Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 366 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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366 57 und seines Zeichens Tischler. Mit Frau, drei Töchtern, die sämmtlich durch Handfertigkeit früher ihr Brod verdienten, ritld einem zehnjährigen Söhnchen ist er auf der Reise. Wir Hören von ihm, wie ihm zu Anfang des Nothstandes, wegen seiner 30 Franken Steuer, die er nicht mehr entrichten konnte, nicht nur das nothwendigste Hausmobiliar und seine Betten, sondern sogar das fremde, zur Arbeit ihm zugebrachte Holz gepfändet wurde, so daß er die Arbeit einstelle» mußte. Er bringt uns sein Jüngelchen, das hat schon Gemara gelernt. Sanhedrin und Baba kama; aber schon zwei Jahre hat er nichts gelernt, weil die Schule geschlossen ist, und klagt bitter, daß er alles vergessen habe. Inzwischen ist es Zeit geworden, zum Schiff zurückzukehren. Der Führer ordnet seine Schar, die Frauen und Kinder drängen sich zum Handkuß heran; eine besonders Redselige, eine gewesene Lehrerin, die ihrem Mann und ihren drei Kindern vorausgeeilt ist, ringt unaufhörlich die Hände aus Dankbarkeit, wie sie sie wohl aus Verzweiflung zu ringen gelernt hat, und sagt ein übers andere Mal: „Lassen Sie mich noch einmal sehen Ihre theiern Gesichter, daß ich mir kann vergegenwärtigen, Ihre Fisjonomien in den Stunden der Roth." — So geht es zum Schiff wieder zurück und mitgenommen werden Brod und Würste für die ganze Gesellschaft; auch ein großer Holländer Käse ist gestiftet worden, und die Kinder tragen in aller Eile mit Milch gefüllte Weinflaschen; eins läßt die seine beim Hinausgeheu richtig fallen und schaut dem auf die Erde sich ergießenden Inhalt traurig nach. Auf dem Schiffe selbst wird dann noch mit dem Wirth ein Handel abgeschlossen: er hat am folgenden Tage den Kindern Milch, den Erwachsenen Eier und Kaffee zu liefern. Mit hundertfach wiederholtem heißen Dank in Blicken und in Worten haben die Auswanderer unsere Gaben entgegengenommen. Wofür danken sie? Haben wir ihnen einen Zoll breit Heimathland verschafft? Haben wir für den Hunger der Zukunft gesorgt? Nur wenige Minuten sind bis zur Abfahrt. Zwei junge Mädchen im Alter von l7 und 15 Jahren, die eine Stickerin, die andere Näherin, ringen thränenden Auges mit dem Entschluß, ob sie eiriem ihnen gemachten Vorschlag folgen und in Köln bleiben oder mit den Ihrigen weiterwandern sollen. Die Eltern und der Führer der Gruppe, ihr Onkel, reden zum Bleiben zn, sie wissen sich keinen Rath. Da ertönt das Glockenzeichen und nun sind sie entschlossen: „Nein wir lassen nicht von unseren Eltern und Geschwister»." — Noch ein letztes Mal kommen die Führer, der Lehrer und einige der älteren Männer zum Landungssteg und „Hoch die Gemeinde, hoch die Stadt Köln!" schallt es treu und herzlich im Chore. Jetzt aber muß alles, ivas mitreisen will, aufs Schiff. Auf dem Verdeck stehen sie, znsammengedrüngt wie bei ihrer Ankunft, die Hüte und die Mützen werden geschwenkt, mit Händen und Tüchern wird Abschied gewinkt; und da, während sich das Schiff in Bewegung setzt, ertönt wieder ein Gesang über den Wassern, so weich und io ahnungsvoll, so traurig und schwermüthig, daß uns, die wir am User stehen, die Thränen kommen, wir mögen es wollen oder nicht. Aber nicht nur die Juden und Jüdinnen weinen, die Glanbeiisbrüder und Stammesgenossen in die Verbannung; ziehen sehen, da steht nebeil uns ein christlicher