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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Ar. 32 Allgemeine jfcrlin, 10. August 1900. eitung öes Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Viertelsährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Hr- Ludwig PHUippson-Konn Verlays-Drpedition: Ocrlin, Icrnfalemerllr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Opfer der Menschheit. — Die Woche. — König Humbert. — Rumänien oder Galizien? Von S. M. Lasar. — Nochmals zu Ludwig Bambergers Andenken. — Zur Geschichte des jüdischen Buchdrucks in Frankfurt a. O. — Feuilleton r Bethulah. VI. Von I. Zangwill. — Von der Reise. I. Von G. K. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Könitz, Bromberg, Breslau, Aus dem Regierungsbezirk Kassel, Koblenz, Bonn, Wien, Odessa, London, Tunis. — Von Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Opfer der Menschheit. Berlin, 6. August. o düster umwölkt der politische Horizont der Völker Europas gegenwärtig auch ist, und so stark auch die (2- Gewitterstürme des Krieges durch die Länder brausen, so traf doch die furchtbar ergreifende Schreckenskunde von der Ermordung des Königs Humbert von Italien Alle, die sie vernahmen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nach dem Charakter des durch das schwärzeste Verbrechen des Meuchelmordes so jäh dahingerafften Königs ist der letzte Zug dieses Wortbildes sicherlich von symbolischer Bedeutung. Denn König Humbert war ein edler, ritterlicher Fürst von lauterem Gemüthe, von warmer Leutseligkeit auch gegen den Aermsten im Lande, dem das Wohl seines Volkes ohne Unterschied der Abstammung, des Standes und des Glaubens ernstlich am Herzen lag. Ein erhabener, treuer Hüter der Ordnung, ein Hort des Rechts und der Gerechtigkeit, fiel er als Opfer seiner Regentenpstichten durch die tückische Hand eines fluchwürdigen Verbrechers. So ist der gütige Monarch Italiens, dessen Herz Jedem aus seinem Volke mit jenem Vertrauen geöffnet war, das, weil selber arglos, auch nichts geargwöhnt, jener großen Menge von Märtyrern zugezählt, deren unschuldig vergossenes Blut zum Himmel emporschreit und uns alle Zeit mit tiefer Trauer erfüllt. Wenn es für solche Märtyrer, die, sei es, daß sie für Glauben und Gesittung oder für die öffentliche Wohlfahrt im Schutze der staatserhaltenden Ordnung und des Rechts gestorben, einen Trost giebt, so ist es nur der, daß die Menschen oder einzelne Kreise derselben durch ein so grelles Schicksal ans ihrer bisherigen Lethargie und Verblendung aufgeschreckt, nach den Schäden und Mängeln in der menschlichen Gesellschaft suchen, die solche bösartigen Zustände verschuldet und an deren Heilung und Besserung denken. Wenn die menschliche Gesellschaft, durch solche schrecklichen Ereignisse aufgerüttelt, auf dem Stufengang der moralischen Erkenntniß immer höher emporschreitet, dann erscheinen uns diese Opfer der Menschheit in der Verklärung der Schmerzeus- und Todesweihe; ihr Leiden und Sterben wird die Quelle lebensvollen moralischen Fortschritts für die nachfolgenden Geschlechter, und so haben sie gelebt für alle Zeiten. Aus Anlaß des an König Humbert begangenen Verbrechens wird man in Italien und auch in anderen Staaten mit Eifer daran gehen, die Quellen der moralischen Versumpfung anfzusuchen, die den Gifthauch solcher verbrecherischen Gesinnung ausströmen und um sich her verbreiten. Man wird mit Recht auf jenen Kreis wahnwitziger Menschen Hinweisen, die mau als Anarchisten bezeichnet. Sie verwerfen die Herrschaft einer gesetzlichen moralischen Ordnung und huldigen dem Grundsatz der ungebundenen Willkür unter der Geltung des Rechts des Stärkeren; sei es, daß diese Stärke in der Faust oder in List und Verschlagenheit oder in Gift und Dolch besteht. Ihr einziges Gesetz ist die Gesetzlosigkeit. Es ist ein richtiger Kainiterordeu, der die brutalste Gewalt zum politischen Gtaubensbekenntniß erhebt und den Mord an dem unschuldigen Abel verherrlicht. Aber die Anarchie in Italien und anderwärts ist blos das erschreckende Symptom einer bösen moralischen Krankheit, die in nianchen Gesellschaftskreisen mehr oder minder tief sitzt. Es ist dies der Mangel an echter Gottesfurcht und reiner Menschenliebe, in dessen Gefolge die politische und religiöse Heuchelei und die soziale Brutalität auftreten. In dem Laster der Anarchisten läuft diese gesellschaftliche Krankheit als auf den Endpunkt ihrer Entwickelung aus, und wie die aus dem Vesuv emporschlagende Lava im Krater sich einen Ausweg gebrochen, nachdem sie in den tiefen Schlünden der Erde lange verschlossen gewesen, so findet diese moralische Krankheit in dem gemeinsten Verbrechen die stärkste Form ihres Allsbruchs. Zwischen den Endpunkten der beginnenden und ausbrechenden Krankheit liegen die verschiedensten Grade derselben, unter denen der Haß gegen ein bestimmtes Religionsbekeuntniß in seinem Gegensatz zu aller Gottesfurcht und Moral nicht die harmloseste Form ist. Wie oft waren wir Juden nicht, und zlvar bis in die jüngste Zeit hinein, die Opfer der Menschheit, in der gar manche Gruppen bei allem ällßeren Besitz von Religion doch ans Mangel an echter Gottesfurcht und reiner Menschenliebe uns anfeinden und verfolgen! ttttb doch hat die alte Bibel der Juden aller gesellschaftlichen Ordnung und Gesetzlichkeit eine festere Grundlage gegeben, als alle Gesetzgeber und Mächtigen der Erde es vermochten. „Mein Sohn, fürchte Gott und den König und mit Umstürzlern lasse Dich nicht du," ist ein

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