Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 363 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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363 Blätter in dieser Woche belehrt uns darüber, daß die Idee der Welttrauer leider eine »ur zu tief begründete und berechtigte ist. und daß die Hoffnungen, welche anderseits an diese Idee geknüpft werden, in immer weitere Ferne rücken. Doch darf uns dies nicht erschrecken und auch nicht davon abhalten, an der Idee sestzuhalten, die sich so sicher erfüllen wird wie die Verkündigung des Propheten, daß der Trauertag. den wir am nächsten Sonntag begehen, und auch die anderen Fasttage dermaleinst, das heißt, wenn jene Idee des Völkerfriedens sich verwirklicht haben wird, zu Freudenfesten für Israel werden sollen. In diesem Glauben soll uns kein antisemitisches Wuthgeheul beirren. ■4 Die Stille der inneren Politik verhindert es nicht, daß hin und wieder Nachrichten aus dem gegnerischen Lager durchsickern, die uns darüber belehren, was ivir zu Beginn der Wintersession des Parlaments zu erwarten haben. So erfahren wir aus dem Vorwort der neuen Auflage der trefflichen Schrift des verdienstvollen Professors Dr.H. L. Strack: „Sind die Juden Verbrecher von Religionswegen?", daß die Erwartung, dieJnterpellation der konservativen Partei, speziell des Herrn von Hertzberg-Lottin, in der Konitzer Sache sei endgiltig beseitigt, eine irrige gewesen ist. Einer der Führer der konservativen Fraktion hat nämlich am 4. Juni dem Verfasser geschrieben: „Don der Interpellation des Herrn Hertzberg ist nicht wegen grundsätzlicher Gegnerschaft gegen ihren Sinn, sondern aus anderen Gründen vorläufig Abstand genommen worden." Dieses Schreiben hat dem Herrn Professor Strack Anlaß zur Veröffentlichung seiner neuen Broschüre gegeben, die wir noch an anderer Stelle besprechen werden. 4 Jetzt erst wird — natürlich wieder durch den „Jewish Chronicle" — der Schleier von dem Geheimuiß gelüftet, der über der Konferenz lag, die vor kurzer Zeit in Paris stattgefunden hat und von der Alliance einberufen wurde. Theilgenommen haben Delegirte der Alliance, der Wiener Allianz, verschiedene jüdische Großgemeiudell und angesehene Männer aller Länder, auch aus Rumänien. Drei Punkte standen zur Berathung: 1. Was soll geschehen für die Juden, welche durch die Gesetze ans Rumänien vertrieben werden? 2. Was soll geschehen für die Juden, welch« gegenwärtig genöthigt sind, in Rumänien zu bleiben? 3. Welche Schritte können unternommen werden, um die rumänische Regierung zu bewegen, die Unterdrückung der Juden zu unterlassen? Zu Punkt 1 wurde beschlossen, einen Fonds zu sammeln and ein permanentes Komitee zu bilden, welches die Emigration in systematischer Weise leitet, die Emigranten mit den nöthigen Mitteln versieht und ihnen zur Erreichung ihres Zieles Beihilfe gewährt. Zu Punkt 2 wurde der Beschluß gefaßt, in Rumänien Volksküchen zu begründen, um wenigstens dem allergrößten Elend der rumänischen Juden abznhelfen. Und zu Punkt 3 hat die Konferenz in richtiger Erkenntniß der Sachlage die Resolution gefaßt, daß es unter den gegenwärtigen Verhältnissen inopportun sei. eine politische Aktion zu unternehmen. 