Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Gemeinde stehenden Herrn Jakob Abraham brachte der vollzählig erschienene Gemeindevorstand, unter der Führung seines Vorsitzenden, des Herrn Bankiers R. Goldschmidt. mlter gleichzeitiger Ueberreichung eines namhaften Geldgeschenkes, seine Glückwünsche dar. Hierauf begrüßte denselben der Vorsitzende des ebenfalls vollzählig erschienenen Reprüsentanten-Kollegiums, Herr Alfred Cahn. und daran schlossen sich die zum Gemüthe sprechenden Worte des Herrn Rabbiners Dr. Cohn und des Kantors Herrn I. Baum. Jetzt stattete der Vorsitzende des Armelwereins. Herr Kaufmann S. Lazarus, dem Jubilar für dessen langjährige treue Mühewaltung gebührenden Dank ab, indem er zugleich eine werthvolle Gabe, die Dore'sche Bibel aus den Tisch des festlich geschmückten Zimmers niederlegte. Nicht minder hatte die „Chewra Kadischa" die Verdienste des Herrn Abraham zu würdigen verstanden; nach einleitenden Worten des Herrn Rabbiners übergab ihr erster Vorsitzender, Herr I. Boß, eine Prachtausgabe der Oppenheim'schen „Bilder aus dem jüdischen Familien- und Gemeindeleben" an den sichtlich tief bewegten Jubilar. — Möge Herrn Abraham noch eitle lange Amtstätigkeit beschieden sein. Oesterreich -Ungar«. EU Wien, 6. August. Für die armen A Ilsgew j e seile tt ans Rumänien ist jetzt wieder einmal eine neue Lebenszeit angebrochen. Die Aernisten der Armen, die ohne einen Pfennig in der Tasche, elend ulld halbverhllngert, in der Hoffnling lebten, sich drüben über denr Meere eine neue menschenwürdige Existenz zu gründen, werden wie eine Schaar räudiger Thiere in die grausame Heimath zurückgejagt, die ihnen jedoch beit Eintritt verwehrt — und doch handelt es sich blos um 50 Dollar für jede Person, ohne die den Auswanderern die Landung in Amerika nicht gestattet wird — eine Bagatelle für die jüdischen Millionäre, und ein unerreichter Schatz von Glück und Leben für diese Elenden! Zum Glück findet sich wieder einmal in Ungarns ritterlichen Bewohnern eilt Schutzengel für die Bedrängten; im Verlaus von wenigen Tagen wurde in Pest die Sulnme von 100 000 Kronen znsammengebracht, die etwa 800 rumänischen Juden die Fahrt in das gelobte Land ermöglicht. — In Böhinen wird fort in Blutmärchen gearbeitet. Da weiß man nichts von Nächstenliebe. Wie die „Reichenberger Zeitung" mittheilt, wird in einem czechischen Bezirke Böhmens, der eine zahlreiche jüdische Bevölkerung hat, das Verschwinden eines wahrscheinlich aus dem Elternhause durchgegangenen Burschen benützt, um abermals das Märchen vom jüdischen Ritualmord in Umlauf zu setzen. Aus Jungbunzlau wird nämlich der „Reichenberger Zeitung" berichtet: Der Umstand, daß der 13 jährige Knabe Franz Jirsa seit 19. Juli in Alt-Benatek vermißt wird und seither »licht zu seinen Eltern zurückgekehrt ist, giebt neuerlich zu abenteuerlichen Gerüchten Anlaß. Die Behörden forschen eifrigst nach dem Verbleiben des Knaben, um denselben nach Alt-Benatek zurückbringen zu können und dadurch die Erregung zu beseitigen. Bisher gelang es, festzustellen, daß der Knabe Donnerstag den 19. Juli vom Hause entfloh, und