Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- Seite 387 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3 ST Daran knüpft das Organ die Bemerkung: „Wir werden selbstverständlich den Beweis der Wahrheit antreten. Das. was wir von den tu Frage kommenden Beamten behauptet haben, ist wahr. Ebenso wahr ist es, daß Ko nitzer Juden, insbesondere die Lewys und Caspari. Mithelfer resp. Mitwisser an dem furchtbaren Verbrechen an Ernst Winter sind. Mag die Staatsanwaltschaft noch 10 Anklagen gegen nils erheben, sie wird nns in dieser unserer Ueberzengung nicht rvankend machen. Zn bedauern ist nur, daß nicht die Mordgeselleli und ihre Helfershelfer ans die Anklagebank müssen, sondern Männer, die ans vollster Ueberzengnng offen und ehrlich für Recht und Währheit gekämpft haben." Wahrscheinlich wird, wie die „Kölnische Zeitung" meint, auch diese Aeußerung Gegenstaltd einer lleuen Anklage werden. Es sind nicht weniger als 22 Artikel des Blattes inkrimitlirt. * Antisemiten und Bün dler liegen sich wieder einmal in den Haaren. Int Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar hat eine Versammlung des Bundes derLandwirthe beschlossen, in der bevorstehenden Ersatztvahl zum Reichstage für den konservativen Kandidaten zu stinnnen. Ueber diese Cntscheidlmg sind die Antisemiten außer sich gerathen, nnd ihr hiesiges Organ schreit und zetert: „Der Kreis gehört 311111 Besitzstände der deutsch-sozialen Rewrmvartei, der Bund derLandwirthe war sonach verpflichtet, den Kandidaten dieser Partei, Dr. Vogel, zu unterstützen. Indem er die konservative Gegenkandidatnr nnterstüht, begeht er einen Treubr n ch. der seine Spitze direkt gegen den Abgeordneten v. Liebermann richtet und dadurch eine besondere politische Bedeutung erhält. Herr v. Liebermann ist stets, auf dem letzten Parteitage in Hamburg noch dazu in offiziellster Horm, für ein freundnachbarliches Verhältniß zu dem Bunde der landwirthe und den Konservativen eingetreten. Er hat sogar den Parteivorsitz mit der Begründung niedergelegt, daß es ihm nicht möglich sei, das Hamburger Mandat dnrchzuführen. Jetzt erhält erden Dank vom Hanse Levetzow-Wangenheim " Wenn der Bund politischer Gastgeber war und die Wahl hatte, einem konservativen oder einem antisemitischen Kandidaten die Schüsseln zu reichen, so hat er zu den Reformparteilern noch immer gesagt: „Freund, rücke hinab." Die Antisemiten scheinen aber immer wieder den Brauch des Hauses Levetzow- Wangenheim vergessen zu haben. £ Uebereinstimmend werden deutschen und englischen Blättern wieder Hiobsposten ans Rumänien gemeldet. Die Hetzereien der Antisemilenliga in der Umgebung von Jassy und in Botuschani haben zu regelrechten Judenverfolgungen geführt, wobei in Botuschani 10 bis 15 Inden getödtet und viele verwundet worden seien. Das ans Jassy herbeigekommene Militär ist zu spät gekommen, um das Blutbad zu verhindern, und hat diejenigen Juden, denen es nicht gelungen war, sich;u flüchten, verhaftet. Ans zahlreichen Judengemeinden sind derselben Quelle zufolge Bittschriften au den König Carol abgesendet werden. Das Gesuch der Gemeinde Roman, welches dem König am 6. August überreicht wurde, hatte folgenden Wortlaut: „Sire! Jetzt, wo Verfügungen getroffen wurden, daß die Inden nicht mehr auswandern können, wagen wir es in Denmth. uns den Stufen des Thrones zu nahen. Die Autisemitenliga bedroht uns mit Mord und Todschlag. Ueberall, wo diese Liga organisirt ist — und sie ist es fast in allen Städten und Marktflecken —, findet sie uns Arme und Elende. Bei unS in der Stadt Roman haben sie sich speziell dazu organisirt, um zu beweisen, daß die Grausamkeit der Christen jede Grenze überschreitet. Au der Spitze der Liga steht der Bürgermeister und Senator C. Balaisti, der Oberst des hier garnisonirendeu Regiments C. Garceann. Post» und Telegraphendireklor