Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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362 dies alles spontan, kraft der uralten, großen Erziehungsmethode zum regen, pflichtbewußten Stammes-und allgemein menschlichen Gattungsgefühl. Bekanntlich belehrte Hillel den Heiden, der die jüdische Religion kennen lernen wollte, daß der Kern derselben in dem Satz bestehe: „Liebe Deinen Nächsten wie Dick> selbst"; wozu er noch scheinbar zum Ueberflnß hinzufügt: „Und was Du nicht willst, daß dir geschehe, das thue auch einem Anderen nicht." Diese hinzugefügte Erklärung, die sogar den Schrifttext abschwacht, da sie das negativ sagt, was jener positiv lehrt — diese Erklärung war aber dem Heiden gegenüber nothwendig. Hillel wußte, daß jener nach der heidnischen Welt- und Lebensanschauung, in der er erzogen wurde, sich zum Begriff einer aus freiem Antrieb hervorgehenden Nächstenliebe nur schwer aufschwingen könne. Um ihn aber daraus hinzuleiten, appellirte er zunächst an das allen Menschen gemeinsame sympathische Gefühl des Leidens in jener Form, um ihn von dieser negativen, menschlich natürlichen Vorstufe aus zur positiven Stufe menschlich ethischer Nächstenliebe emporzutragen. Alle Anzeichen sprechen aber dafür, daß das Gefühl der solidarischen Nächstenliebe ihre beste Nahrung nur findet, wie das Beispiel Hillel's und vieler Anderer zeigt, in der wahren Gotteserkenntniß und in der reinen, geklärten Frömmigkeit. Derm in Zeiten, wie beispielsweise die unsere, wo diese religiösen Güter bei einem großen Theil unserer gebildeten und einflußreichen Glaubensgenossen bedeutend abgenonuuen, da ist auch das Gefühl solidarischer Brüderlichkeit fast auf Null herabgesuuken. In vielen Staaten Europas und weit darüber hinaus ist die Gleichgültigkeit und Unthätigkeit derselben in gewöhnlichen Zeiten gegenüber minder gutgestellten jüdischen Kreisen latent, zeigt sich aber in ihrer erschreckeriden Gestalt in Zeiten der Gefahr, wie sie kürzlich in Rumänien über eine so große Anzahl unserer Glaubensgenossen hereingebrochen. Die alten Weisen ließen sich in ihrem Optimismus zu dem Ausspruch hinreißen, daß, wenn jemals alle Feste in Vergessenheit gerathen sollten, das Fest der ehemaligen Rettung Israels aus Hamans Händen mit seiner verheißungsvollen Perspektive in die Zukunft (wo in geschichtlichen Bedrängnissen immer noch rettende Momente hervortreten würden), dem Gedächtnisse nicht entschwinden werde. Dieser Optimismus der Alten war zu ihren Zeiten berechtigt, da sie fest daran glaubten, daß der Geist von Männern, wie der eines Moses, eines Mordechai und anderer Heroen, bei denen das Gefühl der Solidarität so außerordentlich rege war, in keiner Periode der Geschichte der Juden fehlen werde. Aber die letzten großen Vertreter der jüdischen Solidarität, wie Moses Montefiore und Adolf Cremieux, sind längst todt, und die Wenigen in der neuesten Zeit, irr deren Brust noch ein starker Funke von diesem Geiste waltet, finden von den Großen, Reichen und Angesehenen in Israel nur geringe Unterstützung. So ist es in Rumänien, so ist es auch in manchen anderen Staaten, daß einflußreiche, hochgestellte Inden keinerlei Energie an den Tag legen, um vorsorglich und rechtzeitig die Lage ihrer be- ' drängten Brüder sozial zu heben und drohende drakonische Gesetze von ihnen abzuwenden. Und so kommt es denn, daß gerade