Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 372 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228397--56695-3293017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
872 \ zerrte das gemeine Grinsen, das ich so gefürchtet hatte, seinen malitiösen Mund. „O. Sie haben Bethulah gesehen?" fragte er. „Ja," sagte ich und wandte mein erröthendes Gesicht hinweg, aber war doch froh, daß ich nun ihren Namen wußte. „Bethulah, Bethulah," mein Herz schien bei der Musik dieses Namens höher zu schlagen. „Geht sie noch immer im Sterbekleid herum?" Er wartete die Antwort nicht ab, sondern brach in nicht endenwollendes Gelächter aus. das seinen ganzen Körper zusammenbog, bis sein Höcker hervorstand wie der eines Kameels. „Sie geht garnicht aus," sagte ich kalt, aber diese Bemerkung machte sein Lachen noch ärger. „Er wagt sogar seinen eigenen Schülern nicht zu trauen. Ha, Ha. Ha!" „Darchi," rief ich, „Du weißt es, Bethulah muß heilig gehalten werden vor diesem lärmenden Volke," und voller Wuth köpfte ich mit meiner Reitpeitsche die Mohnblumen, die in dem Garten vor Darchis Hause zwischen dem Mais wuchsen, als wären sie Pilger und ich Tarquin. „Ja, ich weiß, daS ist Ben Davids Spiel, aber ich wünschte, Jemand heirathet sie und ruinirt sein Geschäft." „Das würde Eures auch ruiniren," erinnerte ich ihn ärgerlich. „Ihr seid froh genug, Wohnung an die Pilger zu vermiethen." Darchi zuckte mit seinem Höcker. Wenn Narren Narren sind, sind Weise Weise, antwortete er wie ein Orakel. Ich ging hinweg, aber er hatte mein Gehirn mit einem neuen Gedanken erhitzt, oder vielmehr, einen Gedanken klar zum Bewußtsein gebracht, der bisher in mir geschlummert hatte. Jemand sollte sie heirathen! Nun, warum konnte ich nicht dieser Jemand sein? Warum konnte ich Bethulah nicht mit mir nach Amerika nehmen, sie, die kostbarste Merkwürdigkeit der alten Welt, ein reines, offenes, jungfräuliches Geschöpf mit lenem Engelszuge, von dem ich geträumt, den ich aber an unseren klugen amerikanischen Mädchen niemals bemerkt hatte. Und wenn auch Ben David ein Betrüger ist und sie für seine kabbalistischen Geheimnisse braucht, auch dann war ich reich genug, sie ihm abzukaufen. Das Mädchen war nicht wissentlich schuldig, dessen war ich sicher. Als sich mein Gehirn etwas abgekühlt hatte, gewannen Ansichten über die andere Seite der Frage Eintritt in dasselbe. Würde Bethulah mich heirathen wollen und mir in ein fernes, unbekanntes rauhes Land folgen? Und war solch ein Bund nicht zu phantastisch, zu unvernünftig für das praktische Leben? So rang ich drei Tage mit mir und beobachtete während der ganzen Zeit Bethulahs Thurmzimmer und den Weg, den sie entlang kommen konnte. In der dritten Nacht sah ich eine wilde Menge an der Thurmseite des Hauses tanzen und singen, die Augen auf das Licht gerichtet, das dort oben brannte. Anfangs konnte ich bei dem furchtbaren Lärm die Worte nicht verstehen, sie wiederholten sich so oft, daß mir fast schwindelig wurde. Wie mir schien, war es eine Aufforderung an Bethulah, am kommenden Neujahr für sie zu Gott zu beten. Als ich am Nachmittage versuchte, die Worte nieder» zuschreiben, entdeckte ich, daß es ein Akrostichon auf ihren Namen war. (Fortsetzung folgt.) Jirot neunten Ad Von S. K atz-Gelsenkirchen. s lodert im Tempel der Flammen Gluth, ES klirren der Knechtschaft eherne Ketten. Für Gott und die Freiheit fließt edles Blut, Doch Israels Hüter will Israel nicht retten. Das Volk seines Bundes brach ihm die Treu, Zersplittert' die Kräfte im Hader und Hassen; Drum beugte den Trotz ihm die Tyrannei. — Um Treubruch und Zwietracht hat Gott es verlassen. Sie zogen nun klagend und weinend fort Und ließen die Freiheit und Heimath sich rauben. — Jetzt suchten sie reuevoll Israels Hort Und fanden in ihm den verlorenen Glauben. Da kehrte zurück der freudige Muth, Dem Schicksal zu trotzen und nicht zu erliegen, Und mit der alten begeisterten Gluth Im wüthenden Kampfe zu stehn und zu siegen. Verhallt ist die Klage, die Thräne versiegt; Die eine Erinnerung ist unS geblieben: Daß Juda in Treubruch und Zwietracht erliegt. Es bleibt nur ein Sieger durch Glauben und Lieben. Literarische Mitttzeilungen. — Wie uns mitgetheilt wird, war unsere Voraussetzung, daß demnächst eine zweite Auflage der Ethik von Lazarus erscheinen wird, eine irrige, und wir berichtigen diesen Jrrthum mit großer Genugthuung. Fünf Monate nach dem Erscheinen der ersten Auflage war bereits eine zweite nothwendig geworden, und hoffentlich wird sehr bald auch die dritte herauskommen müssen. Vivat seguens! Um volle Kräftigung zur Herstellung des zweiten Bandes zu gewinnen, befindet sich Herr Geheimrath Lazarus mit seiner Gemahlin gegenwärtig in Bad Rerchenhall. Möge er dort die Erfrischung und Erholung finden, die wir Alle ihm von Herzen wünschen! ÄS» Sprechsaal. Geehrte Redaktion! c^n Ihrer Notiz über die jüdischen Auswanderer aus Rumänien gjg in der Nummer 29 Ihres Blattes ist es als „bemerkenswerth" bezeichnet worden, „daß die Zuwendung eines namhafteren Geldbetrages, welcher durch eine Deputation des hiesigen VereinsJüdischer Studenten angeboteu wurde, abgelehnt worden ist." Da diese Darstellung nicht den Thatsachen entspricht und eine falsche Vorstellung über die Lage der Auswanderer hervorzurufen geeignet ist, so erlaube ich mir, dies dahin zu berichtigen, daß von einer Zurückweisung des ihnen dargebotenen Geldes keine Rede sein kann. Auf ihr Ersuchen wurde ihnen zur Bestreitung dringendster Bedürfnisse ein Theil des Betrages übergeben, der größere Theil wurde für die zahlreichen unterwegs und sich in noch größerer Noth befindlichen Auswanderer zurückbehalteu. Lissa i./P., 30. Juli 1900. Im Aufträge der „Vereinigung Jüdischer Studirender zu Berlin" ergebenst Isaak Zwirn, cand. med. (z. Z. Lissa i. P.) * Berichtigung. In dem Leitartikel Nummer 25 muß es Spalte 3 Zeile 35 v. o. natürlich Vorfahr und nicht Vorsteher heißen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.