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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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s scheiben eingeworfen. — Gymnasialoberlehrer Hofsrichter, der. wie mehrfach erwähnt, den Untersuchungsbehörden die Verfolgung „jüdischer Fährten", besonders dringend ans' Herz gelegt hat, ist. wie wir dem „Konitzer Tagebl." entnehmet!, zum 1. August d. I. an des Gymnasium nach Neustadt in Westpreußeu versetzt worden. — Die Kosten, die der Stadt Könitz aus der Herstellung und Aufrechterhaltung der zur öffentlichen Ordnung erforderlichen Einqartierung erwachsen sind, belaufen sich auf etwa 60000 Mark. — Ein auf dem Synagogengrundstück stehender Brunnen wurde auf Anordnung der kgl. Staatsanwaltschaft ausgepumpt. Gefunden wurde außer einigen Steinen nichts. Anlaß zu der Maßnahme hat eine Denunziation gegeben, wonach der Brunnen Leichentheile des ermordeten Winter enthalten sollte. — Von der Ferienstrafkammer wurde ein 16jähriger Arbeiter aus Könitz abgeurtheilt, der sich nach eigenem Geständniß am 10. Juni unter den Steinwerfern befunden hat. lieber ihn wurden drei Monate Gesängniß verhängt. L. G. Bromberg, 1. August. Als ich kürzlich an einem Vormittage am Schaufenster einer hiesigen Cigarrenhandlung vorbeiging, bemerkte ich im erster« einen mit „Extrablatt" überschriebenen großen Zettel hängen. Ich trat etwas näher heran und las darauf, daß der lange vergebens gesuchte „verruchte" Mörder des Konitzer Gymnasiasten Winter endlich in Odessa (Rußland) in der Person eines Juden Namens Benjamin Schlott entdeckt und festgenommen worden sei. — Ich eilte sofort zum Präses unserer Synagogengemeinde. Herrn Kommerzienralh und Stadtrath Louis Aronsohn, theilte ihm den Fall mit und rieth ihm. sobald wie möglich beim hiesigen Polizeidezernenten die nöthigen Schritte zu thun behufs schleuniger Entfernung des gedachten Pamphlets, das nach meiner an jenem Vormittage auf der Straße gemachten Wahrnehmung geeignet war, eine regelrechte Judenhetze in unserer sonst ziemlich ruhigen Stadt heraufzubeschwöreu. — Als welterfahrener Mann fragte zunächst Herr Arousohn telephonisch bei Wolf's Telegraphenbüreau in Berlin an, ob dort ein Telegramm von dem Inhalte des erwähnten Hetzflugblattes (das übrigens aus einer Berliner Mache herrührt) eingegangen sei, worauf natürlich eine verneinende Antwort erfolgte. Auch bei der Konitzer Polizei ließ Herr Kommerzienrath A. telegraphisch in gleichem Sinne ansragen. Ehe aber noch die Drahtantwort von dort hier einging, begab sich schon Herr Kommerzienrath A. zum hiesigen Polizeichef und bewirkte es, daß schon innerhalb weniger Minuten das gedachte „Extrablatt" von zwei Polizisten aus dem betreffenden Schaufenster entfernt und zugleich konfiszirt wurde. Ob gegen den Kaufmann, welcher dieses Blatt in seinem Schaufenster anbrachte, Strafantrag wegen Aufreizung zum Klassenhaß erhoben werden wird, steht noch dahin. — Schon die wenigen Vormittagsstunden, wo das Pamphlet im Schaufenster hing, genügten, eine tiefe Gährnug in der hiesigen Bevölkerung hervorzurufen, wie dies u. a. schon aus der Thatsache hervorgeht, daß die Redaktion der hier erscheinenden „Ostdeutschen Presse" — wie dieselbe s. Z. mittheilte — an jenem Vormittage vom Publikum mit Fragen bezüglich der sensationellen Meldung jenes Hetzblattes förmlich bestürmt wurde. 