Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- Seite 386 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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enstzegnete: „Ge>»'iß. wenn der Satan in eigener Person zu mir käme »nd ein Manuskript von mir verlangte, das er in der Hölle drucken lassen wollte — ich würde ihm die Hände küssen und alles freudig gewähren; ich arbeite nicht für meinen Vortheil oder für meinen Ehrgeiz." Ein günstiger Zufall hat es gefügt, das; S. D. Luzatto im November 1829 als Lehrer au dem ersten Rabbinerseminar, ain Collegium Rabbinicum zu Padua zu wirken begann. Es war ein kärgliches und unsicheres Brod, das ihm das Institut bieten konnte; sein Leben lang hat er mit Sorge und Entbehrungen zu käinpfen gehabt. Aber mit welcher Liebe und Auivpsernng widmete er sich dem Lehramt! Es genügte ihm nicht, regelmäßig seine Kollegien zu lesen, vielmehr hatte er sich zur Aufgabe gestellt, seine Schüler in der Liebe zum Jndenthum zu erziehen. Das Judenthuin war ihm der Inbegriff aller Menschenliebe und aller Tugenden, alles Edlen und Erhabenen. Jude sein hieß bei ihm, streng wahrhaftig, liebevoll und edel gegen alle Menschen sein. Er betrachtete das Jndenthum als glücklichen Gegensatz zum klassischen Heidenthum. welches das Schöne über das Gute gestellt hat. Es ist merkivürdig, daß derselbe Gedanke, den Heine gelegentlich ausgesprochen hatte, ohne jedoch selber sein Leben nach ihm einrichten zu können, von Luzzatto in seinem ganzen Ernst erfaßt und zur Richtschnur seines Lebens und Wirkens gemacht worden ist! S. D. Luzzatto liebte bas Wahre und Gute, er haßte jede Verstellung und konventionelle Lüge, und mit dem berühmten Mischnalehrer Akabja ben Mahalalöl pflegte er stets zu sagen: „Mögen sie mich lieber mein Leben lang einen Narren schelten, als daß ich auch nur eine Stunde sündhaft werde vor Gott." Das literarische Wirken Luzzattos war umfangreich und vielseitig; auf verschiedenen Gebieten hat er Großes und Bleibendes geschaffen. Am meisten jedoch hat er für die Erforschung der hebräische»! Sprache gethan. Dies Kapitel in der hebräischen Sprach»vissenschaft ist bisher noch nicht genügend behandelt ivorden und »vird ivohl auch kaum in absehbarer Zeit nach Gebühr gewürdigt »verden. Die Erforschung der hebräischen Sprache macht ja unleugbar von Jahr zu Jahr große Fortschritte, u»n so mehr, als sie von christlichen Theologen und Orientalistei» gepflegt »vird und somit auf die Unterstützung seitens der jüdischen Gemeindebehörden nicht angewiesen ist. Die hebräische Sprache »vird glücklicheriveise auf den staatlichen Hochschulen erforscht. Aber wenn auch unsere lexikalischen Kenntnisse der biblischen Sprache immer reicher werden, ist sie doch syntaktisch bisher noch kaunr erschlossen »vvrden. S. D. Lnzzatto »var der Erste, leider auch fast der Einzige, der. mit einen» feinen Sprachst»»»» begabt, in derhebräischen Sprache lebend »»nd dichtend, diese Sprache in allen ihren syntaktischen Feinheiten zu behandeln »vußte. Biele seiner Zeitgenossen haben vielleicht ein schöneres und wohlklingenderes Hebräisch geschrieben, keiner aber so korrekt und »virklich hebräisch wie er. Was die Kenntniß der hebräischen Syntax bedeutet, läßt sich in aller Kürze damit sagen: eine gute Bibelübersetzung in einer modernen Sprache »verden »vir erst da»»n besitzen, wenn die Sprache der heiligen Schrift nach dieser Richtung erforscht sein »vird. Wir dürfen dem vielleicht noch hi»»zufügen: diese Arbeit kann am besten von Juden ausgehen, die sich seit ihrer frühesten Jugend mit dem biblischen Schriftth»»m in der Ursprache beschäftigt haben und der wissenschaftlichen Disziplinirung nicht entbehren. Werden solche Männer da»»n in der Jndenheit die nöthige Unterstützung für die Erschließung der Bibel finden? Bon Luzzatto besitzen wir eine italienische Uebersetzrmg »lebst Kommentar zum Pentateuch und zun» Buche Jesaja. Wer diesen Koinmentar zu lesen versteht, »veiß, »velche Fülle von Belehrung nach der bezeichneten Richtung in ihn» zu finde»» ist. Freilich »var S. D. Lnzzatto ein überaus konservativer Bibelkritiker, aber nicht das Bibelkritische ist die vorzüglichste Seite seiner Erkläru»»g, sondern das tiefe Berständniß für den Text. Sainuel David Luzzatto dachte und fühlte hebräisch; die hebräische Sprache »var ihn» gleichsau» Muttersprache; er beherrschte den Sprachgenius, als ob er zur Zeit Jesajas gelebt hätte. Als Gelehrter und als Mensch »var S. D. Luzzatto gleich liebens- »md achtungslvürdig. Man kann auf ihn das Wort ainvendeu, das von Ernest Renan galt: „Er »vußte kräftige und männliche Gedanken zu fassen, seine Empfindung »var zart »vie die eines Weibes, und in seinem Leben und Handeln war er kindlich." Der Grundz»»g in» Charakter Luzzattos war unendliche Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit. Das Schlechte hat er stets gehaßt, aber »iier»»als den Schlechten, den er vielmehr immer gütig und mitleidsvoll auf die rechte Bahn zurückzuführen sich bemühte. Luzzatto verabscheute das Falsche und Schlechte nicht nur von» Standpunkte der Sittlichkeit, sondern sein Poetisches Empfiriden konnte keine Unordnung ertragen; eine Lüge bedeutete ihm eine Störung der sittlicher» Ordnung, die auch sein ästhetisches Gefühl verletzte. Hatte aber Jeinand seine Fehler eingestanden, so liebte ihn Luzzatto und verzieh leicht alles. Indem »vir in einen» kurzen Umriß die Bedeutung Luzzattos in der Jndenheit und in der Wissenschaft zu schildern versllchten, möchten »vir mit den Worte»» Abraham Geigers schließen, der in seinem Nekrolog auf Luzzatto äußerte: „Wenn diese dürftigen Worte dazu beitragen, daß sein Andenken in unserer raschlebigen Zeit nicht sobald erblaßt, so ist ihr nächster Ziveck erreicht; ein höherer loh»»e»»der Erfolg freilich wäre es, »venn sie ihm echte Jünger zu erwecke»» vermöchten." Die Woche. Berlin, 15. August. us naheliegenden Gründen haben wir es bis jetzt vermieden, über das Vorgehen der Gerichte gegen die Alltisemiten ausführlicher zu berichten. Wir begnügen uns auch für heute mit ben Mittheilungen, die die gegnerischen Blätter selbst bringen. Nach diesen wird der Prozeß gegen die „Staatsbürger-Zeitung" wegen ihrer Thätigkeit in dem Konitzer Mordprozeß einen großen Umfang annehmen. Das Blatt selbst theilt mit: „Unser Redakteur und unser Verleger sind wegen wiederholter öffentlicher Beleidigung des Konitzer Gerichts, der Staatsanwaltschaft, des Bürgermeisters Deditius daselbst als Polizeiverwalter, des Kriminalinspektors Braun und des Kriminalkommissars Wehn, Berlin, des Schlächtermeisters Adolf Lewy, des Schlächtergesellen Moritz Lewy, des Kaufmanns Caspary in Könitz und des Kaufmanns Max Großmann in Bütow angeklagt. Die Anklage behauptet, daß die Beschuldigten in Bezug auf die Beamten unwahre und in Bezug auf die vorgenannten Juden nicht erweislich wahre Thatsachen verbreitet haben. Durch 25 selbständige Handlungen sollen die Beleidigungen erfolgt sein."