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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-03 · Heft 31 (3.8.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 schöpfen wir und einem Ziele streben wir zu: das ist unser Aller Sehnsucht zu Gott. Die Verherrlichung Gottes bleibt unser gemeinsames Streben, diese äußert sich aber zu allererst und hauptsächlich in der reinen gegenseitigen Liebe und Werthschätzuug. Und wenn tu dieser Beziehung gewisse Vorurtheile noch wahrnehmbar sind, so bestreben Sie sich doch nur weiter bei treuem Festhalten an der eigenen Religion, die Sache des ungarischen Nationalstaates mit allen Kräften zu fördern. Erziehen Sie ihre Söhne in diesem Geiste, und das friedliche Einvernehmen wird sich auch dadurch besser gestalten, waich von Herze»l wünsche und hoffe. Ich danke Ihnen nochmals, geehrte Mitbürger. für Ihr freundliches Erscheinen." h. Budapest, 30. Juli. In allen Schichten der Gesellschaft regt sich das lebhafteste Interesse für die rumänisch-jüdischen Auswanderer, denen auch zahlreiche Nicht-Juden helfend beistehen. Gestern erschien bei denselben der Prior des ungarischen Piaristenordens und vertheilte an die Armen Geld und Viktualien, auch der Staatssekretär vom Ministerium des Inneren, Herr Gullner, erschien bei den Auswanderern und versprach ihnen, im Nahmen des Gesetz^ der Humanität vollständig Rechnung zu tragen. — Aufsehen erregt eirch Rede des Bischofs Wolaskas aus Anlaß seines gestrigen 25 jährigen Priesterjubiläums. Er sagte, daß, wenn sich Nichtswürdige findey sollten, welche die Christen gegen die Juden aufhetzen, mit denen der Bischof u»ld seine Gläubigen stets in gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt hätten, wäre er bereit, auch um den Preis seines Blutes das bestehende gute Verhältniß zu vertheidigen. — Zwischen der ungarischen Regierung und Rumänien hat durch Vermittlung des Auswärtigen Amtes ein lebhafter Notenwechsel stattgehabt, dessen Resultat das Versprechen Rumäniens ist, die rückkehrenden Allswanderer wieder aufzunehmen. Trotzdem verwehrell in Orsova rumänische Gendarmen 650 Auswanderern, welche keine Mittel zur Weiterreise haben, dir Rückkehr. Nußland. t'. Petersburg, im Juli. In deni großen Meßplatz an der Wolga., rvohnen seit Jahrell viele Juden, welche, ohne sich im Innern Rllßlands aufhalten zu dürfen, aus Handelsinteressen in N i sh n i-Nowgorod zeitweilig geduldet wurden. Vor einiger Zeit fragte nun der Gouverneur beim Minister des Innern an, was mit diesen Juden, deren Aufenthaltsfrist vielfach längst abgelaufen ist. nun geschehen soll. Die Antwort des Ministers ist eben in Petersburg eingetroffen. Sie lautet ans Ausweisullg llach abgelaufener Jahresfrist und Abschieben der. Ausgewiesenen nach dem Ansiedelungsrayon. Hunderte von jüdischen Familien werden von diesem harten Schlag getroffen. Die Vorgeschichte dieser Ausweisung datirt bis zum Jahre 1893 zurück. In diesenz Jahre erschien näullich eine allerhöchste Verordnung, Maßregeln zur Entfernung aller solcher Juden aus dem Nishgoroder Gouvernement zu treffen, welche sich im Innern Nußlarlds nicht aufhalten dürfen. Aus viele Bemühungen wurde die drakonische Maßregel insoferil gemildert. als den Betroffenen eine äußerste Frist bis zum Juni 1895 gewährt wurde, nach deren Ablauf sie unweigerlich ihren alten Wohnsitz zu verlassen hätten. Inzwischen schien aber die kaiserliche Verordnung einigermaßen iti Vergessenheit gerathen zu sein, denn auch nach Ablauf der gewährten Frist blieben Hunderte von jüdischen Familien im Gouvernement Nishgorod wohnen, und zwar auf die Thatsache hin. daß sie schon vor dem 3. April 1880 da gewohnt haben. Jetzt kam mau. wohl gelegentlich der Vorbereitungen zur beginnenden Messe in Nishni-Nowgorod, im1 Ministerium des Innern auf die im Gouvernement Nishgorod halb vergessenen Juden zurück. Man fand nun, daß das Wohnen auf einem Platze seit 1880 die Juden des Ansiedelungsrahons vor Ausweisungen aus dem flachen Lande, nicht aber aus dem im Innern Rußlands gelegenen Gouvernement Nishgorod schützt. Der vom Gouverneur eingeforderte Bericht ergab, daß alle in Frage kommenden Juden bereits über 20 Jahre im Gouvernement wohnen und mit. allen Fasern ihrer Existenz an ihrem Wohnorte haften, eine Thatsache. die das Ministerium des Innern veranlaßte, den Juden eine neue Frist von einem Jahre zu gewähren. Es sind nun Vorkehrungen getroffen worden, am 1./14. August 1900 allen Juden eine Ausweisungsordre zum 1./14. August 1901 zuzustellen, und