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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-17 · Heft 33 (17.8.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 33. ^Hl^tUClUC Berlin, 17. August 1900. eitung des Judenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Lu-Wig PlhiNppson-Konn. Verlags-Grpedition: Lerün, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Ab.onnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. 3tti)ftlt* Leitartikel: Samuel David Luzzatto. — Die Woche. — Freiwild. II. — Michael Beer. — Nicolaus Leu au und die Juden. Von Dr. Adolph Kohut. — Eine Biographie von Michael Sachs. Von Albert Katz. — Eine Judenverfolgung in Fez. Von Dr. M. Kayserling. — Feuilleton: Bethulah. VII. Von I. Zangwill. — Nachklang zum Trostsabbath. Von Gustav Steinert. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Potsdam, Aus Ostpreußen, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Breslau, Hildesheim, Hamburg, Kiel. Köln, München, Aachen, Cannstatt, Wien, Paris, St. Petersburg, Newyork. — Bon Nah nuv Fern. — Miseetten. Samuel David Luzzatto. (Geb. 22. August 1800, gest. 29. September 1865.) Berlin, 15. August. er Judenheit ist im Allgenleinen der Gedanke fremd, Personenkultns zu treiben, vielmehr entspricht' es eher dem jüdischen Charakter, auch an den größten Mällnern Kritik zu üben. Selbst unser Lehrer Moses ist diesem Schicksal nicht entgangen, und viele berühmte Lehrer und Weise in Israel haben darüber zu klagen gehabt, daß ihre Zeitgenossen welliger Verständniß für ihre Vorzüge als für ihre Fehler hatten. In ruhigen Zeiten mag dies sogar voll großem moralischen Nutzen sein; ein wenig Kritik zu viel ist vielleicht doch besser als kritiklose Anbetung; aber oft wird man diesen jüdischen Charakterzug doch bedauern müssen. Er hat es zum größten Theil verschuldet, daß eine große, lebenskräftige Bewegung in unserer Mitte entweder gar nicht entstehen konilte oder früh im Keime erstickt wurde. „Sie haben dem Mose nachgeblickt," heißt es in der Thora, ilnd ein sinnvoller Agadist meinte dazu, unsere Vorfahren haben dem großen Lehrer allerlei Sündhaftes nachgesagt. Diese Charaktereigenthümlichkeit der Judenheit hat es auch verursacht, daß der hundertste Geburtstag ausgezeichneter Männer unseres Stammes, wenll sie ihr Wirken auf das Judenthum beschränkt haben, sang- und klanglos vorübergegangen ist. Am 4. Januar 1886 wurde wohl, welligstens in der deutschen Judenheit, der hundertfünfzigste Sterbetag Moses Mendelssohns feierlich begangen. Aber einige Monate zuvor, am 17. Februar 1885, waren es hundert Jahre, seit der große Religionsphilosoph und geniale Kritiker Nachnlan Krochmal das Licht der Welt erblickt hat. In der Judenheit hat sich keine Gemeinde, nicht einmal diejenige, in der Krochnlal geboren ward, gefunden, die diesen Tag feierlich begangen hätte. Am 22. August sind es hundert Jahre, seitdem Samuel David Luzzatto in Triest als Kind armer Eltern geboren wurde. In der Geschichte der jüdischen Wissenschaft und Litteratur füllt sein Leben ein Ruhmesblatt aus; ja, man kalln die Geschichte der Wissenschaft des Judenthums überhaupt ilicht schreiben, ohne Luzzattos überaus rühmend zu gedenken. Der Historiker Grätz hat ihn „die Nährulutter" dieser Wissenschaft genannt, und in der That hat Luzzatto mit wahrer Mutterliebe, mit Selbstopferung und Selbstverleugnung die Erforschung der jüdischen Geschichte und Litteratur gepflegt. Um die hebräischen Dichter aus dem Zeitalter der hebräischen Poesie der Vergessenheit zu entreißen, hat er länger als vierzig Jahre mit unvergleichlicher Hingabe geforscht und gearbeitet, bis er, fast völlig erblindet, im Jahre 1864 die Genugthuung erlebte, einen Theil des Diwans von Jehuda Ha-Levi im Druck erscheinen zu sehen. Was Luzzatto für die Wissenschaft des Judenthums gethan — dies kann auch nur eine Mutter für ihr Kind leisten; es gehört die ganze Kraft der Mutterliebe dazu, ein Leben voll der Sorge und des Kummers zu führen und dabei unablässig für das Judenthun: thütig zu sein. Samuel David Luzzatto war eine dichterische Natur, aber in seinem Leben und Wirken ist noch vielmehr Poesie zu finden als in seinen schönen hebräischer: Gedichten. Ein Kind der Armuth, der Sohn eines armen, einfältigen Drechslers, hat er sich durch eisernen Fleiß und schwärmerische Liebe zrrrn Jndenthum aus eigener Kraft ohne Hilfe eines Lehrers zu der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntuiß emporgeschwnngen. Er hat sich eine vielseitige Bildung augeeignet, seine Verse erklarrgen ebenso schön und wohllautend irr hebräischer wie in syrischer, lateinischer, französischer und italienischer Sprache. Er war mit den römischen und lateinischen Dichtern ebenso vertrarrt wie mit den hebräischer:; er studirte Mathematik, Physik, Geschichte und Philosophie, trieb Sprachvergleichung und vertiefte sich in die Erforschung des klassischen Alterthums. Aber alle Wege seiner Forschrurgen führten nach Jernsalern; alles diente ihm znr Förderung der jüdischen Wissenschaft. Wäre Luzzatto ehrgeizig gewesen, so hätte er sich auf eine wissenschaftliche Disziplin beschränkt, in der er bei seiner außerordentlichen Begabung unvergleichliches hätte leisten können. Aber er wurde stets nur pon der Liebe znn: Judenthum geleitet; den: Judenthum zu dienen war ihm mehr als Ruhu: und Anerkennung. S. D. Luzzatto scheute oft die Muhe nicht, Hunderte von Seiten mit eigener Hand für einen auswärtiger: Gelehrten abzuschreibeu, wenn es galt, dadurch die Kenntniß des Judentums zu fördern. Er that dies nicht selten auch für Personen, die ihm nichts weniger als sympathisch wäre::, ja, n:anchesmal sogar für solche, die ihn zuvor verunglimpft hatte::. Leopold Zunz hatte ihm dies einst zun: Vorwurf gemacht, worauf Luzzatto

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