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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-17 · Heft 33 (17.8.1900) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 391 (sequence 9)
Language
German
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301 Jene haben's hoch getrieben. Du verschacherst alte Kleider; Aber Alle seid ihr leider Ein geknicktes Volk geblieben. Noch großartiger ist das Gedicht, worin er die Charakterstärke des jüdischen Märtyrers kennzeichnet, den alle Verlockungen, materieller Vortheile wegen den Glauben seiner Väter zu wechseln, ui '.,t beirren können, der vielmehr standhaft alle Bekehrungsversuche zurückweist. Jud' ist all ein Kreuz gekommell. Speist am fremden Heiligthume Auf der Bank ein Stücklein Krume, Ruhe soll den Gliedern frommen. Nickend träumt er: seine Vater Jubeln um das Kreuz im Ringe, Und er hört die Silberlinge Klirren Judas, dem Verräther. Zieht ein Jäger, heimbeflisseu. Doch es schnüffelt noch sein Hündlein Um den Schläfer, um das Bündlein, Stiehlt ihnl aus der Hand den Bissell. Zieht des Wegs daher ein Bauer. Und er rüttelt wach beu Armen: „Schlaf' nicht!" ruft er mit Erbarmen. Sonst erfrierst im Winterschauer." „Leg' wahrhaftig deine Bürde Hin am Kreuze, sammt dem Fluche; Jude, irres Schäflein, suche Jesu Christ warme Hürde." „Jude wolle dich bekehren! Dir vom ganzen alten Bunde Blieb dies Bündlein nur zur Stunde, Dich zu schützen, dich zu nähren. „Laß dich taufen und verwandeln: Mancher that's, und mit vier Rossell, Hornklang kommt er nun geschossen. Der einst nmrief: „Nichts zu handeln?" „Nimm mich au zll deinem Pathen; Nebst dem Angebiud. dem werthen, — Gott gesegnet's dem Bekehrten — Labst du dich all Wein und Braten." Drauf der Jnve spricht, der echte: „Laß mich nie und nimmer taufen. Wollt' ihr nicht Gewänder kaufen Für die Dirnen, für die Knechte? -- —" „Mancher trägt das Kreuz am Rücken, Jude noch im Herzensgründe, Schwerer als des Bündels Pfunde; Wählt euch was von meinen Stücken!" Doch er sieht den Bauer scheiden. Ulld sein Bündel schnürt er wieder. Müde seilkt er drauf sich nieder, Traurig von des Weges Leiden. Wieder hat am Kreuz den Armen Schlaf und froher Traum befallen. Eine Stimme hört er schallen. Süß wie himmlisches Erbarmen: „Harret, meine Kinder, harret!" Rust Messias, näher, lläher. — Wandrer finden den Hebräer Liegen an denl Kreuz erstarret. Ein grausiges Kulturgemälde, alle Schrecken des Mittelalters und seine Stellmlg zum Judenthum ausrollend, entiuirft uns Lenau in seiner Dichtullg: „Savonarola". In der Stadt Rom, wo alle Verbrechen ungestört hausen, in der düstern Nacht des 14. Jahrhunderts, wo manche Päpste ihre Orgien feierten, hört des Domes Thürmer den alten Juden Tubal dlirch die Gassen klappern und mit seiner Krücke die Steine bearbeiten und kreischende, gellende Töne voll sich gebell. Er wird lvenig beachtet, denn er ist ein wahnsinniger Narr, nur der Wächter- Hat einen Augenblick nienschliche Anwandlung, denn er bedauert den Irren: „Du armer Jude, ist's ein Wunder. Weull deine Sinne sich verirrt. Ulld weilll des Wahnsinns grauser Plunder Dir zorilig voll den Lippen schwirrt? Warst du liicht elend und verachtet, Von Jugend auf gedrückt, gehetzt. Bis sie geraubet und geschlachtet Selbst deine Kinder dir zuletzt?" Dieser Tubal nun erscheint plötzlich bei einem lustigen Gelage, wo der Weill in Strömen flieht und allen Lüsten gefröhnt wird, und bei dem Anblick des verwitterten, bohlen und erschreckend blassen Juden wird es ringsum todtellstitte. indem er in furchtbarer Weise gegen die Verbrechen des Papst!buins in jener Zeit donnert, welches er beschuldigt, daß es ihm drei seiner Knaben getödtet. um durch die Transfusion des Blutes der unschuldigen Kinder das Leben Papst Jnnocenz VIII. zu retten. Traurig fügt der Dichter hinzu: „Er ist kein Narr, er ist nur eleud. Weil er das Ungeheure litt, Weil ihn das Bild des Jamnlers quälend Verfolgt ans Grab mit jedem Schritt. Ob auch der alte Jude rase In feinen Reden graus und wild. Auch im zerbroch'nen Spiegelglase Zeigt sich von nns'rer Zeit das Bild. Der alte Tubal, wohl also hier die Verkörperung des Jndenthmns des Mittelalters, hat noch die Genugthuung, daß Savonarola durch seine flammenden Reden das Papstthum in seinen Grnndvesten erschüttert, und daß die Wahrheit siegt und die Feinde wanken. Er folgt den Leuten zum Strande, als sie die Asche vom Scheiterhaufen Savonarolas niederstreuten, erfolgt gedankenvoll dem Strom und weint und lauscht dem langen Leichenzug der Wellell, der mit dem Staub von hinnen rauscht. Vom Morgen bis zum Abend zieht er fort am Arnoflnß, bis ihm endlich die Kräfte versagen: „Und starrend in die rothen Fluthen, Gedenkt er wieder kummervoll, Der Kinder. sieht, wie sie verbluten — Doch schweigt in seiner Brust der Groll. Bezeichnend für den edlen, reinen Charakter des unglücklichen Dichters war der Umstand, daß er neben seinen zahlreichen lilterarischen Freunden aus dem Kreise des Judenthums, zu denen ihn hauptsächlich geistige Wahlverwandtschaft hinzog, einen jüdischen Geldwechsler Namens Zimmern, — auch „Zimmerte" genannt, — zu feinen vertrautesten Freunden Zählte. Er nannte ihn selbst „einen lieben, ehrwürdiger!, alten Juden", mit dem er sich oft stundenlang unterhielt und dessen Weltweisheit und Lebensklugheit ihn außerordentlich anregten. Zirumern wohnte in Heidelberg, und es war immer ein Festtag, wenn Niki, rvie er im Kreise der Familie des alten

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