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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-03 · Heft 31 (3.8.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64, Jahrgang« Utr. 31. Kerlm» 3. August I960 Zeitung des Audenchums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner Ludwig Philippson-Konri. Verlage-Erpedition: iöerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Leitartikel r Unsere Solidarität. — Die Woche. — Bei den rumänischen Auswanderern. Von Dr. Ludwig Rosenthal. — Brief aus Oesterreich. — Kaiser Karl V. über den „Rilualmord". Von Dr. Tänzer. — Urbilder moderner Frauencharaktere im alten Testament. VII. Von Gertrud Gräfin Bülow von Dennervitz. — ftfetliftttott: Bethulah. V. Von I. Zangw ill. — Zum neunten Ab. Von S. Katz in Gelsenkirchen. — Litterarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Könitz, Aus Westpreußen^ Neustadt O.-S., Borkum, Bochum, München, Wien, Budapest, Petersburg. — Von Nah und Fern. Unsere Solidarität. f Berlin, 31. Juli. ie edelste Blüte am Baume der geistigen Kultur der Menschen ist die Nächstenliebe. Sie ist das belebende und bindende Element im Menschengeschlecht. Ihre Quelle liegt in der Familie, und ihre stärkste Kraft bewährt sie im Familienleben. Ihre kostbarsten Früchte reifen in der gegenseitigen Opferwilligkeit, Hilfsbereitschaft und Hingebung. Hier wacht allezeit ein reger, warmer Sinn über das Wohl und Wehe jedes einzelnen Gliedes, hier wogen die Gefühle des Mitleids und des Erbarmens am heißesten, hier erhebt sich das Herz zu staunenswerther Kraft der Entsagung zum Wohle der Andern, zur immerbereiten Selbstaufopferung für die Einzelnen und für die Gesammtheit der Familie. Was haben die Gesetzgeber aller Völker nicht für Geisteskraft angewandt, was haben sie nicht für Noch und Mühe gehabt, um bei Schaffung einer öffentlichen, staatlichen und bürgerlichen Ordnung zum Schutz der berechtigten Lebensinteresfen, zur Mehrung und Förderung der Volkswohlfahrt, die Selbstsucht, den Eigennutz, die schnöde Gier der Menschen einzuengen und unschädlich zu machen. Und doch sehen wir noch immer diese Leidenschaften im Herzen der Menschen nicht selten mit ungezügelter Kraft hervorbrechen und wie wildschäumende Meereswogen gegen di« gesetzten Schranken der Ordnung und Lebensregelung rasen, um sie zu durchbrechen und, alles verheerend und überschwemmend, sich schrankenlos zu ergießen. Die Familie hat keinen Gesetzgeber, keine Gesetzestafeln und kein« geschriebene Verfassung; sie trägt ihr Gesetz, ihr ewiges Werden und Blühen in sich selbst, und dieses ewige Gesetz ist die tiefempfundene, selbstlose Liebe, die sich zum Bewußtsein gegenseitiger Pflicht und Verantwortung klärt, für di« Angehörigen ihr Bestes ,einzusetzen und alles, was auf diese schädigend wirken könnte, mit aller Macht abzuwenden. Unter allen Geistesmächten steht das Judenthum einzig da in der Lebensanschauung, nach welcher die Menschen in ihrer Gesammtheit eine große Familie bilden. Es läßt darum im Gegensätze zu der Anschauung der anderen alten Völker die Menschen von einem Paare entstanden sein, und diese Auffassung im vollen Chor der Prophetenstimme Maleachis über alle Völker der Erde hinschallen: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns alle geschaffen — warum sollen wir gegeneinander treulos sein?" Es ist auf dem ersten Blick zu erkennen, von welcher Tragweite, von welcher befruchtenden Kraft diese Anschauung in der ethischen Anwendung derselben ist. Sie mußte mit diesem siegreichen Gedanken die Weltanschauung aller alten Völker bis in den Grund erschüttern. Es haben darum auch alle Religionen, die sich nach dein Zusammenbruch des alten Heidenthums gebildet, an das Grundbuch des Judenthums und an seine kernigen Gedanken angeknüpft; auch haben alle Verfassungen bis in die neueste Zeit zur Lösung sozialer und politischer Probleme dasselbe zu Rathe gezogen. Einer der fruchtbringendsten Gedanken des Judenthnms ist aber die Solidarität oder das sich Verpflichtethalten zu gegenseitiger, menschenfreundlicher Hilfeleistung in allen Lagen des Lebens, so daß Einer für Alle und Alle für Einen stehen. Ein klassisches Beispiel dafür bietet uns das 32. Kapitel im 4. Buch Mosis. wo erzählt wird, daß die Söhne Rüben und Gad ihren Antheil an dem Lande in dem bereits eroberten Theil diesseits des Jordans zu haben wünschten, daß aber Moses sie unter dem Vorwurf mangelnden solidarischen Gefühls mit ihren Antrag vorderhand abgewiesen: „Sollen Eure Brüder in den Krieg ziehen und Ihr wollt hier bleiben?" Diese jüdische Volkserziehung zur moralischen und Praktischen Gegenseitigkeit hat durch die Jahrtausende unsrer Geschichte die herrlichsten Früchte an rührender Hingebung für das Wohl der Gesammtheit gezeitigt. Das biblische Wort: „Stehe nicht zurück bei der Gefahr Deines Nächsten" war in den Kreisen Israels ein geflügeltes Wort, das alle Herzen wie durch einen Zauber erschlossen und all« Hände zur kräftigsten Abivenduirg eines Nebels, das dem Einen oder dem Anderen drohte, in Bewegung gesetzt hat. Man wartete nicht erst, bis eine Gefahr eingetreten, sondern es bekundete sich die Fürsorge in den Gemeinden zum Heile der Gesammtheit in Institutionen, die allesammt den Stempel des Solidaritätsgefühls an sich trugen. Aus der Geschichte der alten und zum Theil auch der neueren Staaten erhalten wir den Eindruck, daß, wenn irgend etwas zum Wohle des Volkes oder für einzelne Kreise desselben eingerichtet wurde, dies meist der geheimen oder offenkundigen Furcht der Machthaber und Reichen vor dem Ansbruch der Bolksleidenschaften sein Entstehen zu verdanken hatte; die Verhältnisse hatten es ihn«« abgerungen. In, Judenthum geschah

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