ihnen zu bedeuten, daß sie unter keinen Umständen aus eine weitere Prolongation zu rechnen haben. Diese Milde gilt wohlgemerkt nur für solche jüdische Familiendie schon vor dem 3. April 1880 in Nishgorod gewohnt haben. Alle anderen Juden dürfen aus eine solche Nachsicht nicht rechnen. Von Nah und Fern. --- Bei dem am 15. und 16. d. M. in Schwetz a. W abgehaltenen Schützenfeste errang Herr Feibel jutt. die Königswürde sowie Herr Davis jun die Würde eines zweiten Ritters. Man sieht, daß die Juden in keiner Hinsicht hinter Anderen zurückstehen. — Ani 23. d. M. verstarb plötzlich der Rabbinats-Assessor Schye Lewinski in Breslau, welcher seit zwanzig Jahren ununterbrochen in der Verwaltung der Gemeinde segensreich gewirkt^ durch seinen lauteren Charakter und sein biederes Wesen allgemeiner Beliebtheit, sich zu erfreuen hatte. Am Grabe sprachen die Rabbiner Dr. Rosenthal und Wreschner. — Am 23. d. M. mit Schluß des Sommersemesters hat an der B r e s l a u e r Universität Fräulein Therese Oppler aus Pleschen die ärztliche Vorprüfung (Physikum) mit dem Prädikat „Gut" absolvirt. — In Neu markt i. Schl, wurde Kauf' mann M. Cohn, eine daselbst allgemein beliebte Persönlichkeit, einstimmig zum Rathsherrn gewählt. — Der Besitzer des „Hotels zur Waldhöhe" in Jl seil bürg am Harz versendet, wie wir einer Briefkastennotiz des „B. T." entnehmen, Cirkulare. in denen er erklärt: „Etwaige Anfragen von Israeliten muß ich zurückweisen." — Rabbiner Dr. Walter ist als Nachfolger denach Danzig berufenen Herrn Dr. Freudenthal einstimmig zum Landrabbiner von Anh alt-Des sau gewählt worden. — Der „Nürnberger Anzeiger" berichtet: Ein Münchener Israelit ließ seinen Sohn taufen, damit derselbe bei einem Universitäts - Corps Aufnahme finde. Als der getaufte Sohn sich nun zur Aufnahme meldete, wurde ihm bedeutet, die Taufe bewirke erst in der zweiten Generation die Aufnahmefähigkeit. So muß es kommen! — Der neugewählte Magistratsrath Simon Lebrecht in München wurde von den dortigen Antisemiten verdächtigt, er habe im Jahre 1870 auf die französische Kriegsanleihe gezeichnet. Auf die Entgegnung, daß L. 1870 erst 18 Jahre alt und Lehrjunge in einem Schnittwaarengeschäft war. bemerkt Dr. Sigl in seinem „Vaterland" lakonisch: „Desto besser für ihn!" — Der jüngst verstorbene Kommerzienrath Rudolf Bamberg er hat den Armen der Stadt Mainz 50000Mark vermacht. — Dem Maler PH. Laszl o in Budapest ist von der Jury der Pariser Weltausstellung die goldene Medaille zuerkannt worden. — Zu Rittern der Ehrenlegion wurden ernannt: R. L. Weill, Kontrolleur der Armenverwaltung, und G. L. Picard, Oberstleutnant im 125. Infanterieregiment. — Laut einer Bestimmung des Kurators der höheren Lehranstalten zu Kiew mußten alle Zöglinge eine Bescheinigung ihrer Eltern haben, daß sie am Sonnabend schreiben und keine Rücksichten irgend welcher Art erwarten dürfen. — Die fast ausschließlich von Juden bewohnte Stadt Wolozyn (Gouvernement Wilna) wurde vollständig eingeäschert. Gegen 500 obdachlose Familien kampiren unter freien! Himmel. Das Feuer wurde gelegt. — Aus St. Johns in Neufundland wird dem „Standard" gemeldet, daß dort der Dampfer „Montfort" mit 1000 russischen Juden an Bord und von Liverpool nach Montreal bestimmt, angelegt hat, weil eine Auflehnung an Bord stattgefunden hatte. Als Grund wird angegeben, daß kein Fisch gereicht wurde Als den Leuten die erste Fleischspeise servirt wurde, warfen sie dieselbe über Bord, bedrohten mit Messern die Offiziere, schlugen die Stewarts, brachen in die Vorrathsräume ein und warfen alles Schweinefleisch und andere ihnen unangenehme Nahrung fort. Man konnte sich mit den Leuten nicht verständigen, da sie kein Englisch verstanden. Der Kapitän ließ sodann die Führer von dem Gros trennen, die Thüren verschließen und besonders wichtige Punkte durch Matrosen mit Schläuchen, die heißen Dampf enthielten, bewachen. — Juden und Christen ist der Zutritt zu den schwefelhaltigen Heilquellen in Mulai Ja'kub unweit von Fez aufs strengste verwehrt. Ebenso dürfen sie in keiner Stadt des Sultanats Marokko ein muhamedanisches Bad benutzen. Alles wie bei uns! — Wie man aus New York meldet, hat die Regierung eine Untersuchung angeordnet wegen der Masseneinwanderung rumänischer Juden, indessen werden die Vorbeugungsmaßregeln nur getroffen, sofern dir Einwanderung den gegenwärtigen Charakter verliert und Arbeitsunfähige kommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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