3. Breslau, 6. August. Unser Oberkantor C e r i n i, der als Opernsänger s. Zt. viel gefeierte Tenor, erhielt im Frühjahr d. I. einen ehrenvollen Ruf als Oberkantor der Synagoge in Wien-Leopold st ad t. Auf die Annahme der Stelle mußte Herr Cerini indeß verzichten, da ihm in Wien zur Pflicht gemacht wurde, bei Beerdigungen im Trauerhause zu singen. Dies aber verbietet ihm seine Zugehörigkeit zum Priesterstamme. Herr Cerini war Anfang Mai zu einem Probevortrage in Wien und die Kritik sprach sich über seine Leistungen sehr anerkennend aus. Dasselbe that der Vorstand der Gemeinde in folgendem schmeichelhaften Schreiben an ihn: Wien. 15. Juli 1900. Ihr Ruf als einer der hervorragendsten Kantoren hat den Unterzeichneten Vorstand bestimmt, Sie zu einem Probevortrage anläßlich der Besetzung der Oberkantorstelle im Leopoldstädter Tempel einzuladen. Wiewohl nun der Vorstand im Hinblick auf die hiesigen Verhältnisse, betreffend die Funktionen bei Leichenbegängnissen, sich außer Stande sah, Euer Wohlgeboren die erledigte Stelle zu verleihen, kann er nicht umhin, den großen Erfolg, den Sie durch Ihren meisterhaften Vortrag. Ihre vollendete Gesangskunst und Ihre herrlichen Stimmmittel sowohl bei den berufenen Sachverständigen wie auch bei der überwiegenden Majorität der Gemeindemitglieder errungen haben, hiermit zu konstatiren. Der Unterzeichnete Vorstand fühlt sich angenehm verpflichtet, Euer Wohlgeboren seine vollste Anerkennung und den wärmsten Dank, aber auch das Bedauern auszusprechen, daß er auf den Genuß verzichten mußte. Sie als hiesigen Oberkantor zu begrüßen. Hochachtungsvoll Dr. Adler, der V. Präsident: Dr. Gustav Kohn. In Breslau singt er als Kohen nicht bei Leichen im Hause. Auf dem Friedhofe ist in der Leichenhalle eine bauliche Einrichtung für ihn getroffen, die ihm gestattet, dort seine gesangliche Funktion auszuüben. — Ein Sohn unseres allgemein geschätzten Mitbürgers, des Kommissionsraths Benno Milch, der Stations-Apotheker Milchin Wilhelmshafen, ist der Erfinder des Farbstoffes, welcher die weißen Tropenanzüge dem Gelände oder der Erdfarbe der Tropengegenden ähnlich färbt und somit eine Schutzfarbe für ihre Träger bildet. Der gruudähnliche Farbstoff ist aus der Wurzel der Cichorie und dem Choco-Phyll hergestellt und entsprach vor vielen anderen Präparaten allein den Anforderungen. Der Erfinder hat den Kronenordeu vierter Klasse erhalten. t. AuS dem Regierungsbezirk Kassel, 3. August. Vor Kurzem hielt der aus Oesterreich ausgewiesene Lehrer Broßmann auf dem Johannisberg zu Witzenhausen einen Vortrag über die alldeutsche Bewegung in Oesterreich, zu welchen! nur „Deutsche arischen Ursprungs" Zutritt hatten. Der Vortragende entpuppte sich am Schlüsse seiner Ausführungen als wütheuder Antisemit, er erging sich in Ausfälle ü Ja Leuß und Jskraut. Ganz besonders fällte er ein abfälliges Urtheil über den Erzbischof von Olmütz, Dr. Cohn, au welchen er seiner Zeit einen offenen Brief gerichtet, der die Ursache seiner Ausweisung aus Oesterreich war. Der Vortragende fand bei seinen Zuhörern