Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 367 (sequence 9)
- Language
- German
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367 ' man, daß Diejenigen, welche oft um des Linsengerichtes eines Aemtchens willen vom angestammten Glauben abfalleu, durch die allerschönsten Predigten irgend eines Rabbiners, werden belehrt werden? — Alles Don Quijoterie und Chinesenthum. Der Ehrenbürger von Wien allerneuesten Datums, der bewunderte Liebling des Wiener, christlichen Frauenbundes, der Herr Dr. Lueger, mag absolutistisch weiter regieren, seine chinesischen Barrierestöcke und Mämeluken mögen ferner gute Geschäfte mit ihrem Klerikalismus, Patriotismus und anderen, etwas materielleren Dingen machen, sie können ruhig sein, der jüdische Kultusvorstand Wiens wird sie nicht stören, der verbessert Lehrpläne für die jüdische Schule, führt das „Hocli- Scliemone - Esre“ wieder ein, stellt nach einjährigem Suchen mit der Diogenes-Laterne zwei Kantoren statt eines an, — von denen übrigens der Eine gar nicht recht anbeißen will, — und knrirt das Apostatenthum durch ethische Belehrungen. Inzwischen lagern unter der Reichsbrücke die armen verstoßenen rurnänischen Juden mit Weib und Kind, und raubt mau in Galizien den Eltern ihre Kinder am lichten Tage. Wer redet da von China? Sind diese Chinesen nicht beinahe besser? Koma deliberante Sagimtum periit, d. h. in unser liebes Deutsch übertragen: Während ihr Chinesen — — pardon Juden — euch um Nichtigkeiten kümmert, habet ihr euch den Blick getrübt für die großen, mächtigen Pflichten, welche mit eiserner Faust an eure Thüren schlagen. Während ihr mit eurem fruchtlosen Gezänke die Zeit verbrachtet, konnten Verhältnisse eintreten, welche es möglich machten, daß ein Wiener Gemeinderath — Schwer heißt der Großmüthige — eine Interpellation einbrachte, welche besagt: man möge die Heimlosen gehetzten rumänischen Juden von der Schwelle Wiens weisen, denn sie könnten der Gesundheit Schmers, Luegers und Gregorigs gefährlich werden. Und diese Gesundheit sei doch ein so köstliches Gut. Denn was thäte Oesterreich, lueim Schwer, Lueger oder Gregorig krank würden, überdies durch rumänische Juden? Könnte Oesterreich ohne Antisemiten überhaupt bestehen? Gehören sie nicht zu unserem eisernen Bestände? Wehe uns, lvenn sie ins alte Eisen rasselten, armes Oesterreich, du wärest dann um eine deiner herrlichsten Zierden ärmer. Einer von den ueugewahlten Gemeinderäthen, einer von den wenigen Inden, welche in den neuen Wiener Gemeinderath einzogen, Ellbogen mit Namen, wagte es, bei der „schweren" Interpellation auszurufen: „Es ist ein Skandal, daß eine solche eingebracht werden kann." Lueger aber meinte: „Herr Gemeinderath Ellbogen, benehmen Sie sich anständig." O, du anmaßende Seele, du! Jude, lerne Anstand, lerne Bescheidenheit, und wisse, daß es sich nicht ziemt, Antisemiten Menschlichkeit zu lehren. Lueger wird untersuchen, ob die Rumänen nicht Bazillenverbreiter sind und dann seine Maßregeln treffen. Carmen Sylva aber mag ruhig weiter schöne Gedichte machen, die Landesmutter mag schwärmen und dichten, während ihre Landeskinder zum Wanderstabe greifen, Lueger wird es nicht gestatten, daß sie sich unter ben Brücken Wiens lagern, daß die halbverhungerten Kinder draußen auf dem Doliaufelde von thränenlosen Müttern genährt werden, man wird sie weiter jagen, das ist nun einmal ihr Berhängniß und Europa wird weiter jammern — über den Mangel an Civilisation, der noch in China herrscht. Dem Herrn