die kritische Zeit, in welcher die Gerüchte über Jirsa in Alt-Benatek entstanden (Freitag den 20. Juli bis Montag den 23. Juli), in der Gemeinde Chilec bei dem Grundbesitzer Franz Bilich zubrachte, worauf er sich in der Richtung nach Jessenik wieder entfernte. Die Gendarmerie fahndet eifrig nach dem Jungen. Der Vorstand der Kultusgemeinde hat eine Belohnung für die Zustandebringung des Knaben ausgesetzt. — In der nahen Sommerfrische Kirliug hat es am vergangenen Sonntag wieder einmal einen Exzeß gegeben. Ein paar Bauernburschen gingen mit Knütteln über die „jüdischen Sommergäste" her, mißhandelten und beschimpften die völlig Ahnungslosen in der gröblichsten Weise; der Bürgermeister, der um seine Intervention ersucht wurde, erklärte, ihm gehe die Sache nichts an. Viele Sommergäste haben den Ort bereits verlassen, das thut aber nichts, die Kirlinger lachen sich ins Fäustchen: denn die Miethe und das viele Geld, das die Juden dort verzehrt haben, das nimmt ihnen Keiner mehr ab — mögen sie nur davonlaufen — nächsten Sommer kehren sie ja wieder, und man nimmt ihnen wieder das Geld ab und jagt sie dann hinaus. Dieses Manöver wiederholt sich nämlich alljährlich in einer anderen von Wiener Antisemiten infizirten und von jüdischen Gästen bezahlten Sommerfrische — allein, unsere Wiener Glaubensgenossen werden darum nicht klüger! — Der Kaiser hat den Regimentsarzt I. Klaffe Dr. Salomon Stonkel zum Chefarzt der Kavallerie-Truppendivision in Stanislau ernannt. Nußlaud. L. T. Odessa, 5. Aug. In den hiesigen Zeitungen finden wir die Depesche, daß der Kriegsminister Generalleutnant Kuropatkin die Waldungen und landwirthschastlichen Besitzungen des Geheimrathes Jakob von Poljakoff bei Taganrog am 30. Mai besichtigt hat. — Der bekannte Kiewer Philantrop, Kommerzienrath Leon Jsrailewitsch Brodsky, der Ehrenkurator derOdessaer jüdischen Mädchenschule ist. schenkte zur Vergrößerung dieser Lehranstalt 125 000 Rubel. Es wurde bereits ein Terrain erworben, und ist man jetzt mit dem Bau der Anstalt beschäftigt. Der Bau wird bis zum 15. September fertiggestellt. Zur Erwerbung neuer Möbel für die Klassen und anderer Lehrgegenstände hat Herr L. I. Brodskh wiederum 10 000 Rubel gespendet. — Vor mir liegen viele Jahresberichte verschiedener jüdischer wohlthätiger und Lehranstalten und ich will über dieselben kurz berichten. Vor allem nimmt unser besonderes Interesse der 37. Rechenschaftsbericht der „Gesellschaft der jüdischen Handlungsdiener der Stadt Odessa" in Anspruch. An der Spitze steht der verdienstvolle Präsident David Akimowitsch Tarnopol. Diese Gesellschaft besitzt ein Vermögen von 149 237 Rubel und zählt 842 Mitglieder und 18 Ehrenmitglieder. Sie hat im vergangenen Jahre ein großes Haus für 244 000 Rubel gekauft und wird in diesem Jahre verschiedene Bauteil vornehnlen. Unterstützt wurden im vergangenell Jahre 59 Mitglieder, drei erhieltell Pensioll uild acht Wittwen erhielten Unterstützungen, im Gauzeil betrugen diese Ausgaberl 7169 Rubel. Außerdem erhieltell drei Söhne uild eine Tochter voll Mitglieder!! Stipendien in verschiedenen Lehranstalten. — Der 35. Jahresbericht der Handwerkerschule „Trnd" bietet vieles Interessante dar. An der Spitze wirkt seit einer Reihe von Jahren der unermüdliche Vorsitzende Rechtsanwalt M. G. Morgulies. 