Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-03 · Heft 31 (3.8.1900) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228397--56696-3293018
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

64. Jahrgang. Mr. 31. Dev Gemeindebote. «»»». »° HSeitage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLhums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 29. Juli. Eines der ältesten historischen Grundstücke der südlichen Friedrichstadt, das Haus Friedrichstrabe 225, wird demnächst eine große Umwälzung erfahren. Es ist bei einer Fläche von rund 300 Ruthen jetzt für 2lM Millionen Mark zum Verkauf gestellt worden. Das Lei einer Tiefe von 125 Meter ziemlich stark bebaute Grundstück, wo die bekannte Neuß'sche Wagenfabrik sehr lange Jahre betrieben war. wurde unter Friedrich Wilhelm I. bei dem Fortbau der Friedrichstadt von der Mauerstraße bis zum Bellealliance-Platz (1733) den Kaufleuten der Judenschaft angewiesen, die es, ebenso wie die meisten Gewerke ähnliche benachbarte Grundstücke in dieser Gegend, bebauen mußten. Hier siedelten sich nach Fidicin damals an: die Seidenwirker (Nr. 239). die Hutmacher (Nr. 240), die Posamentirer (Nr. 241) u. s. w.. aus der anderen Seite der Straße die Tabaksspinner (Nr. 125), die „neuen Gewerke" (Nr. 26) die Wein- und Bierschänker (Nr. 81). die Butterhändler (Nr. 37) Eines der ansehnlichsten Häuser darunter war dasjenige der Weinschänker, das bei einem Umbau im Jahre 1863 mit Hermen vonr Hause Schloßplatz 3 und mit Figuren aus dem sog. „Judenpark" in der Köpenicker Straße geziert wurde. Die Front des Hauses Nr. 225 hatte eine Länge von 9 Ruthen des alten rheinischen Maßes und dabei eine sehr bedeutende Tiefe, die durch die Grundstücke Wilhelmstraße 22 und 22 a begrenzt wird. Die erste Bebauung fällt nur kurze Zeit nach Ertheilung des Generalprivilegiums an die Juden, die nach ihrer Vertreibung aus der Mark (im Jahre 1572) in einer Zahl von 50 Familien 1671 hier ausgenommen wurden und 1700, 1714, 1730 neue Privilegien erhielten. Von dem jüdischen Alt-Berlin ist in der letzteil Zeit ein Haus nach dem anderen abgerissen worden. Es dürfte sicher bei diesem Anlasse interessant sein, etwas näheres über Berliner jüdische Verhältnisse im vorigen Jahrhundert zu erfahren. In Nicolais 1786 in dritter Auflage erschienenen Beschreibung von Berlin wird angegeben, daß die Zahl der Juden in Berlin damals 3372 Seelen betrug. Neuansiedelung und Gründung eines neuen Hausstandes in Berlin war nur unter gewissen Beschränkungen gestattet. In erster Instanz nahmen die Juden Recht vom Jnstructionssenat des Kammergerichts, auch war der Oberlandrabbiner zu einer Rechtsprechung befugt, welche der Revision des Kammergerichts unterlag und einen mehr schiedsrichterlichen Charakter hatte. Seit dem Anfang des Jahrhunderts genossen die Juden freie Religionsübung. Ihre Armenanstalten und ihre Theilnahme an dem geistigen Leben der Stadt hebt Nicolai rühmend hervor; ein zünftiges Handwerk zu treiben war ihnen untersagt. Sie dursten wohl Fabriken, aber keine Brauereien anlegen. Der Berliner Ressource, die jeden Mittwoch ihre Sitzungen abhielt, in denen Abhandlungen aus dem Gebiete der Philosophie, Aesthetik, Geschichte u. s. w. vorgetragen wurden, aber weder gespielt noch geraucht wurde, gehörten neben den hervorragendsten Gelehrten Berlins von Juden Dr. Marcus Herz und Frau, David Friedländer der bekannte hebräische Schriftsteller Euchel, der auch eine Biographie MoseS Mendelssohns verfaßt hat und Andere an. Für den Zusammenhang der Geschichte der Berliner Aufklärung mit dem Emporkommen ist die folgende Schilderung eines „Reifenden durch die preußischen Staaten" interessant: „Die Juden wohnen großentheils in dem eigentlichen Berlin, besonders in der Jüden-, Königs-, Spandauer Straße Unter den Linden hat der Bankier Ephraim ein prächtige- Haus. In der Friedrichsstadt wohnt kein einziger. Es giebt hervorragende Gelehrte unter den Juden Berlins. Wem ist nicht Moses Mendelssohn bekannt? Doctor Bloch ist ein großer Kenner der Naturgeschichte und Physik. Doctor Herz liest jetzt philosophische Kollegia. Das schöne Geschlecht der Israeliten spielt in Berlin eine große Rolle. Es giebt wirklich Schönheiten im eigentlichsten