Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- Seite 390 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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:s‘Jo Sucht! Sucht! — Die Wahrheit schrieb die Kunde Vom tiefen Lebeusgruude Wohl einem Vögleiu auf dem Kopf, Und den Schöps, Aus des Hirnes glatte Schale; Das Vögleiu flog in alle Welt. Zhm ward durch Berg' und Thale Bis jetzt vergeblich nachgestellt. Nur zugeforscht! Wer weiß denn auch, Ob nicht der Vogel einen Strauch Zu seinem Sitze auserkiest, Und, frohgelaunt, bei Frühlingswetteru Von seinen schopfgeborg'nen Lettern Euch singend was hernnterliest! Ist auch das Vögleii, ans der Flucht. — Sucht! Sucht! Schon frühzeitig kam Nicolaus Lenau altf seinen unstüten Wanderungen, namentlich in Oesterreich und Süddeutschland mit einzelnen namhaften Inden in Berührung, wurde mit ihnen befreundet rind lernte so jüdisches Leben und Denken aus eigener Anschauung kennen und schätzen. Zu seinen Jugendfreunden, die später auch sehr schätzenswertste Beiträge zum Leben und Schaffen des Poeten geliefert haben, gehörten auch einige Brüderi» Apollo, u. A.: Leopold Kornpert, der unerreichte Dichter der böhmischen Ghettogeschichten, Ludwig August Frankl und Bert hold Auerbach. Mit ihnen allen verkehrte Lenau auss Intimste, und in seinen ernsten und heiteren Unterhaltungen hat er nie ein verletzendes Wort gegen Juden und Judenthum gesprochen, vielmehr so manchen Ausspruch gethan, welcher einerseits von seiner judensreundlichen Gesinnung und andererseits von seiner Verehrung für die kulturgeschichtliche Bedeutung Israels ablegt. Im „Silbernen Cafehaus" zu Wien, wo die Schöngeister jener Zeit in der Stadt an der schönen blauen Donau sich zu versammelten pflegten, traf im Herbst 1834 L. A. Frankl mit dem damals 32jährigen Lyriker zum ersten Mal zusammen. Dort war es auch, wo er mit dem jüdischen Schriftsteller Gustav von Franck, welcher ihm eine prächtige Beethovenbüste verehrte, und de» jüdischen Tonkünstlern Josef Fischhvf und Josef Des sau er bekannt wurde. Auch der blutjunge Leopold Kvmpert, der mit erklärlicher Begeisterung zu dem bereits berühmten Meister emporblickte, Pflegte sich dort einzufindeu. Besonders fühlte sich Lenau zu Frankl hingezogen und wurde mit diesem innig befreundet, zumal Frankl es war, der in den von ihm zu jener Zeit redigirten Blütterir mit Vorliebe die wundervollen Dichtungen des großen Lyrikerzu veröffenllichen pflegte. Der Dichter hielt auf diesen Freund große Stücke. So sagt er z. B. zu dem ihm befreundeten Eugen Obermayer: „Unser Freund Frankl hat sich ein schönes Verdienst um die deutsche Litteratur erworben durch die Herausgabe der poetischen Arbeiten Hilschers, welch trefflicher Poet durch seine Uebersetzung der hebräischen Gesänge Byrons sich mit Ruhm bedeckt hat." Nicht minder interessant waren die Berührungen Lenaus mit Berthold Auerbach, welch letzterer in zahlreichen Artikeln und selbständigen Schriften den großen Skeptiker als Schüler und großen Verehrer Baruch Spinozas hinzustellen bemüht ivar. Namentlich in Stuttgart entwickelte sich zwischen Beiden ein eifriger Verkehr. Ein interessantes Urtheil LenauS über Auerbach finden wir in einem Briefe an feine Freundin Sophie Löwenthal ans Stuttgart, Mitte April 1844. Dort heißt es u. a.: „Er ist ein angenehmer Mann. Durch ein langes und sorgfältiges Studium Spinozas, dessen Werke er verdeutscht, dessen Biographie er geschriehen hat, ist Auerbach mild und sehr human geworden. Besonders gefiel mir ar> ihm, daß er einen so netten und reinlich logischen Haushalt in seinein Kopfe hat, ohne daß sein Herz darüber erkaltet wäre Was aber die Dorfgeschichten, — von denen damals die zwei ersten Bände erschienerr waren — betrifft, so habe ich mit deren Lesung begonnen, doch immer noch nicht fertig werden können. Die Gegenstände dieser Idyllen sind mir zu unerheblich und zu wenig anziehend, so daß es dem Verfasser nur selten gelingt, mit allem Aufivande mannigfachen und liebenswürdigen Geschicks einen Theil meiner Sympathie dafür zu erobern. Uebrigens ist sein Talent unverkennbar, er wird sich viele Freunde dafür geivinnen." Mit Auerbach wurde Lenau schließlich so befreundet, das; er mit ihm Brüderschaft schloß, ohne daß jedoch der Verfasser der Schwarzivälder Dorfgeschichten es gewagt hätte, ihn familiär zu behandeln, da eine geiviffe Würde, eine geivifse Anmuth die Vertraulichkeit entfernte, wie Auerbach es selbst eingestand: „Ich will es hier nur ein für allemal bekennen, daß ich mich der Unmittelbarkeit Lenaus und seine»« gigantisch ansreifcnden Gedanken gegenüber voll Ehrerbietung fühlte, »vie es Niemand erlangt, der es aus's Jmponireu angelegt hat. und diesen freiivilligen Zoll der Ehrerbietung brachten ihm Alle mehr oder minder. Ludlvig A. Frankl gab ihn» einmal den Rath, sich als ungarischer Magnat in den ungarischen Reichstag »vählen lassen, »veil er dort aus parlamentarischem Wege für seine freiheitlichen Anscha»»u»lgen, airch in der Judenfrage, wirken könnte, was jedoch Lenau aus dem Grunde ablehirte, »veil er der ungarischen Sprache nicht so »nächtig sei. um Reden halten zu können." — Sein Parlament, »vo er am meisteir »virkte, und zlvar nicht blos für seine Zeit, sondern für die Einigkeit, »varen seine unsterblichen Dichtungen. In diesen hat er dem „Judenschinerz" zrnveilei» mit ergreisenden Tönen Ausdruck gegeben, und die Lieder, ivelche er zum Ruhm und zur Ehre der Jude»» und zur Schinach deren Verfolger gesungen, gehören zu den unvergängliche» Perlen seiner Lyrik. Den arinei» Juden der vormärzlichen Zeit, als es noch keine Judenemanzipation gab, und ein gesetzloser Z»»sta»ld das einzige Gesetz i»i Oesterreich-Ungarn den Jude» gegenüber ivar, schildert er mit rührenden und ergreifende» Farben in de»n Poe»»» betitelt „Der arme Jude", alsv lautend: Armer Jude, der du wandeln Mutzt, voll Dorf zu Dorf hausirend. Schlecht genährt und bitter frierend, Allwärts rufend: „Nichts zu handeln?!" Holt die Seuche Mann und Frauen. Ziehst du nach auf ihrer Fährte, Und die Kleider, die sie leerte. Schleppst du fort, dir darf nicht grauen. Auf dein Baume krächzt der Rabe. Hunde zerren dich arn Rocke, Schneegestöber. Flock an Flocke. Fleitzig wailderst du arn Stabe. Ein Jerusalem, papieren Bauen deine Stamnlgenossen, Doch für dich ist es verschlossen. Wandern mutzt du, darben, friererr.