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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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374 Sah in der Bibel, der unserer Schuljugend bald mit den ersten Lehren der Religion eingepragt wird. Gleich einem Dreigestirn, dessen Strahlen in einander fließeil und ihm erhöhten Glanz verleihen, zeigt dieser religiös - ethische Satz den iirnigen Zusammenhang der Ehrfurcht gegen Gott und der Ehrfurcht gegen di« Obrigkeit mit ihrer unmittelbaren Wirkung des Abscheus vor dem verbrecherischeil Umsturz der gesetzlichen Lebensordnung. Weil aber das Judenthum nichts voll alledem, was es als religiös-ethisches Gebot ausstellt, blos als graue Theorie bestehen läßt, sondern vielmehr gleich ins praktische Leben überleitet, so ist jener staatserhaltende Satz uns als ein Lebenselement in Fleisch und Blut übergegangen. Der Krebsschaden der menschlichen Gesellschaft war von jeher ans der einen Seite der Mißbrauch der Religion zu politischen Parteizwecken, auf der anderen Seite der Mißbrauch der lvahren Staatsinteressen zu selbstsüchtigen Sondergelüsten. Das Hervvrtreten der verschiedenen religiösen und politischen Staridpunkte, der Anspruch des Alleinseligmachens nebst den Begleitumständen fanatischer Ausfälle und chauvinistischer Bersolgnngssucht verwirrt besonders die Begriffe der Jugend und verdirbt ihr Geniüth. Wie oft sieht die Jugend nicht heutzlitage Männer von echten Bürgertugenden verunglimpft und Volksklassen gegeil einander aufgereizt! Ein solches moralisches Chaos bringt die Jugend um ihre Ideale raubt ihr den Glauben an Gott und an eine moralische Weltordnung; sie verliert den Glauben an die Menschheit und das Vertrauen auf die Obrigkeit. Die Jugend ist pessimistisch geworden. Die biblischen Bücher der Religion, die von Gott und Sittlichkeit lehren, die Bücher der Geschichte, die vom Kamps der Wahrheit und ihrem endlichen Sieg, von Roth und Errettung, von einer providentiellen Leitung Zeugniß geben, sie sind ihnen Märchenbücher mit kolorirten Bildern, bei denen die Färbung zu stark aufgetragen sei, als daß man nicht die absichtliche Fälschung erkennen müßte. Die Geschichte der Menschheit erscheint der Jugend als ein verschwommenes Zerrbild, in welchem blos der Zufall einzelne Züge mit einander verbunderi. „Kraft und Stoff" ist ihre Bibel, und Darwins Theorie ist ihre Geschichte der Menschheit. So ist die Jugend im üblen Sinne ein Opfer der Menschheit, in der leider Neid, Haß, Lüge und brutale Bersolgungssucht herrschen. Bei eiuem so verbrecherischen Ereigniß, wie es in Italien eingetreten, das jeder fühlende Meusch tief beklagen muß, ist es naturgemäß, daß Ernstgesinnte über Mittel und Wege Nachdenken, um die Schäden der Zeit zu heilen. Doch die religiöse und politische Engherzigkeit pflegt sich bei solchen Gelegenheiten unheimlich zu regen, und durch ihre mit heißem Eifer vorgeschlageuen Maßnahmen die Gemüther zu verwirren und Unheil auzurichteu. Die verlorenen Ideale werden aber erst dann ivieder in die Brust der Jugend unserer Zeit einziehen, wenn anstatt Lüge, Haß, Verleumdung und Verfolgungssucht ungeheuchelte reine Gottesfurcht, wohlwollende Menschenliebe, Wahrheit und Gerechtigkeit zu allgemeiner Anerkennung und Bethätigung gelangt sein werden. Me Woche. Berlin, 7. August. höchstem zeitgeschichtlichem Interesse ist eine SeeäLJ predigt unseres Kaisers in dieser Woche gewesen, zu der der Monarch Vers 11 Kapitel 17 des zweiten Buches Moses als Text gewählt hat: „So lange Moses seine betenden Hände emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ, siegte Amalek". Nach diesen Textesivorten handelte die Predigt von der heiligen Pflicht und von der heiligen Macht der Fürbitte. „Drunten im Thale die kämpfende Schaar, droben auf dem Berge die betende Schaar, das ist", so lauten des Kaisers eigene Worte, „das heilige Schlachteubild unseres Textes." Und nun entlvickelte der Kaiser den Gedanken, daß in dem nunmehr begonnenen blutigen Ringen den Freiwilligen im Heere die freiwilligen Beter im Reiche entsprechen müssen. „Roth lehrt beten," so sprach der Kaiser, „und so soll es auch itt der Heimath sein. . . . Der König aller Könige ruft: „Freiwillige vor! Wer will des Reiches Beter sein! Oh, iveuu es auch hier hieße, der König rief, und Alle Alle kamen! Fehle kein Einziger von »ns! Der ist ein Mann, der beten kann!" In eindringlichsten Worten schilderte die Seepredigt die Macht der Fürbitte. „Denn es heißt itt der Schrift: „So lange Moses seine Hände emporhielt, siegte Israel. Und wenn das die Gebete eines Moses vollbracht, sollten nicht auch unsere Gebete solches vermögen! Gott hat keine Silbe von seinen Verheißungen zurückgenommen, treue Gebete können noch heute die Drachenbanner in den Staub werfen und die Kreuzesbanner auf die Mauern pflanzen!" Als iveiteres Zeugniß von Gebetserhörungen führte der Kaiser u. A. die Fürbitte Abrahams auf der Höhe von Sodom an und sagte sodanrt: „Sollten unsere Gebete nicht auch die Kraft haben, noch heute die Thüren der bedrängten Gefangenen und Verfolgten zu sprengen und ihnen die Engel zur Seite zu stellen?" Und der kaiserliche Prediger beantwortete die Frage mit der zuversichtlichen Versicherung: „Ja, der alte Gott lebt noch! Der große Alliirte regiert noch, der heilige Gott, der Sünde und Frevelthaten nicht kann triumphiren lassen, sondern seine heilige Sache führen wird wider ein unheiliges Volk . . . Ja, treue, anhaltende Gebete, sie holen den lebendigen Gott vom Himmel herab und stellen ihn in unsere Mitte. Und ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!" Im Gegensatz zu jenem an einem Tage über die Amalekiter errungenen Siege der Israeliten wies der Kaiser auf die Schwierigkeit der bevorstehenden Kämpfe hin und sagte: „Unser Kampf ist nicht zu Ende gebracht an einem Tage. Aber laßt die Hände nicht müde werden, nicht sinken, bis der Sieg errungen. Laßt unsere Gebete eine feurige Mauer sein um das Lager unserer Brüder!" Möchten diese erhabenen Worte des Monarchen überall gehört und beherzigt werden, auch in dem Lager Derer, die sich in ihren Volksversammlungen in Schmähungen gegen die „Bibel der Juden" ergehen und doch die Treue zu Kaiser und Reich in Erbpacht genommen zu haben vorgeben! * Der Streit zwischen dem Breslauer Oberbürgermeister Dr. Bender und den dortigen Jnnungsausschüsseu hat viel Staub ausgewirbelt. Von besonderent Interesse ist für uns dabei der Passus in der Autivort des wahrhaft freisinnigeit Mannes, der sich gegen den Antisemitismus wendet:

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