Sinne unter ihnsn. Unter allen Vergnügungen lieben die Juden das Schauspiel am meisten. Am Sonnabend ist das Parterre großentheils von ihnen besetzt. Bei gutem Wetter sieht man sie an diesem Tage in Schaaren im Thiergarten oder Unter den Linden spazieren gehen." An anderer Stelle heißt es: „Sonderbar wird es Ihnen Vorkommen, wenn ich Ihnen erzähle, daß eS ein Gesetz giebt, nach welchem die Juden verpflichtet sind, sobald sie sich verheirathen, eine Partie Porzellan aus der königlichen Porzellanfabrik anzunehmen. Der Geringste und Aermste unter ihnen muß für 300 Thaler annehmen. Die ganze Einrichtung ist um so drückender, da man ihnen nicht die Wahl läßt, sondern den Ausschuß giebt. den die Fabrik niemals würde verkaufen können." <***# Berlin, 31. Juli. Gestern starb hier der Schriftsteller Dr. Phil. Samuel Cohn, der seit dem Ausgange der achtziger Jahre hier als Mitarbeiter von Tagesblättern und Zeitschriften thätig war. 1862 zu Bromberg geboren, studirte Cohn, aus dem Joachims» thal'schen Gymnasium vorgebildet, in Berlin Philologie und Geschichte. Nach dem Abgänge von der Universität, nachdem er mit einer historischen Arbeit zum Doktor promovirt wurde, wandte er sich nationalökonomischen Studien zu. In die Tagesschriftstellerei wurde er als Hilfsarbeiter der Oldenburgischen Korrespondenz eingeführt. Eine Reihe von Jahren hindurch stand er dem damaligen Reichs- und Landtagsabgeordneten Friedrich Goldschmidt bei seinen wirthschaftspolitischen Untersuchungen und Studien als Sekretär zur Seite. Während der letzten Zeit war Cohn Redakteur der Zeitschrift „Oekonomist". Im vorigen Jahre veröffentlichte Cohn als die Frucht mehrjähriger Arbeit eine Schrift über die Entwicklung der Finanzen des Deutschen Reicheseit seiner Begründung, die wegen der übersichtlichen Anordnung des vielgestaltigen Stoffes und der Zuverlässigkeit der Angaben viel Anerkennung gesunden hat. Er ruhe in Frieden! LL Berlin, 29. Juli. Am hiesigen Rabbinerseminar für das orthodoxe Judenthum erfolgte am 24. d. M. zum ersten Male die Ertheilung der Rabbinatsdiplome in einem öffentlichen feierlichen Akte. Es wurden entlassen die Herren Dr. I. Holzer und Dr. Wolf. Nachdem der Rektor Dr. Hoffmann auf die Bedeutung der Feier hingewiesen hatte, ergriff Dr. Holzer das Wort, der zugleich im Namen seines Kollegen seinen heißen Dank dem Seminar und seinen Dozenten gegenüber aussprach und dann anknüpfend an die Worte Moses Kap. 27, 15—17 eine Betrachtung über die Pflichten und Ausgaben des Rabbiners in jetziger Zeit entwarf. Damit schloß die Feierlichkeit ab. S2 Berlin, 29. Juli. Die Frauenloge „Humanitas", Vereinigung zur Unterstützung armer kranker israelitischer Frauen und Kinder, veranstaltet zum Besten der Unterstützungskasfe am 9. August d. I. in Kistenmachers Konzertgarten. Hinter den Zelten an der Spree, ein großes Sommerfest. Sie ladet alle ihre Gönner und Freunde hierzu ein und bittet, sich zahlreich daran zu betheiligen. Vorverkanssbillets ü. 40 Pfg. sind bei den Vorstandsdamen und im Centralbüreau, Rochstaße 15, zu haben. Könitz, 27. Juli. Herr Geheimer Oberregiernngsrath Maubach aus dem Ministerium des Inneren war mit Begleitung noch eines höheren Ministerialbeamten am Freitag und Sonnabend hier anwesend und hatte die Vertreter der Behörden zu einer Konferenz eingeladen. Die Konferenz war streng vertraulich. — In der „Mordsache" hatte eine bedeutende Anzahl hiesiger Bürger, insbesondere Restaurateure. Kanfleute rc., ferner der Berichterstatter der antisemitischen Blätter und Agitator Paul Werner Vorladung zu einem Termin vor dem Untersuchungsrichter erhalten, der Montag stattsand — Kriminalkommissar Klatt ist nach Berlin zurückgekehrt. Es sollen, wie verlautet, demnächst die Akten in der Winter'schen Mordangelegenheit geschlossen werden. K. Aus Westpreutzen, im Juli. Die von uns in Nr. 29 erwähnte Episode aus einem kleinen westpreußischen Städtchen, betreffend des frivolen Spaßes eines jüdischen Fleischergegen einen Handwerker, hatte am 20. d. M. ein gerichtliches Nachspiel vor der Strafkammer in Könitz. Die Verhandlung dieses Prozesses, dessen Ursachen seiner Zeit eine gewisse Aufregung in der antisemitischen Presse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.