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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 „Staatsbürgerzeitung" wegen ihrer eigenen, md)t etwa mir wegen Verbreitung der Pncklerschen Nederi durch die Presse unter Allklage stehen, läßt sich ans der erstell Nachricht über das Vorgeheli der Staatsanlvaltschaft nicht ohrre Weiteres ersehen. Die Nede des Grafen Pückler ill der Tollhallenversaunnlung lvinnnette jederrsalls von Kraststellen, die eine solche Ailktage unterstützen können, vorausgesetzt, daß man den Grafen Pückler nild feine Redeübungen überhaupt für ernst nimmt. Dailn ist allerdings zu belnerken, daß der Graf etwa 14 Tage vorher schon ganz genau dieselbe ungezügelte Nede in Berlin gehalten hatte — nur vor leeren Bänken. Wenn man das friedliche Nebeneinanderleben der Klassen durch ihn gefährdet glaubte, hätte das rechtzeitige Einschreiten wohl verhindern können, daß er seine aberwitzige Hetzerei erst noch in einer von Tausenden besuchten Versaunulung wiederholte. J. Breslau, 20. Juli. In diesen Tagen hat die alte Breslauer Burschenschaft des „Naczeks" wieder, wie seit einem halben Jahrhnlldert, ein großes Stndiell-Erilinerungssest gefeiert. Hierzu wird uils von studentischer Seite geschrieben: Dieser Beschluß, durch dell die altehrwürdige, hochangesehene Burschenschaft der Breslauer Naczeks von der geschlossenen antisemitischen Phalanx der großen Mehrheit der deutschen Burschenschaften ostentativ abschwenkt, wird in weitesten Kreisen Befriedigung und Anerkennung finden, — allerdings mit Vorbehalt. Man wird ill der That gut thun. diese Tendenzänderung zunächst etwas skeptisch zu betrachten; denn erst die Zukunft wird lehren, ob allch wirklich Inden von den Raczeks allfgelloiillnen werden oder ob nicht etloa dieser Beschluß nur ans dem Papier steht, und — „der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb" — nur deshalb gefaßt ist, um mit und unter den alten Herren das Einveruehmen wieder herzustellen, das im Interesse der Verbindung liegt. Im übrigen hat die bisher auch voll der Breslauer Naczeks gei'lbte Praxis, Jndeil grundsätzlich nicht aufzunehmen, den Traditionen der Burschenschaften und speziell der Breslauer Raczeks, deren jüdische Mitglieder nicht die schlechtesten waren und heute als alte Herren eine angesehene Stellung in Staat und Gesellschaft einnehmen, wellig entsprochen. Auch die Breslauer Burschenschaft „Borussia" soll, wie mali erzählt, die Absicht haben, den starren studentischen Antisemitismus abzuschwören. ---- Könitz, 20. Juli. Gesterll verurtheilte die hiesige Strafkammer wegen Landsriedellsbruches, verübt am 10. Juni durch Demolirnng der Synagoge, vier jugendliche Burschen. Sie erhielten Gefäugnißstrafen von drei Monaten bis zu eillem Jahr. Uebrigens sruktifizirt jetzt der Berliner Extrablattschwindel die Kollitzer Affäre. Gestern wußte eines der berüchtigten Extrablätter die Verhaftung eines Handelsmalnies Benjamin Schloth zu melden. All der Nachricht ist kern wahres Wort. — Durch Beschluß der Strafkammer des hiesigen Landgerichts vom gestrigen Tage ist Fleischermeister Hofsmann in der Winterschen Mordsache außer Verfolgung gesetzt worden mit der Begründung, daß die Voruntersuchung die Nichtschuld des Angeschnldigten ergeben hat. — Das „Konitzer Tageblatt" <17. Juli) schreibt: „Wie nur aus guter Quelle erfahren, lvird in den nächsten Tagen Hierselbst Graf Pückler-Kl. Tschirne eintreffen. Der bekannte Poli, tiker wird sich wahrscheinlich über die augenblicklich hier herrschenden nicht uninteressanten Verhältnisse ein Urtheil bilden wollen. Wir heißen den Herrn Grafen als Gesinnungsgenossen herzlich willkommen."(!) 0 Köslin, 23. Juli. Die durch die antisemitischen Hetzereien ill mehreren Städten dieses Negierlmgsbezirks verübten Kralvaüe gegen die Inden haben zur Folge gehabt, daß mit Rücksicht darauf, daß das Militär in nächster Zeit zn den Manövern re. ausmarschirt, vom Minister des Inneren eine Allzahl Gendarmen aus dell übrigen Bezirken der Mollarchie hierher beordert und zur Vcrfüguug des Negieruugspräsidenten gestellt sind, um sofort nach etwaigen unruhigen Städten entsandt lverden zu können. Diese Konllllalldirten silld, der „Ostsee-Ztg." zufolge, in mehreren Gasthöfen eiuqucivtiert worden. Hoffentlich haben aber die vom Schwilrgericht in Stolp neuerdings über zahlreiche Nadaulnstige verhängten Strafen ebenso Gesillntell einen Dämpfer ausgesetzt. — Der zweite Stolper Krawallprozeß gelangte gestern zur Aburtbeilung. Es handelte sich um die an, 21. lind 22. Mai d. I. erfolgten Ausschreitungen gegen die jüdischen Einwohner Stolps. Die Anklage lautete aus Theilnahme am Aufruhr beziehllugslueise Laudfriedeilsbruch, Widerstand. Beleidigung und Sachbeschädigung, und richtete sich gegen den Amtssekretär