Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 369 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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369 Abigail; Beide bildeten ein höchst ungleiches Ehepaar, was im fünfundzwanzigste» Kapitel deS ersten Buches Samuelis also beschrieben wird: „Sie war ein Weib guter Vernunft und schön von Gestalt, der Man» aber war hart und boshaftig in seinem Thun." David hielt sich zu den Hütern seiner Heerden und gewährte ihnen Schutz gegen Räuber und wilde Thiere. Als Nabal bei Gelegenheit der Schafschur ein großes Gelage mit allen seinen Leuten feierte, sandte David zu ihm und ließ ihn in höflicher und bescheidener Weise um einen kleinen Antheil an dem Festschmause für sich und seine Mannschaften bitten, indem er auf seine Hilfeleistungen hinwies. Nabal fertigte die Boten mit groben und beleidigenden Worten ab, und David beschloß alsobald in seinem Zorn, den geizigen Mann sammt seinem ganzen Hause zu vernichten. Doch einer von Nabals Knechten theilte seiner Herrin, der Abigail, den Vorfall mit und warnte sie wegen des drohenden Unheils. Schnell entschlossen ließ Abigail eine reichliche Menge Mundvorrath und etliche Weinschläuche auf Esel laden und zog mit einigen ihrer Leute David entgegen, den sie bei der hereinbrechenden Abenddämmerung auch bereits auf dem Wege traf. Sie warf sich ihm zu Füßen und beschwor ihn mit beredten, klug gewählten Worten von seinem schlimmen Vorhaben abzustehen. Diese Rede der Abigail ist ein wahres Meisterstück diplomatischer Klugheit ohne Falsch und von echt orientalischer Unterwürfigkeit in der Ausdrucksweise bei furchtloser Freimüthigkeit der Gesinnung. In ihren eindringlichen Vorstellungen weiß sie die Warnungen vor den Folgen der beabsichtigten Rachethat mit Segensverheißungen im Falle ihrer Erhörung so geschickt zu verflechten, daß sie David völlig umstimmt und zugleich sein Herz gewinnt. Abigail ist ein hocherfreuliches Bild der Frau ohne Furcht und Tadel und zeigt zugleich, bis zu welcher wahrhaft geachteten Stellung alle geistig hervorragenden Individuen ihres Geschlechts im israelitischen Volke sich ohne Mühe und ohne Kampf erheben konnten. Auffallend ist besonders die freie Art, wie sie mit dem Eigenthum ihres Mannes schaltete, ohne erst seine Genehmigung zu erbitten. Und mit Recht; denn im Augenblick drohender Gefahr mußte sie kür den trunkenen, unzurechnungsfähigen Mann handeln. Sodann ist das Vertrauen und der unbedingte Gehorsam bemerkenswerth, der ihr von Seiten der männlichen Untergebenen gewidmet wurde. Einer der Knechte wendet sich in seiner Angst vor der Rache Davids an die weise Herrin und bittet sie, Hilfe zu schaffen; andere Knechte lassen willig die festliche Schmauserei im Stich, um die Esel mit den Sühnegaben zu beladen und die Gebieterin zu begleiten. Was würde wohl in ähnlichem Falle — nehmen wir an in Kriegszeiten — in einem unserer chriftlich-zivilisirten Länder geschehen? Die Knechte hätten das Recht, vielleicht sogar die Verpflichtung, sich den Abordnungen der Hausfrau zu widersetzen, und bei der ihnen von Jugend auf fest eingeprägten Mißachtung jeder Art von Weiberregiment würden sie es wahrscheinlich auch thun. Ein lobenswerther Zug an Abigail ist ferner, daß sie die Heimlichkeit verschmähte; denn am anderen Tage, als Nabal wieder nüchtern geworden war, theilte sie ihm ihre glücklich vollführte Rettungsthat mit. Und der elende Feigling erschrak nachträglich so sehr über die hart an ihm vorübergegangene