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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 378 (sequence 8)
Language
German
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378 Stillen König Humbert eine Thräne geweiht, ihm, dem großmüthigen und edlen Fürsten, Im Herzen seines Volkes hat er sich ein Denkmal gesetzt, dauernder als Stein und Erz, dessen Inschrift unauslöschlich künden wird für alle Zeiten: König Humbert war unendlich gut, Niemand hat sein Volk mehr geliebt als er! J. NumLnien oder Galizien? Von S. M. Lasar. fas Elend eines Theiles unserer Glaubensbrüder in Rumänien, denen eine brutale Regierung, grundlose Hetzereien und Mißernte den Wanderstab in die Hand drücken, ist unstreitig herzzerreißend und geeignet, das Mitgefühl aller bessersituirten Glaubensgenossen zu erwecken. Daß die bewährte Opferfreudigkeit der Juden allerwärts sich ansraffte, um schleunigst Hilfe zu schaffen, liegt in der Natur der Sache, Die Thatsache aber, daß die „Alliance israelite universelle“, der gewiß das Wohl aller Verfolgten, von Umständen wie von Mitbürgern proscribirten Juden, gleich am Herzen liegt sowie eine jüdische Zeitschrift sich infolge der rumänischen Judennoth veranlaßt finden, die B'nei-Brith-Logen dringlichst aufzufordern, das für die nach Hunderttausenden zählenden Nothleidenden in Galizien von ihnen gesammelte Geld für ihre rumänischen Brüder zu verwenden, — muß das Gefühl Hervorrufen, daß unsere Wohlthäter nur dem intensivsten Alarmgeschrei ihre Aufmerksamkeit schenken, während sie das leise, aber um so schrecklichere Winseln anspruchsloser und verkümmerter Unglücklicher nicht zu beachte» vermögen, weil sie ihre Ruhe nicht zu stören verstehen. Daß die galizischen Jude»» nicht Alarm schlagen, daß sie nicht wie ihre rnmänischen Leidensgenossen massenhaft zu Fuß auswandern, ist nicht etwa, weil es ihnen zu Hause behaglich ist. Einem wirklichen Kenner der Verhältnisse ist der Ausdruck der Allianee israelite in ihrer an die jüdischen Blätter gerichteten Zuschrift. „Die galizischen Juden treiben gegenwärtig weder Hunger noch Verfolgungen aus ihrem Lande", ein reiner Hohn auf die Wahrheit; beide Behauptungen sind nicht zutreffend. Der Judenhaß ist an maßgebender Stelle, wie nicht minder unter der Bevölkerung in Galizien in nicht geringerem Maße verbreitet als in Rumänien. Gift und Haß verbreitende antisemitische Zeitungen sowie Kanzelhetzer besitzt Galizien sicherlich mehr als Rumänien. Mißbrauch der Amtsgewalt, Verweigerung von Schutz seitens der Behörden, die verschiedenartigsten Bedrückungen in Gemeinde- und Staatsverwaltung, Attaquirung, ja, fanatische Mordthaten werden hier gegen Juden begangen in nicht geringerem Maße als in Rumänien und in Marokko. In den österreichischen Gesetzen giebt es zwar keine besondere Judensteuer, aber cke facto werden die Juden in Oesterreichisch-Polen nachweisbar mit bedeutend höheren Steuern als andere Bürger belastet. Besonders nach der neuen Steuerbemessungsordnung, wodurch die Bemessungen Bürgerkommissionen anvertraut werden, brechen die Juden buchstäblich zusammen unter der unverhältnißmäßig schweren Last, welche ihnen rücksichtslose und eigennützige Mitbürger auferlegten. Auch Blutsteuer wird von den körperlich verkümmerten Juden Galiziens ein weit größeres Kontingent ausgehoben, als nach ihrem Prozentsatz aus sie entfallen würde. Was die Hungersnoth betrifft, so kommt