Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 370 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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370 sprachen: „Unser Vater ist gestorben; warum soll sein Name unter seinem Geschlecht vergehen, obwohl er keine Söhne hast? Gebt uns auch ein Gut unter unseres Vaters Brüdern." Und sie hatten Erfolg. Das Wort einer Frau wurde, wie wir schon air andere:: Beispielen sehen konnten, stets angehört und beachtet. Der großherzige Gesetzgeber brachte die Forderung der fünf beherzten Schwesterrr wie jede wichtige Angelegenheit im Gebet vor seinen Herrn. Und siehe da, der Herr zeigte sich den weiblichen Rechtsuchenden geneigt. Er gab Mose den Bescheid: „Die Töchter Zelaphchad haben recht geredet; du sollst ihnen ein Erbgut unter ihres Vaters Brüdern geben und sollst ihres Vaters Erbe ihnen zuwenden. Und sage den Kindern Israels: „Wenrr Jemand stirbt und hat nicht Söhne, so sollt ihr fein Erbe seiner Tochter zuwenden." So ward denn ein neuer Paragraph für Erbtöchter in das bereits abgeschlossene Gesetzbuch für das Volk Israel eingeschaltet. Indessen ohne alle Hindernisse ging die Sache doch nicht von Statten. Es kam darüber noch einmal zu einer Parlamentsverhandlung. Die Häupter der Geschlechter vom Stamm Manasse, deni auch der verstorbene Vater der fünf Mädchen angehört hatte, traten herzu vor Mose und die Fürsten und obersten Väter der Kinder Israel und murrten über die lleue Verfügung, welche ihr Stammesinteresse zu benachtheiligen drohte. Sie wiesen darauf hin, daß, wenn die Töchter des Zelaphchad von Männern ans einem anderen Stamme gefreit würden, dem Stamm Manasse das ihm durchs Loos zugetheilte Erbtheil für immer geschmälert werden würde. Moses fand diesell Einwand gerechtfertigt und gebot mut, daß die fünf mit Grundbesitz belehnten Erbtöchter solvie alle ihre späteren Nachfolgerinnen zwar freien sollten wie es ihnen gefiele, jedoch unter der einzigen Bedingung, daß sie nur innerhalb der Geschlechter ihres väterlichen Stammes freieteil, auf daß nicht ein Erbtheil von einem Stanune auf einen anderen überginge. Und so reichte:: Mahela, Thirza, Hagla, Milka und Noa den Söhnerl ihrer Vettern die Hand zum Ehebunde; denn eine selbständige Güterverwaltung durch Frauen war dazumal rroch ein Ding der Unmöglichkeit. So hätte ich dem Leser denn eine Rerhe von weiblichen Charaktere!: ans der alttestamentlichen Zeit vorgeführt, welche iir der That und Wahrheit Vorläuferinnen unserer rnodernen, für Fortschritt kämpfenden Frauen waren, welche aber auch als ihre leuchtenden Vorbilder angesehen zu werdell verdienen. Sie zeigen, wie gut die vorzüglichsten Herzellseigens cbaften des Weibes sich mit Geistesgröße und Thatkraft vereinigen lassen; sie zeigen, was für große Dinge ein solches Weib vollbrillgen kann, welln sie mit ungetrübtem Blicke die besonderen Forderungen ihrer Zeit erkennt und nicht versäunlt, in: gegebenen Augenblick die Stelle einzunehmen, die sie auszufüllen befähigt und berufen ist. Es sei mir gestattet, noch einen Rückblick auf Eva, die erste Lichtbringerin, zu werfen. Daß ich nicht im Jrrthum bin, wenn ich in ihr das Vorbild des befreiten Weibes der Zllkunft sehe, lehrt ulich folgende Kinderanekdote: Eine Mutter erzählt ihrem kleinen Töchterchen die Geschichte von Adam und Eva und glaubt ans dem gespannten Ausdruck der Kleinen entnehmen zu dürfell, daß die Ausweisung des ungehorsamen Paares aus dem Paradiese durch beu Engel mit flammendem Schwert tiefen Eindruck auf dieselbe gemacht. Als sie zu Ende ist. fragt das Kind: „Mama, steht der Baum noch immer im Paradies?" „Ja, wahrscheinlich," antwortete die Mutter. „Wenn ich hinkomme, dann will ich auch gleich hingehen und probiren," lautete die prompte Erwiderung. Was dieser Kindermund, unbewußter Weisheit froh, hier ausgesprochen, föuute uns vorgeschrittenen Frauen der Gegenwart zum Ansporn dienen. Selbst ist nicht allein mehr der Mann, selbst ist auch das Weib ihres Schicksals Schmied. Selbst alles auf seinen Werth prüfen und dasGute behalten, einen sel bstgewählten Weg gehen und durch eigene Erfahrung weise werden sollen wir und uns nicht länger einschüchtern lassen durch Autoritäten, mögen diese auch so weltberühmte Namen tragen! Wir modernen Frauen haben vor denen der alten Zeit eins voraus, und das ist, daß wir nicht allein für die eigene Person, sondern für unser ganzes Geschlecht eintreten, dem wir nicht neu entdeckte Rechte, wie die Spötter sagen, sondern ewige Rechte gewinnen wollen. Wir hängen nicht thörichten Träumen nach und glauben nicht, ein tausendjähriges Reich des Friedens und der Glückseligkeit auf Erden herbeiführen zu können; aber wir sind der Zuversicht, daß durch unser Zuthun noch unzählige Lebens quälen beseitigt und dunkle Wege erhellt werden können. Wir werden mit Nichten des Todes sterben, wie uns die traurigen Afterpropheten von heute itoct} immer weissagen; unser bestes Theil und unser Lebeusglück wird nicht mit unserer Befreiung zu Grunde gehen, sondern lvir werden Leben erhalten und Leben stärken und Leben verschönern. Laßt euch nicht irren, etvig wirkt und bleibt Was vorwärts, himmelwärts den Menschen treibt; Ob es ans Zeiten scheinbar auch erliege, Es endet immer mit dein vollen Siege. EUILLETON Bethulah. Eine Erzählung von I. Zangwill. s-, V. ' die Gestalt an mir vorbeischritt, blitzte der Gedanke in mir auf, vielleicht ill dies eigenthümliche weiße Kleid ein ö ° Sterbekleid. Aber während ich mit einer Ohnmacht rang, sagte ich wieder beruhigend zu mir selbst, vielleicht ist es ein armes Geschöpf, das lebendig auf dem Friedhofe begraben wurde, dem es gelungen ist, den Sargdeckel aufzuheben, und das nun halb wahnsinnig heimwärts wandert. „Darf ich Sie begleiten, mein Fräulein? Der Weg ist einsam." Sie wandte mir wieder ihr Gesicht zu. Es war Feuer und Geheimniß darin. „Wer wird es wagen, die „Heilige Königin" zu belästigen?" Wieder war ich in der größten Bestürzung. War mein erster Gedanke der richtige, oder hatte ich zufällig einen ge-