wurde. Obwohl im Wesen, Erziehung und Alter von einander grundverschieden, schlang sich um Sachs und Rapaport ein Band innigster Freundschaft und Liebe durch die Beiden gemeinsame unerschütterliche Liebe zum jüdischen Stamme, zur jüdischen Religion, zur Wissenschaft und Litteratnr des Judenthums. Während in verschiedenen deutschen Gemeinden wegen der Einführung der deutschen Predigt die erbittertsten Kämpfe tobten, die dort amtirenden alten Rabbiner die Verkündigung des Gotteswortes in korrekter und geläuterter Muttersprache als unjüdisch verschrieen und in der Berufung und Anstellung von akademisch gebildeten Predigern den Verfallsanfang des traditionellen Judenthuins erblickten, sah man den streng konservativen Rapaport, so oft Sachs eine Predigt hielt, unter dessen Zuhörern, und Sachs wiederum Rapaport als den Meister der jüdischen Wissenschaft verehren, ein Verhältniß, das in der Geschichte der Rabbiner des neunzehnten Jahrhunderts fast vereinzelt dasteht. Aber nur vier Jahre war es Sachs vergönnt, Rapaport in der tiefsten Verehrung und innigsten Freundschaft nahe zu sein. 1844 ward er als Rabbinatsassessor und Prediger nach Berlin berufen. Was er verloren hatte, sollte ihm jedoch hier durch den Verkehr mit Zunz, für dessen Bibelausgabe er schon 1837 die Uebersetzung von fünfzehn Büchern lieferte, reichlich wiedererstattet werden. Sachs' Berufung nach Berlin wurde von dem größten Theil der Berliner Gemeindemitglieder freudig begrüßt, wenngleich es auch nicht an Finsterlingen fehlte, die Sachs für einen „Reformer" hielten. Obwohl Sachs streng nach den Vorschriften des Schulchan-Arnch lebte und mit peinlichster Sorgfalt selbst das geringste Gebot ausübte, wodurch er nicht selten dem Spott und den hämischen Glossen der sogenannten Gebildeten ausgesetzt war, so mußte er doch die unangenehme Erfahrung machen, daß selbst seine ungeheuchelte, auf Wissen und Erkenntniß basirendc Frömmigkeit nicht diejenige sei, welche die Orthodoxie verlangte. Diese konnte ihm nicht verzeihen, daß er für die Einführung eines geregelten Gottesdienstes plaidirte, den „Jekum Purkan“ abschafste, in einem klassischen Deutsch predigte; und Viele ihrer Anhänger verließen, sobald Sachs die Kanzel bestieg, ostentativ das Gotteshaus. In dieser Parteinahme gegen Sachs zeichnete sich besonders der Rabbinatsassessor Rosensteiu aus, der einem orthodoxen Mitglied des Berliner Gemeindevorstandes gegenüber die ironische Bemerkung machte: „Nun weiß ich, warum man dem Prediger (Sachs) eine goldene Feder zum Geschenk machte: er soll mit ihr die alten heiligen Gebete streichen." Das Benehmen seiner Gegner war Sachs nicht gleichgiltig, aber ebensowenig lag es in seinem Charakter, von dem einmal für richtig befundenen Weg nach links oder rechts abzuweichen. Wie verschieden aber die Meinungen über Sachs in der ersten Zeit seiner Berliner Wirksamkeit auch waren, so waren doch Alle, Anhänger und Gegner, darin einig, daß er ein lauterer Charakter, im höchsten Grade wahrheitsliebend und kein Diener des Mammon war. Ganz besonders aber war eS seine rhetorische Begabung, die ihm die Herzen der Berliner Juden zuführte. Betraut mit der geistigen Führerschaft der mächtig emporstrebenden Berliner Gemeinde, ward er nach und nach den schwärmerisch an seinen Lippen hängenden Andächtigen ein Gegenstand aufrichtiger Liebe und Verehrung. Die poetische Begeisterung, die ihn auf der Kanzel gefangen hielt, übertrug sich suggestiv auf seine Zuhörer, in deren Herzen die erlauschten Worte einen kräftigen Widerhall fanden und lange nachwirkten. Indessen hielt ihn sein Amt nicht ab, mit noch größerer Hingabe als zuvor seine litterarische Thätigkeit sortzusetzen. 1845 bereits erschien die „Religiöse Poesie der Juden in Spanien", Varnhagen von Ense in dankbarster Verehrung zugeeignet, ein Buch voll Mark und Größe, das nur Derjenige gebührend zu würdigen versteht, der das hebräische Original genau kennt. Wir können Dr. Bernseid nur zustimmen, wenn er sagt, daß weder Rapaport noch Zuuz oder S. D. Luzzatto die Schönheit der jüdischen Poesie der Welt offenbart haben, sondern Heinrich Heine, der, von Sachs' Uebertragnngen inspirirt, seinen Jehuda ben Halevi dichtete und somit die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf die jüdischen Dichter des Mittelalters lenkte. 1852 und 1854 erschienen zwei Hefte seiner „Beiträge zur Sprach- und Alterthumsforschung". Die eigentliche Aufgabe dieses Werkes, die Fremdwörter des Talmuds und der Midraschim, erweiterte sich vor den: Geiste des Autors zur Geschichte der Berührung verschiedener Kulturen und Sprachkreise. Zwischen die beiden Hefte der „Beiträge" fallen 1853 die „Stimmen vom Jordan und Euphrat". Die Krone seiner Uebersetzungsthätigkeit bilden aber erst 1855 bis 1856 „Die Festgebete der Israeliten" in neun Bänden, den gereinigten Text der Originale mit einer wahrhaft dichterischen und dennoch wissenschaftlich getreuen deutschen Uebersetzung enthaltend. Das Gebetbuch für Israeliten beschloß 1858 seine Thätigkeit als Uebersetzer des jüdischen Rituals für Deutschland. Es ist nicht meine Aufgabe, hier den ganzen Inhalt des Bernfeld'schen Buches wiederzugeben. Neben den biographischen Notizen, die schon früher Ludwig Geiger, wenn auch in knapper Form, zu einem Ganzen zusammen getragen hat, entrollt uns Bernfeld ein Stück Zeitgeschichte und läßt Personen und Verhältnisse, die in das Leben Michael Sachs' eingriffen, vor unserer Seele Revue passiren. Mit lebendiger Deutlichkeit schildert uns der Autor Sachs' Leben, Schaffen und Wirken, Sachs' Verhältnisse zur Orthodoxie und Sachs' Abneigung gegen die damaligen Refombestrebungen, Sachs als Dichter, als Gelehrten, als Mensch und als Rabbiner, und gelangt ebenso wie Ludwig Geiger zu dem Ergebniß, „daß Sachs weniger ein Mann eingreifender Wirksamkeit gewesen, als vielmehr ein stiller, selbstgenügsamer Forscher, der in einen prophetenartig flammenden Prediger sich verwandeln konnte, wenn der Geist ihn rührte, dann aber scheu und weltflüchtig zu seinen geistigen Schöpfungen zurückkehrte, in denen seiner Seele Seligkeit lag."

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