Mitbürger, der eben mit Frau und Tochter von einem Ausflug ins Siebengebirge zurückkommt, — der hat die letzten Szenen mit ai«-! gesehen, und wie er nun gar den Abschiedsgesang vernimmt, da rollen ihm und seiner Frau und Tochter dre dicken Thränen über die Wangen. Meerwärts zieht das Schiff; wir sehen ihm noch eine Weile nach, und leise sagt zn mir mein Nachbar: Da fährt der ewige Jude den Rhein hinab. Gott, gieb ihnen eine glückliche Reise und eine neue, beffere Heimath! Brief aus Oesterreich. Ende Juli 1900. fev Chinesenkrieg, die Ehrenbürgerschaft Dr. Luegers, die armen rumänischen Juden, der Kurssturz auf den Börsen, der Kinderraub in Galizien und die schwerwiegende Frage: Wohin geht man in diesem Jahre, in ein Lust-, See- oder Mineralbad, das sind ungefähr die Gegenstände, welche die nie rastende Menschheit und wohl auch feinen geringen Theil unserer Judenschaft jetzt beschäftigen. — Der Chiuesenkrieg! Eine blutige Lehre für die Völker Europas. Man nennt uns zwar das Volk der Rache, aber wir wollen in diesem ernsten Augenblicke, da vielleicht viele Unschuldige durch atavistischen Rassenhaß ums Leben gekommen sind, nicht auf das Wort Hinweisen, das sich nicht in unseren heiligen Büchern findet, und welches lautet: Mit dem Maße, mit welchem ihr messet, werdet ihr auch gemessen werden. Massacres von unschuldigen Menschen sind nichts Neues in unserer Geschichte, nur daß sich nicht Europa für uns erhob, und die Mächtigen mit verschränkten Armen zuschauten, wie Kinder ihren Eltern entrissen, zum schrecklichsten Tode geschleift wurden, und die gepeinigten Eltern sich oft selbst den Tod gaben, wenn nicht barmherzige Henkersknechte ihre Reise ins Jenseits beschleunigten. Wir Juden haben eine dicke Haut und nichts Schreckliches ist uns fremd. Wir müssen gerade nicht in den Jahrbüchern unserer Geschichte nachblättern, selbst unsere unmüdigen Kinder haben es schon schaudernd miterlebt, was Menschenhaß vermag. Wenn doch die Ereignisse in China eine ivarnende Lehre wären für dieses Europa, das sich so gut in Rückfällen ins dunkelste Mittelalter gefällt. Warum staunen ivir über China? Ist nicht genug des Chinesenthums in unserer Mitte? Aber auch für uns Juden wäre es an der Zeit, alles was an China im Judenthum erinnert, endlich auszumerzen. Wenn man von den kleinlichen Zwistigkeiten in unseren „Großgemeinden" hört, dann fragt man sich oft: Sind dies Juden oder Chinesen, welche sich durch solche Lappalien den Blick für die großeil Aufgaben, die uns obliegen, verschließen? Man lese nur die Berichte über die Sitzungen des Kultusvorstandes der Wiener Großgemeinde, und mau wird verstehen, was wir meinen. Dieser löbliche Vorstand hat sich durch eine Don Quijoterie wieder etwas Großes geleistet. Er will nämlich untersuchen, wieso es kommt, daß so viele Hunderte unserer „Glaubensbrüder" alljährlich in den Schooß anderer „seligmachender" Kirchen übergehen; dagegen wäre vielleicht — obwohl der Zweck nicht einzusehen ist, — nicht allzuviel einzuwenden. Wenn aber dem Masseurenegatenthum durch eine Belehrung über die ethischen Grundsätze, also durch eine Art jüdischer Religionslehre, völlig abgeholsen werden soll, dann ist dies einfach — chinesisch. Man untersuche doch, wie Vielen von den Ueberläufern das Judenthum mehr werth ist als der Tribut, den man Kultussteuer nennt. Die Chinesen wollen von der Ethik des Christenthums nichts wissen, ihr Confucius wußte dies, so sagen sie; und glaubt