Schwer aber möchten wir einen Rath geben: Bielleicht reist er mit einem der Kriegsschiffe, welche jetzt in die chinesischen Gewässer geschickt werden, in das „Reich der Sonne" und studirt dort, wie weit es der thierische Rassenhaß gebracht hat. Er kann dann sicherlich seine Kenntnisse vermehren, und sie zu Nutz und Frommen des Wiener Chinesenthums in der Hauptstadt unseres himmlischen Reiches anwenden. Er kennt die Chinesen nur von dem großen Chinesen, welcher ein sogenanntes „Ringelspiel" — Carroussel nennt man es auch — beim „Calfatti" im Prater dreht. Seine chinesischen Kenntnisse sind entschieden zu lückenhaft, darum benütze er die Gelegenheit, die sich ihm jetzt so angenehm darbietet, und lerne er das Chinesenthum an der Urquelle kennen. Wir werden ihn zwar „schwer" vermissen, aber was muß der Mensch nicht alles im Dienste einer höheren Aufgabe auf sich nehmen. Der Herr Ellbogen jedoch reize den Ehrenbürger von Wien neuester Faktur nicht und mache keinen Skandal — sonst wird er noch aus dem Gemeinderathe ausgewiesen, und dann wird die Bertheidigung des Judenthums einzig und allein in den Händen der zwei Sozialdenwkraten liegen, welche mit der Wucht ihrer Stimmen Bielohlawek und Gregorig übertönen müssen. Man sieht, vor lauter China kommen wir nicht dazu, uns mit der Frage zu beschäftigen: In welches Bad gehen wir in diesem Jahre? Doch unsere Großen — die patentirten Judenvertreter — sind wohl mit dieser Frage im Reinen. Die armen jüdischen Teufel aber bleiben, es ist das Beste für sie, im Lande, nähren sich hier — oder nähren sich nicht, — redlich, leben schön bescheiden, lassen sich hier und da, insonderheit in Galizien, die Kinder wegnehmen, — und schweigen. Für ihr Wohl ist im übrigen durch die Revision des Lehrplanes für die jüdische Religion, durch verschiedene erst abzufassende Lehrbücher der jüdischen Ethik, durch das „Hoch-Sehemone-Esre4 mit) zwei Kantoren reichlich gesorgt. Iwri. Kaiser Karl V. über den „Mtuaimord". Van Landesrabbiner Dr. Tänzer in Hohenems. f ie jüdische. Geschichte des Mittelalters — dieses nahezu endlose und noch bei Weitem nicht getilgte Schuldenregister der Menschheit — ist trotz der fleißigen und sehrertragreichen historischen Forschungen insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts noch lange nicht zur Genüge klargelegt. Diese Ueberzeugung drängt sich namentlich Demjenigen auf, den die Bearbeitung irgend eines Spezialzweiges der jüdischen Geschichte zu gründlicher Durchsicht alter, meist ungeordneter und fast verschollener Archive veranlaßt. Solche werden oft zu wahren Fundgruben und belohnen durch reichen Ertrag die Mühe, die ihre Durchsicht erfordert. Die Bearbeitung meiner „Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg" hat mich iu die Archive der verschiedenen den Bodensee umgrenzenden Staaten geführt, und zuweilen wirkte es überraschend, welch' seltene Urkunden, in Originalen oder legalisirten, Kopien sich in den zumeist unbekannten und oft schwer zugänglichen Archiven ausgestorbener Grafengeschlechter oder heute unbedeutender Städte, iu denen in früheren Jahrhunderten größere jüdische Gemeinden waren, sich befinden. Um Schutz und Aufnahme bei den ehemaligen Reichsgrafen zu finden, brachten die Juden gewöhnlich als Belege für ihre Rechtschaffenheit und Nützlichkeit alle möglichen Bullen und Privilegien herbei, die von klingenden Beweisgründen unterstützt, zumeist auch von Wwkung waren und den oft heimathlosen Juden Unterkunft verschafften.