Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 365 (sequence 7)
- Language
- German
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Es ist der vierte größere Zug, der Köln passirt, und damit das erste halbe Tausend Derer, die wir in ihrem Leid mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, schon längst überschritten. Endlich naht das Schiff in der Mitte des Stromes und fährt zunächst über uns hinaus, um jenseits der festen Brücke zu wenden; aber auf der Mitte des Verdecks, um Packen, Kisten und Kasten herumgelagert, haben wir bereits eine dunkle Menschenmasse wahrgenoinmen, die erwartungsvoll ausschaut gleich uns, mit dem Instinkt der Zusammengehörigkeit schon über den Strom herüber uns erkennt, und mit einem schwermüthigen Begrüßungsgesang sich uns zu erkennen giebt. Nun hält das Boot. Die Verbindungsbretter werden gelegt und wir betreten das Schiff. Ehrfurchtsvoll grüßen die Männer, die sich vornean versammelt haben; die Führer stellen sich mit hösticher Bescheidenheit vor und harren dessen, was man mit ihnen vorhat. Die früheren Gruppen hatten ihren dreistündigen Kölner Ausenthalt auf dem Schiff zugebracht und waren dort verpflegt worden; nachdem das aber zu großen Schwierigkeiten geführt, hat man in nächster Nähe in einem stillen Gäßchen eine Wirthschaft mit großem Garten zu diesem Zwecke sich ausgesucht, und dorthin begeben sich nunmehr die Ankömmlinge in geordnetem Zuge, den Weisungen ihrer Führer willig Folge leistend. Da sind nun inzwischen die Vorbereitungen schon getroffen worden: an sauber gedeckten Tischen ist zunächst für die Kinder Milch eingegossen, an der Seite steht ein riesiger Kessel mit Suppe und Fleisch und das dazu gehörige Geschirr, und in der anstoßenden Halle haben sieben mächtige Körbe mit Kleidern, Wäsche und Schuhwerk ihren Platz gefunden. Schnell und geordnet werden die Sitze eingenommen, und es beginnt nun ein buntes, lebendiges Treibe eine Geschäftigkeit, in der man das namenlose Elend, das uns hier zusammengeführt, bisweilen ganz und gar vergißt. Damen, Herren und junge Mädchen aus allen Gesellschaftskreisen beeilen sich, mitanzufassen und möchten sich an hundert Stellen zugleich bethätigen; die Eine steht am Suppenkessel und füllt die Teller, die Andere legt das Fleisch zu, die Dritte vertheilt Brod, eine ganze Anzahl servirt an den einzelnen Tischen; die Kleiderkörbe werden ausgepackt, hier ein Rock anprobirt, dort an nackten Kinderfüßen die Schuhe gemessen, hier Strümpfe, dort Unterwäsche ausgetheilt; in den ausgedörrten und ausgeleerten Herzen erwachen mit den frischen Gaben frische Wünsche, die gern befriedigt werden, nach einem Tuch, nach einer bunt gestreiften Schürze, nach einer leichten Bluse oder einem hübschen Morgenrock. Die Herren kommen und gehen. Der Eine bringt ein paar Flaschen Wein, der Zweite Cigarren und Cigarretten, der Dritte einen Korb Süßigkeiten; eine Dame packt Chokolade aus, eine Andere vertheilt zur größten Freude der Empfängerinnen Stücke Zeug nebst Nadeln, Faden und Leinenband, damit das Nothwendigste noch auf der Reise genäht werden kann; und so entwickelt sich ein echtes und rechtes Jahrmarktstreiben, dem die wenigeil von der Straße angelockten Zuschauer mit herzlichem Interesse zusehen. Wir lernen unterdeß unsere Gäste etwas näher kennen. Der Führer hat sofort nach Betreten deS Lokals von einer Liste die Namen seiner Schaar mit lauter Stimme verlesen, und Keiner hat gefehlt. Zu den Kindern gehen wir zunächst heran, zu den