4 Anläßlich der Aussendung eines Expeditionskorps nach China ist vielfach von der Aerztenoth wieder die Rede gewesen. Unter diesen Umständen ist ein Schreiben von aktueller Bedeutung, welches dem „Berliner Tageblatt" vor einiger Zeit über diese Frage zugegangen und in dem es u. A. heißt: „Außer der Noth der Aerzte giebt es auch »och eine Aerztenoth im Sinne der agrarischen Leutenoth — das ist beim Militär. Die Heeresverwaltung ist nicht in der Lage, die Halste der Assistenzarztstellen zu besetzen, sondern etwa »ur ei» Drittel. Wurde diese Aerztenoth beseitigt werden, so würde auch die Nolh der Aerzte wesentlich geringer werden. Die beiden Thatsachen neben einander erscheinen geradezu wie ein Paradoxon. Der Schlüssel zur Lösung desselben ist — mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit — der unselige Antisemitismus in der Heeresverwaltung wie in de» anderen Verwaltungszweigen. In den letzteren herrschte wenigstens Konsequenz: Inden werden niemals als Landräthe oder Negierungsräthe (mit Ausnahme im Eisenbahnwesen) angestellt. daS Forstfach, das höhere Postfach ist ihnen verschlossen. Den Juristen und Philologen wird jede seste Anstellung unendlich erschwert u. s. w. Daher kommt es, daß so viele Juden sich den« Studium der Medizin zuwenden und schließlich eine Uebersnllnng des Aerztestandes herbeisühren. Inkonsequent ist der Antisemitismus der Heeresverwaltung. Hier werden massenhaft jüdische Aerzte zu Sanitätsosfizieren der Reserve und Landwehr befördert. Für den Fall, daß die höchsten Anforderungen an einen Sanitätsoifizier gestellt werden, für de» Krieg sind die jüdischen Aerzte tauglich, sür den Frieden aber nicht. Kann es etwas Widersinnigeres geben? Es nmß doch einmal gerade herausgesagt werden, daß unsere Heeresverwaltnng einen der wichtigsten Dienstzweige, gewisse Lücken in dem Oifizierspersonal, nicht auszufüllen vermag, weil es junge» Leutnants nicht gefällt, mit jüdischen Sanitätsoffizieren im Kasino an einem Tische zu essen. Denn den höheren Offizieren sind die jüdische Aerzte nicht unangenehm; sonst würden nicht so viele von ihnen ihre Familien von jüdischen Aerzte» behandeln lassen. Es ist an der Zeit, daß die Kenntniß dieser Zustände in imnier weitere Kreise dringt, zumal aus dem Gelde aller Steuerzahler Stipendien iür solche, die sich den« militärärztlichen Beruf widmen wollen, geschaffen werden. Dadurch würde nur die Noth der Aerzte noch vergrößert werden." Wie erinnerlich sein dürste, ist diese Frage auch schon iit der letzten Session im Reichstage angeschnitten worden. Bis jetzt freilich ohne sonderlichen Ersolg. Allein in deiit „Kampfe ums Recht" darf man nicht ermüden. Schließlich erweist sich auch hier die siegende Kraft des den Stein aushöhlenden Tropfens. 4 Im „Land des Weinsund der Gesänge", in der Provence, ist in dieser Woche ein Urtheil gesprochen worden, das den Beifall des Grafen Pückler-Klein-Tschirne und seiner rauflustigen Gefolgschaft finden wird. Bor deni Schivurgerichte in Draguignan fand die Verhandlung gegen Max Regis und elf Mitangeklagte statt, welche beschuldigt werden, im September 1899 sich in der „Villa Antijuive" in Algier eingeschlossen und von dort aus auf die Polizeibeamten geschossen zu haben. Der Gerichtshof verneinte die Schuldfrage; sämmtliche Angeklagten wurden freigesprochen. Aus dem Zeugenverhör im Prozesse berichtet die „Post": Die ersten Zeugen, die vernommen wurden, waren die Schutzleute in Algier und in Sonderheit der dortige Hauptkominissar Schwartz. Derselbe sagte ans, daß die Plünderungen von Geschäften in den Straßen von Algier aus die heftigen Ausreizungen des Hauptangeklagteu znrückznsnhren seien und daß die durch dessen Verhalten geschaffene Lage in Anbetracht des Teniperaments der Eingeborenen, die nur zu leicht aus revolutionäre Einflüsterungen hörten, als eine äußerst gefährliche zu betrachten gewesen sei. Der Zeuge hatte keine sehr hohe Meinung von der Moralität des Hauptangeklagteu, der, wie er sagte, viel mit den Kellnerinnen der Brauereien n»>- gegangen sei. Der Polizeikommissar Finance behauptete, Max Regis habe am 20. September nach der Rückkehr von einer antisemitischen Kundgebung seinen Genossen in der Villa Antijuive auf die Schutzleute zu schießen befohlen. Dieanderen Schutzleute