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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 375 (sequence 5)
Language
German
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Er nimmt sie „in gewissem Maße" in Schutz und hat für die angegriffenen und mißhandelten Juden nur die Mahnung, sie sollten zuerst Frieden halten. Ich weiß sehr wohl, daß die geistigen Urheber der Konitzer Geistesverwirrung llicht im Mittelstände zu suchen sind; allein möglich wurden jene Gräuel doch nur dadurch, daß der Geist des „zielbewußten" Antisemitismus durch die Mittelstandsagitation in breite Schichten des Gewerbestandes getragen wurde. Den Vorwurf der Judeufreundschaft, von antisemitischer Seite erhoben, liehme ich hin. Ich theile ihn mit vielen guten Männern. Wer sich bemüht, gerecht zu sein, kann nicht auf den Beifall Derer rechnen, die aus Grundsatz ungerecht sind. Das Christenthurn aber hätte der Referent aus dem Spiele lassen sollen; das hat mit der Mittelstandsagitation so wenig gemein wie mit dem Antisemitismus. Wer den Juden haßt, blos weil er Jude ist, verstößt gegen das Hauptgebot Christi, und wer seinen Nachbar, den Waareuhausbesitzer, hoch besteuern will, um selbst demnächst einen Theil des Steuertrages gut geschrieben zu erhalten, der begehrt seilles Nächsten Gut. Er mag das vor seinem Gewissen bemänteln wie er will; er mag von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen, den Nachbar reich, gewissenlos und Schwindler, sich selbst aber tugendhaft, gedrückt und arm nennen; aber auf das Christenthum sollte er sich nicht berufen. In allen ehrlich denkenden Kreisen werden diese ernst gemeinten Worte des Breslauer Oberbürgermeisters eine nachhaltige Wirkung auszuüben nicht verfehlen. * Als Peter Carp die Bildung eines neuen rumänischen Kabiuets übernahm, wurde in der europäischen Presse vielfach die Hoffnung ausgesprochen, daß es diesem tüchtigsten unter den gegenwärtigen rumänischen Politikern gelingen werde, die Frage, die das öffentliche Leben Rurnäniens fast ganz beherrscht, einer allmäligen Lösung entgegenzuführen. Die kurze Zeit, die seit der Bildung der neuen Regierung verflossen ist, hat Herrn Carp noch nicht ermöglicht, mit bestimmten Vorschlägen zur Lösung der Schwierigkeiten hervorzutreten, in die ein Vaterland durch die Massenauswanderung der Juden gerathen ist. Aber der neue Ministerpräsident hat doch dafür Sorge getragen, daß die Welt nicht in Zweifel darüber bleibe, daß er die Judenfrage in anderem Lichte sieht als sein Vorgänger in der Regierung, und daß von ihm feine Unterstützung judenfeindlicher Bestrebungen, die unter den: Ministerium Cantaeuzino erfolgte, zu erwarten ist. Es wird llämlich der .V. Z." gemeldet: Gegenüber der gesteigerten Wühlthätigkeit der antisemitischen Geheimbündler erklärte Carp, daß die Regierung eifrigst bemüht sei, ein iriedliches Zusammenwohnen von Juden und Christen zu sichern und reden Versuch antisemitischer Unruhen im Keime zu unterdrücken entschlossen ist. Herr Carp wird sehr bald Gelegenheit haben, zu beweisen, ob er willens und im Stande ist, seinen Worten auch die Thaten folgen zu lassen. Die rumänische Regierung gestattet nämlich den an der Grenze wegen Mittellosigkeit zurückgeworfenen oder von der „Alliance israelite“ heimgeschickten rumänischen Juden nicht, wieder in die alte Heimath zurückyrkehren, und es sind dadurch an der ungarischen Grenze unhaltbare Zustände entstanden. Es wird sich nun zeigen, ob die von österreichisch-ungarischer Seite an die rumänische Regierung ergangene Aufforderung berücksichtigt werden wird, den trostlosen Zuständen an der Grenze ein Ende zu machen, für die wohl noch das zurückgetretene Kabinet verantwortlich ist. Es wird darüber hiesigen Blättern gemeldet: An der ungarisch-rumänischen