Aermsten dieser Armen, die ihr Leid »loch »licht verstehen und nach menschlichem Ermessen wohl schwerlich Alle dazu kommen werden. Sie freuen sich königlich mit den ihnen mitgebrachten Spielsachen, sitzen still und artig auf ihrem Platz, schreien und weinen nicht. An ihnen wie an den meistei» der Erwachsenen fällt uns sofort auf, wie wenig der eigeiltliche jüdische Typus vertreten ist; an ihren Gesichtern würde man die allerwenigsten als Juden erkennen. Natürlich sind sie vom zartesten Alter an vertreten, und so manche Mutter benutzt die Pause, um ihren Säugling zu stillen. Am härtesten prägt sich das Schicksal der rumänischen Auswanderer naturgemäß auf den Gesichtern der Frauen aus, deren frühzeitig gealterte, von Gram und Entbehrungen entstellte Züge eine stumm beredte Leidensgeschichte erzählen. Mühsam schleppen sie sich mit ihren Kindern einher und die dürftige» Kleider schlottern ihnen um die abgemagerten Körper. Dagegen gewähren die jungen Mädchen, unter denen sich manche braune Schönheit mit klassischem Profil und blitzenden Augen befindet, einen freundlicheren Anblick; die Eine n»ld Andere ist mit ihren 17 Jahren auch schon verlobt, der Bräutigam ist mit auf den» Schiffe, und die dunklen Augen blicken sehnsüchtig in die Weite, nach einer neuen Welt und nach einem neuen Glück. Dann treten wir zu den Diännern. Da sind Burschen von 16 bis zu Männern von 60 Jahren. „Woher seid Ihr?" „Aus Jassy, Galacz, Bukarest" - bekannte und unbekannte Namen. „Was wäret Ihr dort?" „Maurer, Tischler, Hafenarbeiter, Gerber, Schuhmacher, Mützenmacher" u. s. w.; jeder Handiverkerstand ist vertreten. „Warum wandert Ihr aus?" „Weil wir kein Brot haben, weil man uns nicht arbeiten läßt, weil >vir hungern, schon ein, zwei, drei Jahre lang, weil wir nichts mehr besitzen als diese geschenkten Kleider, die wir auf dem Leibe haben." „Und so wagt Ihr es, auf's ungewisse in die Welt hinauszuwandern?" „Es kann uns nirgends schlechter gehen als in unserem Heimathlande; und die, welche haben zurückbleiben müssen, weil sie zu alt, zu schwach und zu elend sind, beneiden uns ulld schätzen uns glücklich."-— — Mit dem Lehrer — diese und die erste der nach Köln gekommenen Gruppen haben ihren zum Trupp gehöriger! Lehrer und Vorbeter, die erste auch ihren Schächter — knüpfen wir eine eingehendere Unterhaltung an. Wir haben einen gebildeten Mann vor uns, der ein vorzügliches, fehlerfreies Deutsch spricht, und ebenso des Französischen vollständig mächtig ist. Er hat acht Lateinklassen besucht und dadurch die Berechtigung zum Lehrer in den Elementarfächern und Sprachen erworben. Die jüdische Schule, an der er beschäftigt war, ging im Verlauf der letzten Jahre nach und nach ein, und so ist er brodlos geworden; da er von Geburt einarmig, so war ein anderer Beruf für ihn ausgeschlossen, auch wenn er sich ihm geboten hätte. Aus unsere Frage bestätigte er mit genauen Details die Maßnahmen der rumänischen Regierung, durch Einziehung der früher zu Schul- und Kultuszwecken verwandten Koschersleischsteuer für den rumänischen Staat, den Juden die Unterhaltung ihrer eigenen jüdischen Schulen unmöglich zu machen. Mittelalterlicher als das Mittelalter! Das hat die Juden in Ghettos eingesperrt, aber wenigstens ihr Cheder, ihren geistigen Lebensbaum, hat es ihne,» zu allen Zeiten gelassen. Dann wenden wir uns weiter an einen alten weißbärtigeu Mann, der uns mit seinem charakteristischen Gesicht schoil lange ausgefallen. Wir halten ihn für einen Siebziger; er ist erst