Otto Wetzel. den Lohnkellner Perlick, die Eheleute Jagdinanll, die Tischlergeselleu Mitzlaff. Lawrenz. Höppner nild Tesch. den Hallsdieller Duste, den Arbeiter Krack und die Lehrlinge Kautz, Topel. Winnegge, Kohls. Becker, Ziesemer, Mahhack, Udally, Glltzmann und Jeske. Die Allgeklagteu stehen im Alter von 15 bis 53 Jahren. Auch in dieser Allklage betonte der Erste Staatsamvalt, daß verschiedene Umstände die Annahlne gerechtfertigt erscheinen ließen, daß mn 22. Mai. dem zlveiten Aufruhrtage, alltiseluitische Kreise ihre Hände im Spiel gehabt inld drnch Hetzrnfe die Jugend angereizt Hütten. Die meisten Angeklagten haben sich auch nur au biefein Tage an dem Tumult betheiligt. Nur Dllske, Mitzlaff und Lawrenz sind allch a,n 21. auf dem Markte gewesen. Der Angeklagte Höppner bestreitet nicht, einen Stein ill der Hand gehabt 311 haben, er will ihn aber fallen gelassen Haber,. als die Polizei kam. Kautz giebt z,l, dem Polizeisergeanten Nubach „Spitzköpfe" und „feige Hunde" zugernfen zu haben. Ebeilso hat Krack dem Polizeibeamten Seibold „du Hund" zugerufen. Der Amtssekretär Wetzel war früher mn Gericht beschäftigt, gegenwärtig ist er außer Stellring. Topel, Winnegge, Kohls, Becker. Zimeser und Gutzlnann sollen sich an dem Steinelversen ans Polizei und Militär beiheiligt haben, was sie jedoch bestreiterr. Udally soll Steine gegen das Cassely'che Halls am Blücherplatz gelvorfen haben. Verschiedene Angeklagte haben auch „Hepp! Hepp!" und „Juden raus!" gerufen. Durch die Zeugenaussagen wurden die meisten Angeklagten der ihnen 311 v Last gelegten Handlungen überführt. Unter den Zeugen befinden sich auch einige der vonl Schwurgericht kürzlich vernrtheilten Aufrührer und viele Polizeibeanrte. Nach sechsstündiger Verhandlung sprach der Gerichtshof die Angektagtell Duske, Tesch. Mitzlaff. Wetzel. Perlick, Jeske, die Eheleute Jagdmann und Lawrenz frei und verurtheilte den Angeklagter, Kautz zu 9 Monaten, ben Angeklagten Höppner zu 6 Monaten, Kohls, Krack. Becker, Udally. Topel nild Glltzmann zu 6 Wochen und Winnegge. Zimeser und Mayhack zn 4 Wochen Gefäilgniß. Weder in der Urtheilsbegrüudung rioch in den Plaidoyers wurde auf die Entstehungsnrsache der Krawalle nochmals eingegangen. M. Hamburg, 23. Juli. Dr. M. Selig mann, ein angesehenes Mitglied ullserer Gemeinde, ein bekannter und vielbeschäftigter hiesiger Arzt, wurde im besten Mannesalter vom Tode ereilt. In der Nachtstunde lvurde Herr Dr. S. zu einem Kranken gerufen; als er sich anschickte diesem Nnf Folge 311 leisten, wurde er von eiirem Gehirnschlag getroffen und sank plötzlich entfeelt zu Boden. Die Kunde von dem Hillscheiden des beliebten Arztes erregte in rveiteren Kreisen der Bevölkerung, namentlich aber bei der Arbeiterbevölkerung in der Neustadt, rvo er seil, Domizil hatte, tiefe und aufrichtige Trauer, denn er wurde sowohl als Arzt, wie auch als Freund und Berather hochgeschätzt; hatte er sich doch d en Ehrentitel eines „Volksdoktor" erworben. Als Geburtshelfer galt der Verstorbene selbst bei hervorragenden Kollegen als Autorität, und als er vor Jahren einen ehrenvollen Nus nach auswärts erhielt, veranlaßten ihn hiesige einflußreiche nichtjüdische Aerzte. feine Wissenschaft auch ferner ill die Dienste der Vaterstadt zu stellen. Die vom Trauerhause Fllhleutrviete aus erfolgte Beerdigung gestaltete sich zu einer bedeutsamell Trauerkundgebung. Außer den vielen Kollegell hatten sich Vorstandsmitglieder der Gemeindeinstitutiolreu eingefullden, die Zahl der Leidtragenden betrug viele Hunderte, welche sich eingefunden, um den, verdienten Manne, dessen Tod eine schwer ausfüllbare Lücke hinterlüßt, die letzte Ehre zu erweisen. Deru Wunsche der Hinterbliebenen und dem bescheidenen Sinne des Verblichenen entsprechend, wurde von einer eigentlichen Trauerfeier ulld einer Gedenkrede Abstand genommen. — Herr Leonhard Levis 0 n, eil, geborener Hamburger, der seinen dauernden Wohnsitz in Newyork hat, weilte kürzlich hier. Anläßlich des Besuches hat Herr L. der Talmud-Thora-Realschule, dem Israelitischen Krankenhause nild anderen Wohlthätigkeitsinstitutioneu der Gemeinde bederlteude Sulumeu zugewendet. o. Elberfeld, 20. Juli. Unter zahlreicher Betheiligmrg seitens der Gemeindemitglieder sowie von Angehörigen der beiden christlichen Konfessionen sarid am 15. d. M. die Einweihung des neuen Friedhofes der Synagogen-Gemeiilde und der Leichenhalle statt. Nach einleitendem Gesang nahm Rabbiner Dr. Auerbach das Wort zu einer inhaltlich und formell vollendeten Rede, welche die Entwicklung der Gemeinde schilderte, dann unter Zugrundelegung von Psalm 23, 4: „Auch wenn ich gehe im Thale des Todesschattens, fürchte ich kein Leid, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten

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