Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228396--56675-3292996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
64. Jahrgang. Nr. 30. «ftlin, 27. 3«li 190 Weilage gur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 22. Juli. Nach längerem Leiden ist am 19. d. M. der Lehrer an der hiesigen jüdischen Knabenschule, Raphael Cohn, im Alter von 77 Jahren gestorben. Als Sohn frommer Eltern in Zenlpelburg geboren, erhielt Raphael Cohn dort seine erste Ausbildung in Bibel und Talmud. Als 16 jähriger Jüngling kam er nach Berlin, um sich, nach dem Wunsche seiner Mutter, zum Rabbiner anszubilden. Hier besuchte er auch recht fleißig die Talmlldvorlesungell des Rabbiners Jakob Joseph Ettinger und galt als ein „ausgezeichneter Bachur". Jndeß scholl nach kurzer 'Zeit sehnte er sich alls beu engen Räumen der Talmudschnle heraus, und dem Rathe seines? nachherigen Freundes Aron Bernstein folgend, beschloß er, den Lehrerberns zu erwählen, dem er auch bis zu seinem Tode in unerschütterlicher Treue und mit größter Opfersreudigkeit anhing. Er wollte nur ein Lehrer sein, mld als solcher war er bald in weiten Kreiselt geschätzt und beliebt. Viele, in den verschiedenen Berufszweigen lvirkellde Männer voll Rang und Ansehen sind einstmals seine Schüler gewesen. Als der nunmehr Verstorbelle am 9. November v. I. sein goldenes Amtsjubilällrn feierte, hatte nian in der; weitestell Kreisen seiner früheren Zöglinge des Tages gedacht, und zahlreiche Ehrungen waren ihm zu Theil gelvorden. Auch der Kaiser hatte dem wackeren Manne und unermüdlichen Jugenderzieher durch die Verleihnilg des Adlers zum Hoheuzollernschen Hausordell ansgezeichllet. Die Wirksanlkeit des Verblichenen als Jugellderzieher reicht aber weit über den Rahmen seiner ehemaligen Lehrstätte hillaus. Deil Zöglingen der Lehrerbildungsanstalt »var er der vorbildliche Lehrer auf dem Gebiete des Anschauungsunterrichtes; nach seiner Methode wirkt zum reichen Segen eine große Zahl wackerer Lehrer in allen Gauen uilseres Vaterlandes; seine „Deutsche Schreib- Lese-Fibel", aus der tiefen Kenntniß des kindlichen Fassungsvermögens hervorgegangen, ist ein bewährtes Hilssnlittel für ben Unterricht geworden. Die Liebe uild Verehruilg, die der Verstorbene innerhalb der Berliner jüdischen Bevölkerullg genossell hat, zeigte sich in dem großen Trauergesolge bei der am 22. d. M. stattgesundenen Beisetzung seiner irdische»! Ueberreste auf dem Friedhofe in Weißensee. Nach vielen Hunderten zählten die Theilnehrner, die herbeigeeilt waren, um dem Freunde, Lehrer und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen. Ein von den Schülern der jüdischen Knabenschule gesungener Choral leitete die Trauerfeier ein, worauf Professor Dr. Ludwig Geiger einen sehrwarm empfundenen Nachruf hielt und dem Verewigten sowohl Namens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde wie auch des Lehrerkollegiums der jüdischen Knabenschule und Lehrerbildungsanstalt die letzteil Abschiedsgrüße zurief. Nach den: üblichen Gebete sang der Knabenchor „Es ist bestimmt in Gottes Rath", woraus die Beisetzung au der Seite der ihm im Tode vorausgegangenen Gattin und des einzigen Sohnes erfolgte. Mit „Lehrer Cohn", wie er kurzweg genannt wurde, ist wiederum eine Persönlichkeit des alten Berlin abberilseu worden. Neben einer einzigen Tochter, die der Stolz und die Stütze seines Alters war, trauert um ihn auch eine um drei Jahre ältere Schwester, die Gattin des 90jährigen ehemaligen Lehrers S. Braunstein in Gollub, und mit ihr eine große Zahl von Verehrern und Freunden, die den Namen Raphael Cohn stets in Ehren halten werden. Friede seiner Asche! Ehre seinem Andenken! ii. Berlin, 21. Juli. Am 12. d. M. beging einer der würdigsten Glaubensgenossen unserer Stadt, Herr Albert Wolfs, in geistiger Frische, umgeben von seiner würdigen Gattin, geb. Bleichröder, und seinen Kindern im engstell Kreise seiner Familie den neunzigsten Geburtstag. Herr Wolfs war vierzig Jahre Mitglied der Vorsteherschast der hiesigen jüdischen Reform-Gemeinde, die ihm bei seinem gewünschten Ausscheiden aus derselben zum Ehren-Mitglied der Gemeillde ernannte, und ihm wie zu seinem achtzigsten Geburtstage auch jetzt durch liebersendung einer Adresse ehrte. Berlin, 23. Juli. Der Israelitische Wohlthätigkeits-Verein „H uma nitas" hat den Zweck, seine Mitglieder und deren Angehörige nach Maßgabe der statutarischen Bestimmungen zu unterstützen: 1. durch freie ärztliche Behandlung für alle Familienmitglieder, 2. freie Arznei, Bandagen. Heilserum k. und 3. Geld Unterstützung in Krankheitsfällen der Mitglieder. 