Grenze herrschen skandalöse Zustände, die auswandernden Juden, die wegen Mallgels an Pässen llnd Reisekosten theils nicht über die Grenze gelassen werden, theils von hier und von Wien aus zurückgeschickt werden, dürfen nicht ihre frühere Heimath betreten und sind buchstäblich heimathlos. Infolge dessen hat der Ministerpräsident Szell an den Minister des Aeußeren eine Zuschrift gerichtet mit dem Ersuchen, die rumänische Regierung in energischster Weise allszufordern, dem traurigen Zustande an der rumällischen Grenze ein Ende zu machen, da es weder mit der Menschlichkeit noch mit der Zivilisation vereinbar ist, daß Auswanderer, die wegen Mangels an Pässen und Geldmitteln die Grenze nicht überschreiten können, nicht wieder in ihr Vaterland hineingelassen werden. Dürfte man den rumänischen Offiziösen trauen, so wäre freilich Alles bereits in schönster Ordnung. Denn die „Agence Roumaine“ berichtet: Die ausgewanderten Inden kehren in großen Schaaren zurück. Die rumällischen Behörden gewährell Hilse und Mittel zur kostenlosen Rückkehr für Jeden bis zu seinem Heimathsorte. Die Zahl der von verschiedenen Ländern zurückgewiesenen und mit Hilfe und aus Kosten der Regierung znrückkehrenden Juden übersteigt die Zahl von 3000. In Wien, Frankfurt und Rotterdam thaten die rnnlänischen Vertreter Schritte, um voll den Behörden die Erlaubniß zum Verweilen der Judeil bis zum Eilltreffen der zur Fortsetzung der Reise nöthigen Mittel zu erlangen. Die rumänischen Konsuln setzten sich auch mit jüdischen und christlichen Hilfskomitees in Verbindung und gewährteil selbst Unterstützungen. Eill Rulldschreiben des Mlnisters des Inneren au die Präfekten vom 30. Juli ertheilt den Judell bedingungslose Erlaubniß zur Niederlassung in beu kleinen Marktflecken, selbst wenn dies ländliche Gemeinden sind. Die Niederlassung in den ausdrücklich als ländliche Gemeinden bezeichneten Ortschaften ist solchen Juden gestattet, welche ihrer Militärpflicht genügt haben ulld ein kleilles Kapital besitzen, welches gelingt, um ein Handwerk oder Gewerbe zu betreiben. Aber man wird gut daran thun, diese Mittheilungen mit der nöthigen Vorsicht aufzunehmen, denn das ungarische „Abendblatt" bringt, irach einem Telegramm aus Budapest vom 7. d. M., haarsträubende Details über neue Judenverfolgungen in Rumänien, welche einen förmlich revolutionären Charakter tragen. Irr Podul Jlvaci wurden gestern Juden von einer bewaffneten Bauernbande überfallen, ihre Häusereinrichtung wurde zerstört, es wurden angeblich zehn Juden getödtet und viele verletzt. In Jassy wurde Militär requirirt, kam aber verspätet an. Die Bewegung gewinnt immer größere Ausdehllung. 4r Gelegentlich der Wanderung rumänischer Juden gegen Osten, nach Cypern und Kleinasien, haben sich die Juden in Athen rühmlichst hervorgethan, indem sie die den Piräus berührenden Flüchtlinge nach Kräften unterstützt haben. Bei dieser Gelegenheit wurden zwischen Athen und Berlin einige Briefe gewechselt, aus denen hervorgeht, daß die jüdische Gemeinde in Athen erst seit kurzer Zeit besteht und nur fünfzig spanische Familien aus Konstantinopel, Salonichi, Smyrna und Jsmir zählt. Dem Umstande, daß sie weder in Aussehen noch in Sprache und Kleidung sich von der umgebenden Bevölkerung unterscheiden, haben sie es wahrscheinlich zu verdanken, daß sie von den wenig judensreundlichen Griechen freundlich behandelt und in die Lage versetzt werden, in Athen einen schwunghaften Hausirhandel zu betreiben. Außer einigen Handwerkern und zwei Goldschmieden und Diamantenschleifern, die ziemlich wohlhabend sind, ernähren sich nämlich die übrigen Juden Athens schlechtund recht vomHausiren. Nur der Gemeindevorsteher, Abra^?: fl |!| §! I 5:!j j f i ' j;; I i» N! ‘| i 1

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