Nicziesti, ferner zahlreiche Beamte, darunter auch Richter am hiesigen Gerichtshöfe. Diesen Männern ist es leicht, zu Hunderten Leute zu dingen, darunter zahlreiche Vagabunden, die im gegebenen Molnente wie wilde Thiere sich auf uns stürzen und die entsetzlichsten Grausamkeiten verüben, uns Folterqualen zufügen. Deshalb bitten wir Eure Majestät, sich unser zu erbarmen und uns zu retten, daß. wenn wir schon an den Bettelstab gebracht sind, wir wenigstens das nackte Leben erhalten. Retten Sie uns, Majestät, aus den Händen dieser Blntlumde. Was haben wir gethan? Nichts, als daß wir in diesem Lande geboren wurden. Wir thnn Niemandem etwas zu Leide, wir ivollen nur arbeiten, um im Nahmen des Gesetzes leben zu können. Im Namen der Inden des Bezirks Roman: Der Oberrabbiner der Knltusgemeinde." Eine ähnliche Bittschrift ist mich dem Ministerpräsidenten Carp überreicht worden. “V Unter solchen Umstünden erscheint es mehr als seltsam. wenn ein Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" aus Galatz sagt: „Die eillzig richtige Lösung der Frage ist die Besserung der Lage der Inden in Rumänien. Da die Vertreter dieser Ansicht in Rumänien ziemlich vereinzelt sind, und da die Regierung auch andere wichtige Fragen zu lösen hat, bei deren Erledigung Herr Carp der Mitwirkung von vielerlei Faktoren bedarf, so unrd man die Jndenfrage nur allmälig und vorsichtig anfasseu dürfen. Sollten, ivie gedroht wurde, die Pariser Rothschilds und andere Glanbensgeuossen der Auswanderer den rumänischen Inden einen Dienst zu eriveisen meilien. wenn sie Rumäniens jetzige Finanzlage benutzen, um einen Druck ans das Ministerium zu Gunsten der Inden anszuübeil. so lväre das eine grobe Täuschung. Ein rasches Vorgehen in dieser Frage könnte höchstens Corps Sturz nnd Rnmäniens Bankerott, verbunden mit einigen Judenkrawalten und Judenbrandschatzniigen, herbeisnhren." Die Nachsätze dieser allscheinend iuspirirten Korrespondenz heben die Vordersätze auf. Wenn es keine Hilfe für Rumänien giebt als die Verbesserung der Lage der Juden, so muß eben mit diesem Werke sofort begonnen werden. Jetzt helfen keine Ausreden mehr. fr Durch die antisemitische Presse ging kürzlich folgende Notiz „Ein ans Südrußland eingetroffener Reisender erzählt folgende Begebenheit, deren Augenzeuge er gelvesen ist: Nach Ch i n a bestimmte russische Soldaten aus dem tarvischen Gonvernemeut wurden zur Beförderung mit der freiwilligen Flotte in Odessa eingeschifft. Bor- Abgang der Schiffe desertirteu 72 Mann, sie wurden jedoch von Kosaken verfolgt und an der rumänischen Grenze wieder eingefaugen. Kurz vor Odessa gelang es sieben Mann abermals zu entfliehen. Die Kosaken nahmen die Verfolgung wieder auf nnd erschossen die Fliehenden. Sämmt liehe Deserteure waren Juden. — Aus Anlaß dieses Vorkommnisses ist ein Ukas des Zaren ergangen, der die allgemeine Vergünstigung für den Militärdienst, daß der erstgeborene Sohn nicht Soldat zu werden brauche, für die Juden aushebt. Der Ukas wurde in Odessa durch Plakate an den Straßenecken veröffentlicht." Die „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus" haben Veranlassung genommen, in Petersburg über diesen Vorfall nähere Erkundigungen einzuziehen und folgende Auskunft erhalten: „Wir können Ihnen mittheilen, daß in keiner russischen Zeitnng irgend solcher Fall mitgetheilt worden ist. auch kein Einzelfall jüdischer Deserteure; sbeusowenig ist in den Petersburger Kreisen, und zwar jüdischen wie nichtjüdischen. etwas darüber gehört ivorden. Wir halten daher die Nachricht von 72 Deserteuren und sieben erschossenen Inden als vollkommen erlogen. Erlogen ist auch die Mittheilnng von einem neuen Ukas Sr. Majestät unseres Kaisers, der durch diesen Fall hervorgernsen sein soll. Dieses Iahe wurde kein neuer Allerhöchster Ukas betreffend den Militärdienst der Juden herausgegeben.