wenig Verständniß für seine antisemitischen Ausfälle, denn hier hat der Antisemitismus, seitdein n!an mit Leuß und Genossen trübe Erfahrungen gemacht, keinen Boden mehr. Ein Zuhörer nach dem andern verließ den Saal, sodaß Broßmann schließlich nur noch vor wenigen Zuhörern seine Mätzchen zum Besten gab. Am Schlüsse der Versanuulung wurden Broßmann, der vorübergehend an der hiesigen Kolonialschule beschäftigt ist, von Herrn Dr. A., Lehrer an der Kolonialschule und Vorgesetzter des Vortragenden, seine Behauptungen betreffs des Judenthums widerlegt. Herr Dr. A. ist Geologe. i. Koblenz, 1. August. Am 28. v. M. ist im Königswarter'schen Hospital zu Frankfurt a. M. unser Rabbiner Dr. M. Singer im 45. Lebensjahre nach langen Leiden verstorben. Singer, ein geborener Ungar und der Sohn eines Rabbiners, besuchte die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin, war dann Rabbiner in Berlat und Briefen und kam itu Jahre 1886 hierher. Die Kämpfe, die er hier seit zwei Jahren zu bestehen hatte, sind noch in Aller Erinnerung. Singer war ein gelehrter und begabter Mann; Alle, die ihn kannten, schätzten ihn. Er hiuterläßt eine Wittwe und drei unversorgte Kinder. An der Beerdigung am 30. v. M. nahm nicht nur die ganze Gemeinde sammt der Schuljugend Theil. sondern auch die christliche Bürgerschaft und die Lehrer der höheren Schulanstalten, an welchen Dr. Singer den Religionsunterricht ertheilt hat, sowie eine große Anzahl von auswärtigen Rabbinern gaben dem geschätzten Kollegen das letzte Ehrengeleite. Rabbiner Dr. Auerbach-Elberfeld hielt die Gedächtnißrede, in welcher er das Leben und Wirken des Verstorbenen beleuchtete und sprach über das seit längerer Zeit zwischen der Verwaltung und dem Verstorbenen bestandene Verhältniß in taktvoller und versöhnender Weise. Schließlich legte er das traurige Loos der Hinterbliebenen der Gemeinde zur Abhilfe ans Herz. Sodann sprach ein Bruder des Verstorbenen, Prediger in Mogilno, ergreifende Abschiedsworte. Außer den beiden genannten Rabbinern waren anwesend: Dr. Jaulus-Aachen; Dr. Grünfeld-Bingen; Dr. Tawrogi-Kreuznach; Dr. Saalfeld-Mainz; Dr. Baßfreund-Trier; Dr. Nordheim-Schwetz; aus dem nahen Bad Ems waren zur Beerdigung erschienen: der Vorsitzende des Rheinischen Rabbinerverbandes, Rabbiner Dr. Frank-Köln; Bezirksrabbiner Dr. Weingarten-Ems; Bezirksrabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen; Landrabbiner Dr. Löb-Emden und last not least der Grand-Rabbin de France, Zadoc Kahn. Der Verstorbene war auch Mitglied der Loge Rne Briss-Germania in Halle a. S., welche einen Vertreter delegirt hatte, an welchen sich Vertreter der Logen von Hamburg, Breslau. Dortmund, Berlin. Köln. Frankfurt und Mainz anschlossen. Dem Todten sind die gebührenden Ehren erwiesen worden; jetzt gilt's den Lebenden, die Hinterbliebenen zu trösten, aufzurichten und ihnen mit Rath und That beizustehen. Hier muß vor allem die Koblenzer Gemeinde ihre versöhnende Ehrenpflicht ausüben! Das Andenken des trefflichen Mannes sei gesegnet! x. Bonn, 7. August. Zur Feier des siebzigjährigen Geburtstages unseres seit mehr denn 4 Jahrzehnten im Dienste der hiesigen Synagogen-

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