4. Mitglieder, welche mindestells ein Jahr dem Verein angehören und für welche der Vereinsarzt eine Badereise zur Herstellullg der Gesundheit nothwendig erachtet. eine ansehllliche Unterstützung während der Dauer der Badereise zu gewähren. Jedes Mitglied zahlt bei der Aufnahme 3 Mark Einschreibegebühr, lnonatlich nur 1 Mark Beitrag sowie 25 Pfennig sluden dauernden Sterbefond. Der Verein veranstaltet zum Besten der Unterstütznngskasse stets 4 große Festlichkeiten im Jahre. Das nächste Fest filldet am 9. August er. in Kistenmachers Etablissement statt. Meldungeil um Aufnahme sind 511 richten an den Vorsitzenden, Herrn Bnchdrnckereibesitzer S. Kunz, Alexanderstraße 63. *** Berlin, 24. Juli. Die im hiesigen Thalia-Theater gastirende sogeilannte O r i e n t a li s che Op e r e t t e n -- G e s e l l s ch a f t briilgt seit vorigeill Sollnabelld allabendlich das G 0l d fa d e u ' sche vieraktige Melodrama „Sulanlith" zur Ausführung, das vermöge seilles eigenartigen Illhalts linier beu Juden des Ostens sehr populär ist. Bei aller techllischen Naivität behaildett es nicht ohne Geschick eine talmudische Legende und es ist schon aus dem Grunde llicht nninteressallt, weil es ill seinem innersten Kerile jüdische Denk- und Gesühtsart wiedergiebt. Es ist das Märcheil voll der Treulosigkeit, das es erzählt. Absalonl, eill reicher Jüngling, verlobt sich in der Wüste mit Sulamith, der Tochter eines bethlehemitischeil Bürgers, die er gelegentlich einer Wallfahrt liach Jerusatelll alls eillem Brullnell gerettet hat. Zu Zeugen des Verlöbnisses ruft das Paar beu Brunnen an und eine Wildkatze, die sie erspäht haben. Aber Absalom vergißt seinell Schwur ulld vermählt sich ill Jernsaleln mit Abigajel, einer Priestertochter. Sulamith, die im Hause ihres Vaters von Freiern umworben wird, beschließt, sich wahnsinnig zu stellen, um einer Heirath zu entgehen. Dell Ungetreuen verfolgt aber das Unglück. Seine Kill der ftevbeu, das eine am Biß einer Katze, das andere dadurch, daß es in einen Brüllen fällt. Nun erlvacht in Absalom die Erinllernng all sein Berlöbniß, uild da sein Weib vor Gralll über den Tod der Kiilder stirbt, zieht er llach Bethlehem, lim Slilamith anfzusllchen. Mit der glücklichen Vereilligung des Paares schließt das Melodrama, das auch eine ganze Reihe kölnischer Scenen enthält. So liegt ill der Eharkterisirnng der Freier viel natürlicher Humvr; ganz merkwürdig berührt es, daß in dieser Scene ein wohlgenährter Priester mit kräftiger Lllsiigkeit verspottet wird. Aber es steckt auch eine gewisse Liebellslvürdigkeit ill diesem Spott. Für lllls hat dieses origillelle Gastspiel tun* ein kulturhistorisches Interesse. Die alls Galizien stalnnlenderl Mitwirkenden würdell unter anderen Kultmwerhältnissen sicherlich sich besser ent= Wickeln. Der „Star" der Gesellschaft, Frl. F r y d e r i k a Z a r t 0 lv s k a, erwies sich darstellerisch tute gesanglich als eine ganz bedeutende Künstlerin. Ihr wohlgeschultes Organ ist voll Kraft und lveiß Zartes wie Gewaltiges, Inniges lind Schalkhaftes mit gleicher Meisterschaft auszudrücken. Neben Früuleill Zartowska zeichilete sich der leider nngeschulte Tenorist Herr Silbert aus. Dem Komiker Herrn Topf lvürdell wir etwas mehr Zurückhaltung empfehlen. L2 Berlin, 24. Juli. Eine H a u s s u ch u ll g u li d Beschlagnahme von Zeitungsnumlllerll fand gestern auf Grund eilles Beschlusses der fünften Strafkammer des Langerichts 1 in den Räumen der „ S t a a t s b ü r g e r- Z e i t u ll g" statt. Der Konfiskation verfiel die Nulnmer 326 des genannten Blattes vom ir>. Juli, in welcher die iu der Tonhallenversammlung am 13. Jllli gehaltenen Reden des Grasell Pückler, des Verlegers Bruhll uild des Schriftstellers Böckler über den Kollitzer Mord zllm Abdruck gelaugt sind. Auf Grund dieser Reden ist Anklage wegen Allfreizung zum Klassenkanlpf gegen die drei genannten Personell erhoben lvvrden. Hierzu schreibt die „^Nationalliberale Korrespondenz": JlNvieweit Verleger uild Redakteur der