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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-03 · Heft 31 (3.8.1900) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
Seite 371 (sequence 13)
Language
German
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371 Heimen Titel errathen? Oder hatte sie nur meinen eigenen Ausruf aufgegriffen? „Aber Sie haben weit zu gehen." „Bis zu meines Vaters Haus." „Verzeihen Sie mir. Ich bin ein Fremder." Jetzt wendete sie mir ihr volles Gesicht zu. „O." sagte sie, „Sie sind also der Fremde?" Die Frage kam wie Musik von ihren Lippen und war meinem Ohre so süß und fesselte nrich durch die Verinuthung, daß ich ihr nicht mehr fremd sei. „Ich bin der Fremde," antwortete ich und näherte nrich ihr langsam, „und daher fürchte ich für Ihre Sicherheit und bin erschrocken vor dem Sterbekleide, das Sie tragen." „Seit der Morgenröthe meines 13. Geburtstages war es mein tägliches Kleid. Es soll ein Trauerkleid für das gesunkene Zion sein. Mich, fürchte ich, erinnert es mehr an meine todten Schwestern und an meine Mutter." „Sie hatten Schwestern?" „Zwei schöne blühende Leben, die Eine nach der Anderen erloschen und unser Haus zu einem Trauerhause machten, als ich noch ein Kind war. Beide trugen Sterbekleider im Leben wie im Tode, erst die Aeltere, dann die Jüngere, und wenn ich das meinige über mein Kleid ziehe, muß ich immer an sie denken. Ich fühle dann, wir sind wirklich Schwestern, Schwestern des Sterbekleides." Ich fröstelte wie von Friedhofsluft, trotz ihrer süßen Körperlichkeit. „Aber die Krone — die Krone der Freude," murmelte ich u»ld blickte nun näher ans die Krone, die aus Myrthen, Orangen und Olivenzweigen, die mit goldenen und rothen Fäden durchzogen waren, gewunden war. „Ich weiß nicht, was sie bedeutet," sagte sie einfach. „Sind Sie nicht die Heilige Königin," fragte ich, und glaubte, ich sei dem kabbalistischen oder chassidischenGeheimniß auf derSpur. „Die Menschen verehren mich, aber ich weiß nicht, wovon ich Königin bin." sagte sie, und ein schelmisches Lächeln umschwebte ihren süßen Mund. „Friede mit Euch und gute Träume, mein Herr." Und sie wendete ihr Gesicht dem Dorfe zu. Sie wußte nicht, wovon sie Königin war. Das war in einem Satze der Zauber, das Wunder. Und nicht Neugierde allein war es. die mich reizte, die Vision sestzuhalten. Es war mir unangenehm, den Zauber ihrer Gegenwart zu entbehren, der süßen Musik ihrer Stimme beraubt zu werden. „Sie sind auf jeden Fall meine Königin," rief ich aus, ihr folgend, indem ich alle meine republikanischen Prinzipien zu den anderen Schiffstrümmern in den Fluß warf, „und Ew. Majestät getreuester Vasall darf seine Königin nicht unbegleitet in der Nacht wandeln lassen." „Ich bin in Gottes Schuh," antwortete sie ruhig. „Das ist wahr. Er ist stets mit uns, trotzdem, in der Nacht und im Gebirge — wird er noch deutlicher offenbar." „Mein Vater steigt mit der Kraft seines Gebetes zu jeder Stunde zum Himmel empor. Mir kommt die göttliche Begeisterung nur unter Gottes Himmel und am deutlichsten in der Nacht und zwischen den Gräbern. Am Tage ist Gott unsichtbar für mich wie die Sterne." „Sie können sie in der Quelle sehen," antwortete ich mechanisch; denn mein Geist war damit beschäftigt, daß sie Ben Davids Tochter und daß ihr angenommenes Königthum mit seiner königlichen Abkunft Zusammenhänge. „Gott ist auch