Todesgefahr, daß ihm das Herz im Leibe erstarb, „und er ward wie ein Stein, und über zehn Tage gab er seinen Geist auf." - Don jener anderen unerschrockenen Frau, welche die Rettung ihrer hart bedrängten Heimathstadt bewirkte, ist der Name nicht einmal überliefert worden. Sie heißt im zweiten Buche Samuelis Kapitel 20 nur „das kluge Weib". Ei« Aufrührer Namens Seba benutzte die Spaltung zwischen den Stämmen Israel und Juda, um die ersteren zum Abfall von David zu überreden; die Männer von Juda aber hielten an ihrem Könige fest. David gab den Befehl, den Verräther zu verfolgen. Joab, sein oberster Feldherr durchzog das Land und rief die Abtrünnigen unter seine Fahne zurück, dann ließ er um die Stadt Abel-Beth. in welche Seba sich geflüchtet hatte, einen Schuttwall aufwersen und wollte die Stadt erstürmen. Da trat eine muthige Frau als Friedensunterhändlerin mitten unter die Kämpfenden, verschaffte sich Gehör, forderte eine Unterredung mit Joab und hinderte ihn. das Werk roher Verwüstung auszuführen und Hunderte von schuldlosen Menschen wegen eines Schuldigen hinzumordcn. Joab erklärte, mit der Auslieferung des Empörers zufrieden sein zu wollen; die kluge Frau veranlaßte auf der Stelle dessen Hinrichtung und ließ sein Haupt über die Mauer Joab zu Füßen werfen, worauf die Belagerer unter Posaunenklang wieder heimgezogen.') Zu guterletzt bleibt mir noch ein ganz außergewöhnliches im Hinblick aus die modernen Frauenbestrebuugen höchst interessantes Beispiel anzuführen übrig. Alle bisher beschriebenen Frauen, — abgesehen von der rein symbolischen Eva. — haben für ihre Nation, ihre Gottheit und ihre nächste Umgebung gewirkt; aber keine einzige von ihnen hat irgend welchen von praktischen Folgen begleiteten Einfluß aus die gesetzliche Stellung ihres eigenen Geschlechts ausgeübt. Dieses Verdienst gebührt allein fünf energischen Schwestern, von denen im siebenundzwanzigsten und sechsuuddreißigsten Kapitel des vierten Buches Mose die Rede ist. Freilich haben diese klugen Jungfrauen auch nur ihr eigenes Recht gesucht; aber sie haben dadurch die Veranlassung zu einer Erweiterung der gesetzlichen Bestimmungen im Interesse aller ihrer in gleicher Lage befindlichen Volksgeuossinuen gegeben. Die Frauenrechtlerinnen der Gegenwart sind also auch nichts Neues unter der Sonne, wie so Mancher wohl denkt. Ihre Urbilder im alten Testament waren die hinterlassenen, alleinstehenden Töchter eines Mannes Namens Zelaphchad, der in der Wüste gestorben war und keine Söhne hinterlassen hatte. Nach dem mosaischen Gesetz erbten die Töchter weder vom Vater noch von der Mutter, sondern es mußte ihnen eine Mitgift und ein Wittum ausgesetzt werden; verwaiste Mädchen wurden der pflichtmäßigen Fürsorge ihrer nächsten männlichen Anverwandten, oder bei großer Armuth derselben, der Fürsorge der Gemeinde übergeben. Jene fünf Frauen waren also bei der Ausloosung und Bertheilung des eroberten Landes unter die zwölf israelitischen Stämme natürlich leer ausgegangen, und da sie keine Brüder hatten, so standen sie ziemlich mittellos da. Anstatt sich mit der beliebten weiblichen Passivität in ihr Schicksal zu ergeben, beschlossen sie, an den Gerechtigkeitssinn ihrer Volksvertreter zu appelliren und ein Ausnahmerecht für sich zu fordern. Die Sache machte ihnen nicht viel Beschwerden; als Moses, der Priester Eleasar, die Obersten und die ganze Gemeinde vor der Hütte des Stifts versammelt waren, traten sie vor die Versammlung hin und ') Ungefähr um das Jahr 1000 v. Ehr.