es ja nicht darauf an, ob ein Kilogramm Brod 24 Heller oder 34 Bani kostet; wer keinen Erwerb hat, und Solche giebt es in Galizien unvergleichlich mehr als in Rumänien, der hat auch keine 24 Heller. Daß die galizischen Juden nicht alarmiren, nicht laut um Hilfe rufen und nicht schaarenweise das Weite suchen, ist nur eine Folge der unglaublichen Apathie, der Unkenntniß ihrer eigenen Lage und der großen Welt. Die Massen der jüdischen Bevölkerung hier zu Lande, die bekanntlich keine Elementarbildung genossen haben, sind über eine eventuelle Verbesserung der Lage durch Auswanderung nicht unterrichtet. Dazu kommt noch die peinlichste Beobachtung der rituellen Normen und geheiligten Gewohnheiten in einem Maße, das nur in Galizien möglich ist, sowie der zum Müßiggang führende religiöse Optimismus, welchem auch die Thatsache zuznschreiben ist, daß unter den galizischen Juden nur in äußerst seltenen Fällen Selbstmorde Vorkommen, die bei den obwaltenden Verhältnissen anderswo geradezu epidemisch auftreten müßten. Die Lage der 16 000 Juden in Persien kennt Jeder, der eme jüdische Zeitung zu lesen Gelegenheit hat; alles was dort unsere Glaubensgenossen zu leiden haben, macht blitzschnell über Paris oder London die Runde durch die Zeitungen; was die 800 000 Juden in Galizien in Mitteleuropa machen, weiß Niemand, da dieselben nicht den Vortheil haben, sich ihr Recht mit Hilfe eines ausländischen Konsuls, wie ihre Brüder in Asien und Afrika, zu verschaffen, und keine Zeitung aller Herren Länder, auch galizische nicht ausgenommen, kann sich rühmen, in Galizien einen Berichterstatter in jüdischen Angelegenheiten zu haben. Sich einer Zeitung zu bedienen, uni sein Leid zu klagen, dazu gehört eben mehr moderne Intelligenz, als den galizischen Juden zu Theil geworden ist. Dagegen giebt es keine jüdische Zeitung, welche nicht, auch in normalen Verhältnissen, fast wöchentlich einen Bericht aus einer rumänisch - jüdischen Gemeinde bringt. Wer will nun aus dieser Thatsache folgern, daß die Juden in Galizien aus Rosen gebettet sind? Dem Fall Araten hat man zufällig zu verdanken, daß in die Welt die Kunde gedrungen ist, was viele jüdischen Familien hier nur von de» Nonnenklöster»» zu leiden haben, vor deren Mauer»» auch die Regierung, ja der Kaiser machtlos ist; sonst hat es Niemand ge»v»»ßt. Nebenbei sei bernerkt, daß Araten kein Galizier ist. Zur Massenausrvanderung eines Volkes gehören äußerer Antrieb und genügende Selbstachtung, die bei den r» »nänischen Judeir in den letzten z»vei Jahren in hohem Maßc eingetreten sind: Rurnänische Regierungsorgane, sowie rumänische Zeitschriften haben die Juden bekanntlich unverhohlen zur Ausivanderung anfgefordert, wenn sie es auch jetzt bereuen. Die nationale Ströinung »viederum, »velche durch alle Kreise der rurnänische» Juden durchdrungen ist, verlieh denselben jedenfalls Selbstbeivußtsein und Ehrgefühl, so daß sie die entsetzliche Behandlung nicht »nehr ertragen konnten. Bei den galizischen Juden aber sind die beiden Umstände nicht vorhanden, weshalb eine Massenaus»va»»derung bis nun nickst stattgefunden hat. Eine solche ist aber unausbleiblich, sie ist nur eine Frage der Zeit. Nach dem Gesagten ist begreiflich, daß es ein unverzeihlicher Fehler sein würde, zu empfehlen, das für die galizischen Nothleidenden gesamrnelte Geld für rumänische Auswanderer zu

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