sichtbar in den Tiefen des Geistes," ant- -wortete sie, „aber diese Tiefen sind nicht die meinigen, und der Tag spricht weniger sicher von ihm zu mir." „Der Tag ist auch göttlich," erwiderte ich, „Gott spricht auch durch Freude und Sonnenschein." „Er ist nur Vergolder des Kummers." „Nein, das ist zu hart gesagt. Wie könnt Ihr das wissen, Ihr, die Ihr eingeschlossen in einem Thurmzimmer, abgesondert von den Menschen lebt, nur Nachts und zwischen Gräbern herumgeht, wie könnt Ihr wissen, daß das Leben traurig ist." „Ich fühle es. Ist nicht jeder Stein auf dem Friedhofe aus dem todten Herzen der Trauernden gehauen?" Die ganze Traurigkeit der Welt lag in ihren Augen, und doch zugleich ein süßer Trost. Wieder sagte sie mir „Gute Nacht" und ich war so sehr unter dem Zauber ihrer eigenthümlichen Antwort, daß ich keine weiteren Anstrengungen machte, ihr zu folgen, als sie sich in der Dunkelheit der Fichten verlor, wo der Weg uni den Berg herumführt. Das Wasser fiel, bevor Neujahr herankam, was sich durch die Ankunft der Pilger zeigte. Der Weg war offen, und doch blieb ich. Ich redete mir ein, es sei der Reiz der neuen Bevölkerung, der Pilger, die ans dein Ringplatz von Zloczczol säst ein Gewühl hervorbrachten und sogar den Lädeir der einhetmischen Chaffidim ein lebhaftes Gepräge verliehen. Es war auch unangenehmer Anhang tut Gefolge der Pilger, Bettler, Krüppel, arme und reiche Schivindsüchtige, — im allgemeinen jedoch war es eine frohe wohlhabende Gesellschaft. Ich behielt mein Zimmer und bezahlte den Preis für drei und dann sogar kam Aarchi und betrachtete mit Wehmuth das große Bett, als ob es eine Verschivendung wäre. Die große Frage des Tages bildete jetzt der königliche Morgenempfang. Die Menge belagerte die Thür des Palastes, um sich nach der Gesundheit des Rabbi zu erkundigen; Rang und Reichthum hatten hier keinen Vorzug, der Eigenthümer von Feldern und Wäldern drängte sich neben den Wegelagerer, die Frau aus dem Volke mit ihrer vernachlässigten Brut stieß an die mit Juwelen bedeckte Dame aus der Stadt. Ich war zufrieden, daß die „Heilige Königin" sicher in ihrem Thnrmzimmer verborgen »var, zwar konnte ich sie auch nicht sehen, doch gereichte es mir zuin Tröste, das; sie vor den Pilgern geborgen war. Es mag sonderbar aussehen, daß ich nicht kühn die Gelegenheit ergriff und sie aufsuchte, aber das Hütte unsere poetische Bekanntschaft zu etwas alltäglichem herabgeivürdigt. Außerdem begriff ich, daß es nicht leicht wäre, zu ihr vorzudringen. Ich begnügte mich also damit, daß ich wußte, sie sei Ben Davids Tochter und hielt keine Nachfrage. Ich fürchtete, das Geheimniß und die Heiligkeit unserer Beziehungen durch Klatsch zu zerstöreit. Iarchi mit seinem Sarkasmus und seinen gefühllosen Aeußerungen hätte mir sicher gesagt, sie sei verrückt oder mondsüchtig. Ich war nicht einmal sicher, daß das Licht im Thurmzimmer wirklich ihres war, und doch, wenn es bei Nacht ans war, eilte ich zum Flusse, wo ich nichts sah als meinen eignen Schatten auf den schweigenden Gebirgsabhängen und den weißen Gräbern. Es war klar, sie wurde vor den Blicken der Pilger verborgen gehalten, vielleicht war auch der einsame Pfad jetzt nicht mehr so sicher wie früher. Als ich endlich wagte, zu?)archi wie zufällig zu sagen, daß Ben Davids Tochter streng im Hanse gehalten würde, ver-

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