Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-17 · Heft 33 (17.8.1900) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 392 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228399--56733-3293057
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

392 Herrn mit Vorliebe genannt wurde, dort erschien. Wie sehr ihn Lenau liebte, beweist auch der Umstand, daß er bald nach seiner Rückkunft von Amerika im Juni 1833 Vater Ziunnerle aufsuchte, um ihn an sein Herz zu schließen und mit ihm über das Vergangene und das Zukünftige zu berathen. Noch kurze Zeit vor seiner geistigen Umnachtung unternahm er von Stuttgart aus am 4. Juni 1844 einen Abstecher nach Heidelberg, um den Alten in seine Arme zu schließen. Er schreibt darüber an seinen Schwager Schurz u. a.: „In Heidelberg besuchte ich nleinen alten Freund, den über 80jährigen Zimmer. Es freute mich herzlich, daß er mich mit der nämlichen Wärme empfing, mit der er mich vor Jahren scheiden ließ. Diese waren unschädlich an seiner Freundschaft vorübergegangen, und er wollte meine Hand gar nicht mehr auslassen. Auch seine Söhne und Töchter begegneten mir mit großem Wohlwollen." Wie man sieht, hat auch das Judenthum alle Ursache, das Andenken an den großen und edlen Menschen und Dichter in Pietätsvoller Weise hochznhälten. Eine Biographie von Michael Sachs. Von Albert Kcitz. fie neuhebräische Litteratur, die im letzten Dezenium einen Anlauf genommen hat, der zu den besten Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft berechtigt, zieht nunmehr in ihren Kreis auch jenen Zweig der Litteratur, der bei uns Juden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur wenig Beachtung fand, aber wie feiten ein anderer Zweig des geistigen Schaffens geeignet ist, herrliche und anmuthige Blüthen zu treiben. Wir meinen die biographische Litteratur, die Lebensbeschreibung hervorragender Persönlichkeiten, die wir aus ihren Werken zwar kennen, während ivir nichts oder nur wenig über ihr Leben wissen. Die Werke einer berühmten Persönlichkeit gewinnen aber unendlich an Werth und Bedeutung, wenn der Leser einen Einblick in die Werkstatt ihres Entstehens, in das innere Leben des Verfassers erhält. Die Lektüre einer solchen Lebensbeschreibung, wenn sie flott, lebendig und interessant geschrieben, ist anregend, unterhaltend und belehrend, da sie dann nicht nur mit dem Streben und Werdeprozeß der von ihr behandelten Persönlichkeit bekannt macht, sondern auch ein farbenreiches Spiegelbild der Zeit und der Kreise ist, in denen ffie gelebt und gewirkt hat. Eine solche Arbeit bietet S. Bern selb in seiner kürzlich erschienenen Schrift über Dr. Michael Sachs*), die in einem klassischen Hebräisch gehalten, aber aus diesem Grunde den nächsten Interessenten, dem größten Theil derdeutschen Judenheit, leider ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Wir haben in diesen Blättern vor einiger Zeit auf eine ähnliche Arbeit desselben Autors, auf die von ihm verfaßte Biographie Rapaports hingewiesen, und es ist erfreulich, konstatiren zu dürfen, daß der Verfasser auch in der uns vorliegenden Publikation streng objektiv zu Werke gegangen ist. Indessen der Name Rapaport, obwohl in der wissenschaftlichen Welt fortlebend, ist nur einer kleinen Gelehrtengemeinde bekannt, während der Name Dr. Michael Sachs noch immer auch von der großen Masse häufig genannt wird, ja für einen großen ') Verlag Achiasas, Warschau 1900. Theil der deutschen Juden noch jetzt ein System, ein Programm ist. Sachs Siddur, Sachs Machsor, Sachs „Stimmen vom Jordan und Euphrat" sind fast in jedem gebildeten jüdischen Hause zu finden; allein nur Wenige wissen etwas Näheres über den Lebensgang dieses Mannes, über sein Streben, Ringeil und Kämpfen, bald niit einer starren Orthodoxie, bald mit einem voreiligen Liberalismus. Wir sind daher dem Autor zu Danke verpflichtet, daß er uns an der Hand authentischer Daten ein klares, zusammenfasseudes Bild dieses großen Mannes entrollt hat. * * * Michael Sachs, am 3. September 1808 in Gr.-Glogau geboren, ist von seinem „frommen und gottessürchtigen" Vater, Rabbi Naphtali Jehuda, und von seiner ebenso frommen und gottessürchtigen Mutter Chaje Sara, die zugleich zu den gebildeten Frauen der damaligen Zeit zählte, scholl im zartesten Jugendalter zum Studium des jüdischen Schriftthums angehalten worden. Insbesondere scheint es die hebräische Sprache gewesen zu sein, die die frommen Eltern ihrem Liebling gründlich erlernen ließen; denn schon als 13jähriger Knabe verfaßte er ein hebräisches Gedicht, das David Samoscz dem Druck zu übergeben für gilt befand. Nachdem er das dortige evangelische Gylunasium absolvirt hatte, bezog er am 2. Mai 1827 die Universität Berlin, wo er neben dem Studium der Philosophie und orientalischen Sprachen ganz besonders die klassische Philologie zum Gegenstand seines Fleißes wählte. Im Mai 1835 machte er das Oberlehrerexamen und brachte damit seine akademischen Studien zum Abschluß, ohne jegliche Aussicht, als Jude an einem Gymnasium eine Anstellung zu finden. Er richtete nun mit großem Eifer sein Augenmerk auf die Erforschung und Bearbeitung des jüdischen Schriftthums. Als erste Frucht seines Fleißes erschienen im selben Jahre „Die Psalmen, übersetzt und erläutert". Mit Recht bemerkt Ludwig Geiger in seiner Einleitung zum Briefwechsel zwischen Michael Sachs und Moritz Veit, S. VIII: (Verlag I. Kanffmann 1897): „Die Widmung an Friedrich Rückert ist für die Richtung und fernere wissenschaftliche Laufbahn Sachs bezeichnend, wie sich denn die wesentlichsten Merkmale seines litterarischen Charakters bereits in diesem Erstlinge anküudigen: Selbständigkeit, Streitbarkeit. Genialität. Eine Fülle neuer Erklärungen, überraschender Auffassungen verrieth bereits den vortrefflichen Exegeten, wenn auch die fast rücksichtslose Härte der Uebersetzung, die mit der sprachbildenden Kraft übermüthig spielende Kühnheit der treuen Wiedergabe vielfach Bedenken erregen mußte." Schon durch diese Psalmenübersetzung lenkte Sachs die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf sich, aber nur Wenige, vielleicht mit Ausnahme von Moritz Veit, ahnten, daß dieser junge Gelehrte dereinst eine Höhe erklimmen werde, die nur von Wenigen seiner Zeitgenossen erreicht worden ist. Indessen stand Sachs vor der großen Frage einer Existenzbegründung. Nach vergeblichen Unterhandlungen mit den Gemeinden in Dresden und Wien erhielt Sachs 1836 eine Berufung als Prediger nach Prag, und in dieser altehrwürdigen Gemeinde begann Sachs eine wissenschaftliche Thätigkeit zu entwickeln, die für seine spätere Bedeutung grundlegend war. Obwohl seine zündende unwiderstehliche deutsche Kanzelberedsamkeit wie ein Wunder angestaunt wurde, begnügte er sich keinesfalls wie so mancher seiner Standesgenoffen mit dieser Himmelsgabe, sondern vertiefte sich mit geradezu demüthiger Hingebung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.