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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-17 · Heft 33 (17.8.1900) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 389 (sequence 7)
Language
German
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Boa appetit,;i qui en veut! — Bis zu einem Herzoge, einem Prinzen von Geblüt, hatte er es aber noch nicht gebracht. Die Gelegenheit kam auch wirklich heran und die Einladung erfolgte. Es war ein Ball, auf welchem einige Quadrillen erscheinen sollten. Beer war zu den vorbereitenden Sessionen gezogen, um eine Rolle im Maskenzuge zu übernehmen. Wenn man sich des Gesprächs Nummer 3 noch erinnert, so wird man es nicht sehr ausfallend finden, daß keine der Damen von unserem Beer geführt sein wollte, und deshalb wurde ihm denn auch vom dirigirenden Komitee, das von der Absicht der Damen unterrichtet war, die Rolle eines Herolds, der allein, einen goldenen Stab statt einer zarten Damenhand in der seinigen, die traurige Ehre hatte, den ganzen Zug wirklicher Paare auzuführen, übertragen. Das Mißgeschick macht apprehensiv; und so geschah es denn, daß Beer nicht lange zweifelhaft über die Ursache blieb, die ihn zum Herold machte. Und tief gekränkt begab er sich nach Hause, ergriff die Feder und machte seinem Herzen in einem Schreiben Luft, das er an den Vorstand des Komitees sandte. Wer sähe aber nicht die unausbleibliche Folge dieses Zchrittes voraus? Der Vorstand, ein Mann von Politesse und Hof- und Weltkenntniß, wußte so trefflich Beers schwache Sette zu gewinnen, daß dieser seinen Vorsatz, sich von dem Zuge auszuschließen, aufgab und ohne weiteres Aufsehen zu erregen, seine Zusicherung gab, unbeweibt in das Reich der lustigen Thorheit sich zu schwingen. Die Kränkung war bald verschmerzt, als die Proben begonnen, und Beer sich in dem Mittelpunkte dieser Herrlichkeiten wiegen durfte. Außer ihm war nur noch ein Bürgerlicher in der Versammlung; ein angenehmer, liebenswürdiger Mensch und ein täglicher Gesellschafter des Herzogs, zwar kein Dichter wie Beer, dafür aber ein Engländer und ein Christ. — Mittlerweile — schon war alles en den traiu — erkrankt der junge, dem Herzog neugeborene Sohn, und man spricht mit ängstlichen Mienen vom Ausschube der Festlichkeit. Aber nicht lange währte diese, wenngleich trübe Hoffnung. Der Prinz starb — und Ball und Festlichkeit wurden zu Wasser. Bei Hofe ward von diesem Zufalle gesprochen. Die Damen und Kavaliere konnten sich nicht zufrieden geben, alles umsonst gethan zu haben; man klagte, man wünschte, man wußte nicht, ivie es angestellt werden müßte, um den Maskenzug dennoch auszuführeu. Der König hörte davon, und theilnehmend an dem Schmerz der Elite seines Hofes, erlaubte er. daß die Quadrillen auf dem nächsten Hofballe erscheinen durften. Nun trat aber eine neue Chance für die beiden Nichtcourfähigen ein. Die Liste der Theilnehmenden an dem Zug mußte dem König selbst vorgelegt werden, und — o herbes Schicksal! — der Herold wurde gestrichen. Beer war daniit vernichtet. Er setzte alles in Bewegung, um es dahin zu bringen, daß der Engländer auch entfernt würde, weil er auf diese Weise einzig und allein eine Reparation für sich sah. Wer aber dürft« wagen, hier Einspruch zu thun? Und sei es nun aus anderen Gründen, oder daß der Engländer durch die Dame gehalten wurde, dieser blieb. Beer soll geäußert haben, daß er diese Kränkung nicht überleben würde. Um jedoch seinen Kummer nicht zur Schau zu tragen, trotzte er seinem Uebelbefinden und seiner trüben Laune, und überließ sich mit Leidenschaft den Einladungen seiner vornehmen Freunde, die ihm damit den Beweis unveränderter Gesinnung geben wollten. Sv schlich er bleich und schwach von einem Diner zu andern, saß unter Schmerzen und Aerger an langweiligen Tafeln und antwortete dabei, auf theilnehmende Fragen über seine Blässe und Appetitlosigkeit, seinen Zustand verbergend: „Es sei nichts als ein Katarrh, eine vorübergehende Kränklichkeit!" Er wollte nach Regensburg zu seinem Freunde Schenk, hatte aber vorher noch einen glänzenden Circle bei sich vereinigt. Mit der größten Anstrengung konnte er nur auf wenige Augenblicke den Pflichten der Couvenienz genügen. Er mußte sich entfernen, ehe die Gäste ihn verlassen hatten. Es war das letzte Opfer, das der Unglückliche der Gesellschaft und ihren Formen brachte. Eine Hirnentzündung ergriff ihn, und nach fünf Tagen war er todt. Der große Arzt Walter, der ihn nicht zu retten vermochte, legte einen Lorbeerkranz auf seinen Sarg, und Klenze entwarf die Zeichnnng zu dem Monumente, das ihm seine Familie mit großen Kosten setzen ließ. Die Livree der ersten Häuser eskortirte mit Fackeln den Leichenwagen zum jüdischen Gottesacker." Nicolaus Lenau und die Auden. Ein Gedenkblntt zum 50. Todestage des Dichters, 22. August d. I. Von Dr. Adolph Kohut. f er ungarische Edelmann der vormärzlichen Zeit aus altem Geschlechte Niembsch von Strehlenan, der sich als deutscher Dichter Nicolaus Lenau nannte, ragt in unserer Zeit des blöden Antisemitisnius, wo manche Edelsten der Nation, wie z. B. der DreschflegelgrafPückler und Genossen, den Sport der Judenverfolgung mit Vorliebe betreiben, als eine Säule vergangener Pracht in unser Jahrhundert hinein. Dieser edle Genius, welcher vor einem halben Jahrhundert leider in der Nacht des Wahnsinns geendet, war Zeit seines Lebens, seinen humanen Grundsätzen und seiner erleuchteten Lebens- und Weltanschauung getreu, ein Freund der Wahrheit und des Rechts als auch der Parias der Menschheit, der Enterbten der Gesellschast, des ewig bedrängten und verfolgten jüdischen Stammes. Und es ist wahrlich kein unzeitgemäßes Unternehmen, gerade jetzt auf diesen „ragenden Gipfel" der Kultur, auf diesen Leuchtthurm in der brandenden See des antisemitischen Fanatismus mit Eifer hinzuweisen, eingedenk der Prophezeiung des herrlichen Dichters über die siegreiche Macht der Wahrheit. Die Wahrheit hat die Kunde Vom tiefen Lebensgrunde Als winzigen Zettel In eine Nuß gethan, Und warf den Bettel In beit Ozean. Das Meer ist groß, die Nuß ist klein: Hat wohl am kleinen Wunderschrein Schon ein Pilot vorbeigeflucht?

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