1899 befanden sich in der Anstalt 301 Schüler. Bei der Schule wurde eine Küche gegründet, die ein Damenkomitee leitet. Der Umsatz des verflossenen JahreZ betrug 140183 Rubel. Aus der Gemeiudekasse wurden der Schule 17 000 Rubel bewilligt; Mitgliederbeiträge 3243 Rubel, Geschenke 4614 Rubel. Die Gesellschaft „Trnd" zählt 11 Ehrenmitglieder und 666 Mitglieder. — Ferller der 33. Jahresbericht des „Jüdischen Lehrervereins von Neurußland und Beßarabiell", dessen Vorsitzender Dr. med. Silberberg ist. Im Jahre 1899 unterstützte derselbe 51 Mitglieder mit deur Betrage von 8376 Rubel. Das Vermögen besteht aus 29 244 Rubel. Lebenslängliche Ehrenmitglieder hat diese Gesellschaft 4; Ehrenmitglieder 121; wirkliche Mitglieder 194. — Der 32. Jahresbericht des „Odessaer Komitees der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" zeigt deutlich, rvie dasselbe im verflossenen Jahre segensvoll wirkte. Vorsitzender des Komitees ist der wohlthätige Manufakturrath Ingenieur Gregoire Weinstein. Die Gesellschaft zählt hier 8 Ehrenmitglieder und 1077 Mitglieder. Im Vorstand befindet sich eine historisch-litterarische Kommission. Die Mitglieder derselben, die Herren Rechtsanwalt Morgulies, der Historiker Dubnow und der Schriftsteller Abramowitsch hielten im vorigen Jahre Vorlesungen über verschiedene Themata. Die Einnahmen betrugen 25 712 Rubel, die Ausgaben 24 732 Rubel. — Der 17. Bericht des „Frauenwöchnerinnenvereius" hatte an Einnahmen 22 394 Rubel, Ausgaben 21563 Rubel, darunter für das Terrain zum Bau eines Hauses für arme Wöchnerinnen 13 008 Rubel. Vorsteherin ist die bekannte Philanthropin Frau Louise Aschkenasi). Ehrenmitglieder 6; Mitglieder 462.— Das „Jüdische Waisenhaus" hatte an Einnahmen 67123 Rubel, an Ausgaben 66 180 Rubel. Diese wohlthätige Anstalt besitzt ein Vermögen von 534 341 Rubel. Vorsitzender des Kuratoriunls ist Herr R. L. Charh. Mit dieser Anstalt ist noch eine landwirthschastliche Farm verbunden. Zum 1. Januar d. I. befanden sich iut Waisenhause und auf der Farm 180 Knaben und 55 Mädchen. — Die „Jüdische Armenküche" hat ihre Bilanz im vorigen Jahre mit einem Defizit von 5918 Rubel abgeschlossen. Vertheilt wurden 1899 212 417 Portionen. Besondere Verdienste um die Verwaltung der Küche erwarb sich die langjährige Leiterin derselben, Frau K. O. Ostrowsky. Einnahmen hatte die Küche 29 923 Rubel. Das Kapital dieser wohlthätigen Anstalt beträgt 25 819 Rubel. Beitragende Mitglieder hatte dieselbe 348. — Zum Schluß noch ein kurzer Bericht über die im vorigen Jahre ins Leben gerufene „Gesellschaft für arme und heimathlose jüdische Kinder der Stadt Odessa". Vorsitzender ist Dr. med. Herschensohn. Diese Gesellschaft wurde am 11. April 1899 mit Aufnahme von 55 Mädchen und 11 Knaben, im Ganzen also 66 Kindern, eröffnet. Zur Gründung dieser Gesellschaft hat besonders der treffliche Rechtsanwalt Morgulies beigetragen. Einnahme 5363 Rubel; Ausgabe 4912 Rubel