der Trauertag des 9. Ab mit seinem schweren, harten Geschick bei weitem mehr als alle anderen jüdisch-geschichtlichen Tage sich uns in den Vordergrund des Gedächtnisses drängt. Die alten Talmudisten bemerken, Jerusalem sei zerstört worden, „weil in den damaligen gesellschaftlichen Schichten Mißgunst und Gehässigkeit gegen einander geherrscht." Solche Leidenschaften sind aber dem großen Prinzip menschlicher Solidarität schroff entgegengesetzt; und gerade so wie Moses beim Anblick des goldenen Kalbes, das Israel sich gefertigt, die Bundestafeln zerbrochen hatte, weil sie angesichts des Götzenthumes ihm entwerthet schienen, so mußte auch Jerusalem beim Verluste seines durch das große Prinzip der brüderlichen Gegenseitigkeit erworbenen Primats in der ethisch-religiösen Leitung der Völker der Erde zu Grunde gehen. Ju den laugen und bangen Leiden des Exils haben die Vorfahren dieses verlorene Prinzip wieder gefunden und seinen Segen in bewunderungswürdigen, kulturellen Einrichtungen und großen Maßnahmen zum Wohle der Gesammtheit an sich erfahren. Die gegenwärtige Zeit drängt aber gerade dazu, daß wir uns dieses alten, große«: Grundsatzes und seiner allgemeinen «neiischlichen Segeilsstiftung wieder von Neuem lebhaft erinnern, und daß besonders unsere Gebildeten und Einflußreichen durch warines, thatkräftiges Eintreten für die Interessen ihrer Starirrnes- und Glaubensbrüder die hohe Sentenz des großen Propheten wahr machen: „Der Edle sinnt auf Edles und beim Edlen beharrt er." Me Woche. Berlin, 31. Juli. ie entsetzliche Botschaft von der Ermordung des edlen Königs Humbert von Italien hat die ganze Kuliurwelt in tiefe Erregung versetzt. Wie die letzten Jahre des alten Jahrhunderts die entsetzliche Schmach der kaltblütigen Ermordung der edlen Fürstentochter, die Oesterreichs Kaiserthron zierte, erleben mußten, so muß der Eingang des neuen Jahrhunderts Zeuge einer gleichen Schandthat sei»:, die einen pflichttreuen, seinem Lande mit allen Kräften seiner Seele dienenden und mit allen Fasern seines Herzens anhängenden Monarchen zum Opfer auserkoren hat. König Humbert hatte kaum den Thron bestiegen, im Januar 1878, als ein Attentat auf ihn veranstaltet wurde, das damals glücklicherweise erfolglos blieb. Ein zweites Attentat im Jahre 1897 blieb ebenfalls erfolglos. Die nichtswürdige That, Ausfluß eines verbrecherischen Wahnsinns, dem es sowohl an der sittlichen Erkenntniß von der Ruchlosigkeit, wie an der verstandesmäßigen Einsicht in die Bernnnftlosigkeit seines verbrecherischen Thuns fehlt, ist leider zum dritten Male besser gelungell und hat Italien eines Monarchen, an den sich die schönsten Erinnerungen seinerBefreiungskümpfe, Deutschland eines treuen Bundesgenossen, Europa eines einsichtsvollen Fürsten beraubt, der im Widerstreit der Interessen allezeit der Sache des Friedens eifrig gedient, Gegensätze auszugleichen und Konflikte zu verhindern gesucht, und der auch den Juden Italiens seine königliche Huld m seltenem Maße jederzeit zugewendet hat, die nun in ihm ihren fürstlichen Beschützer innig betrauen: werden. Auch wenn sich die Nachrichten über die Ermordung der europäischer: Gesandten in China nicht bestätigen, wie nach den letzten Meldungen zu hoffen ist, bleiben die Schlüsse, zu denen nufer vorwöchentlicher Leitartikel gelangte, in voller Geltung. Gerade das Treiben der antisemitischen