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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
Seite 360 (sequence 14)
Language
German
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360 EUILLETON Bethulah. Eine Crrjcitjlinift von I. Z a n g w i l l. IV. Cj» d» lueife nicht rvarum, aber als Harchi mich beim Sabbtath- M lnittagmahl sarkastisch fragte, ob ich zum Abendbrod der „Heiligen Königin" gehe, verstand es sich bei mir von selbst, dasi ich zu diesem geheimnißvollen Mahle hingehen müsse. Vielleicht, weil ich nichts zu thun hatte, vielleicht auch kehrte meine Sympathie zu biegen eigentümlichen musikalischen Faullenzern zurück, die dem Ideale des Newyorker Lebens so entfernt standen. Oder vielleicht war ich verwirrt durch einen Tramn, mit denr ich die ganze Nacht gekämpft hatte, daß ich selbst nackt inmitten brennender Kreise stand und die Melodie der Chassidim sang, während sie sich drehten. War ich vielleicht, dachte ich lächelnd, diese vom Bösen erschaffne Seele, war meinetwegen die Messianische Aera verschoben? Die Sonne war untergegangen, drei Sterne standen schon am Himmel, mein frommer Wirth hatte schon Habdalah gemacht, als ich aufbrach. „Samstag Abends," sagte mein Wirth, „muß Jeder sein Essen selbst mitbringeu." Er wollte mir ein Packet mit Fisch und Brod mitgeben, ich schlug es aber aus, da ich nicht zum Essen, nur zum Sehen hingeheu wollte. Ich kam aber zu spät, und da kein Licht da war, beschränkte sich mein Sehen auf Hören. Die Klaus erschien in dem grauen Zwielicht wie erfüllt mit gefährlichen Gestalten, die sich in monotonem Singsang hin und her bewegten, das Gesicht des Wunderrabbi erschien zugleich geisterhaft und königlich. Als die mystische Dämmerung tiefer wurde und Dunkelheit eiusetzte, überwältigte die Verzauberung mich wieder. Die dunklen, sich hin- und her bewegenden, summenden Figuren, die mehr errathen als gesehen wurden, schwangen sich nach ihrer eigenen rhytmischen Melodie. Auch meine Seele ward in dieser Fluth hin und her geworfen. Die verwickelte Welt moderner Civilisation fiel voll mir ab wie die Kleider von einem Badenden. Sogar das prinlitive Eebirgsdorf verschwand in dem Nichts, und ich schwebte in einlullender, rnaßloser Musik in eillem zeitlosen, rairmlosen Weltall. Aeonen mochten vorübergerauscht sein, als der Lichtschein der Wocheutagslichter, die angezündet lvorden waren, in meine Augen drang. Das Abendbrod zu Ehren der scheidenden Sabbathkönigin begann, lind ich wurde wieder an den oberen Tisch geladen. Aber ich hatte keinen Appetit auf irdische Dinge, es widerstrebte rnir, zuzusehen, wie die Mystischen sich auf die Terrine mit Borsch ulld die Kanne mit Branntwein warfen. „Der Rabbi hat geheißen, Branntwein trinken," sang der Schammes leise. Nach und nach, sobald der Magen befriedigt war, begann der Gesang von Neuem. Plötzlich sprangen sie auf, stießen die Bänke bei Seite und bildeten einen wirbelnden Kreis. Ich wurde in den menschlichen Cyklon mitgerissen, wir hatten Einer dem Anderen die Hällde auf die Schultern gelegt und flogen null inl Kreise herum mit starren Augen im verzückten Gesichte; unsere Füße stampften nach allßen, ulll, wie ich verstalld, die embryonischen Dämvllen außerhalb des magischen Kreises wegzustoßen. Ulld wieder kam es mir vor, als nlache ich einen Seelenflug oder schwebe wenigstens so nahe beu unaussprechlichen Mysterien wie die Dämonen unserem magischen Cirkel. O, was für ullaussprechliche religiöse Entzückungen empfand ich. Was kein Prächtiger Tempel, keine Orgel, feine weißbekleideten Prediger bewirkt halten, das war irl diesem barackellartigen Zimmer mit seinen ordinären Bänken und hölzernell Pfeilerll bewirkt worden. Wir sangell das Lied „Kinder des Palastes", und wührelld ich mich bemühte, die Worte zu verstehen, glaubte ich lvirklich, wir lvärell Söhne unseres Vaters, der im Himmel ist. Wir hörtell etwas früher auf als anl Vorabellde, aber ich beeilte mich, von meillen schleudernden Mitanbetern fvrtzukornlllen, nicht, lveil ulich ihr Treiben schon anekelte, sondern weil ich fürchtete, es könnte später so sein. Ich brauchte die Einsalnkeit, die Geuleinschaft mit meiner eigenen Seele. Derselbe zunehmende Mond stand am Himmel, dieselben endlosen Sterne zogen die Gedanken zur Unendlichkeit. Aber jetzt fühlte ich, es gab ein anderes, eill besseres Weltall, lvelches diese gemalte Vision umgab, eine 'Geisterwelt, von der ich bisher nichts gewußt hatte, obgleich ich geläufig darüber geschwatzt und wohlbefriedigt Predigten darüber zugehört hatte. Die Luft war warm und angenehm. Noch durchdrungen von dem Gefühle der „Oberseele", hatte ich die Außenposten des Dorfes unbewußt passirt und schlug die Richtung nach dem Kirchhofe auf der anderen Seite des Abhanges ein (denn die Todten fürchten weder Ueberschwemmung noch Lawinen). Zu meiner Rechten floß der Strom noch stürmisch und bedeckt mit Klötzen, Stämmen und allerlei vom Schiffbruch übrig gebliebenen Dingen, aber nur einige Fuß höher als sein gewöhnlicher Wasserstand. Der Weg wurde zusehends schmaler, zuletzt schritt ich auf einem schmalen Steg zwischen dein sternenbeleuchteten Wasser und dem Fuß des Gebirges, das unaussprechlich feierlich ausstieg mit seinen verödeteil Felsen und seinen dunkleil Fichten. Und als ich meine Augen plötzlich aufschlug, sah ich vor mir eine luystische, vom Monde beleuchtete Gestalt, lvelche «lein Herz vor Schreck und Ueberraschung wild schlagen ließ. Es war eine Frau oder vielmehr ein Mädchen von hoher königlicher Gestalt, in einem eigenthümlichen weißen Kleide mit einer Krone aus Rosen und Oelzweigen auf dem Haupte. Einen Augenblick glaubte ich, den Geist des Mondes vor mir zu sehen. Ihre Augen waren träumerisch, mit unendlicher Trauer erfüllt, aber ihr Gesicht zeigte das schönste jüdische Oval, den reinften dunklen Teint. Eine phantastische Idee stieg in mir auf, ulld, komisch genug, mein wild klopfelldes Herz beruhigte sich dadurch. Das war die „Heilige Königin des Sabbaths", deren Abschied wir soeben gefeiert halten, und die in dieser unbewohnten Gegend bis zum Zwielicht des nächsten Freitags verblieb. „Heil Dir, heilige Königin," rief ich fast unwillkürlich aus. Ich sah, wie ihre schönen Augen sich erweiterten, als sie sich plötzlich meiner Gegenwart bewußt wurde, aber sie neigte nur ihr Haupt mit hoheitsvoller Miene, wie Jemand, der an Anbetung gewöhnt ist, und schwebte weiter, denn nur so konnte ich ihre graziöse Bewegung benennen. (Forts, folgt.) Druck und Berlag uim :Ji uouli M u j je in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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