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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
Seite 359 (sequence 13)
Language
German
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359 Buch der Könige. Kapitel 22, berichtet wird. Sie könnte der Trojanerin Kassandra verglichen werden, doch war ihr ein besseres Loos beschieden wie dieser unglücklichen Seherin. Während Kassandras Voraussagungen und Warnungen dem Spotte ihrer Landsleute begegneten, wurden die Verkündigungen der Hnlda von den höchsten Würdenträgern ihres Volkes erbeten und mit Ehrfurcht ausgenommen. Unter der Regierung des Königs Josia fand der Priester Hilkia einst bei Gelegenheit der Ausbesserung des Tempels das „Buch der Lehre" h, welches während der Greuelherrschaft einer Reihe gottloser Könige in Vergessenheit gerathen war. Josia machte aber eine rühmliche Ausnahme unter feinen Vorgängern und Nachfolgern; er ließ sich die Schriftrollen vorlesen und wurde tief ergriffen, ja von Verzweiflung erfaßt über die Drohungen des göttlichen Zornes und schwerer: Strafgerichts, welches die Verächter und Uebertreter der Gebote treffen sollte. Er befahl dem Hilkia den Herrn um das bevorstehende Schicksal seines Volkes zu befragen; da indessen dieser Priester sich keiner direkten Offenbarungell Jehovahs rühmen durfte, so wandte er sich an die gottbegnadete Prophetin Hulda, das Weib des königlichen Kteiderhüters Schallum zu Jerusalem. Diese ließ dem Könige sagen, daß das Strafgericht über das abtrünnige Israel nach dem Willen des Herrn zwar unabwendbar hereinbrechen würde, daß jedoch ihm selbst, da er über seines Volkes Süllde Leid trüge, eilt friedliches Ende beschieden sein solle, ehe das Land dem Untergänge preisgegeben werde. Und es geschah alles, lvas Hulda geweissagt hatte. Was die Gesetzeskunde und die Ausübung des Lehrarntes betrifft, so traten im jüdischen Volke später noch zahlreiche Nachfolgerinnelr in die Fußtapfen der genannten alttestamentlichen Frauen. Ueber deren Stellung möchte ich hier noch einige Mittheilungen einschalten. Wie es in den ersten Jahrhunderten des Christenthnms Apostel, Bischöfe und Kirchenväter gab, welche christlicher als Christus sein wollten und denr lveiblichen Geschlechte sofort alle Vorzüge der freien Kinder Gottes entzogen, die gerade das Fundament der neuen Religion bildeten, so befanden um die Zeit der Elltstehuilg des Talmud manche Rabbiner es auch für gut, Moses zu übertrumpfen und ihre Weisheit gegen die feinige zu setzell. Die Einen hüllten ihren Widerwillen gegen den intellektuellen Wettbewerb der Frauen in das Gewalld frommer Fürsorge und erklärten: die Vertiefung in das Studium des Gesetzes und das schwierige Symbolisiren desselben sei eine zn starke Zumuthullg für den weiblichen Geist, zudem auch unverträglich mit der Bewahrung Debora, die sich in dem alttestarnentlichen Städteverzeichniß wirklich vorfiudet, und begründet diese Annahme bannt, daß alte phönizische Münzen öfters Umschriften aufweisen lvie „Tyrus, Mutter in Kanaan"; ferne« glaubt er au eineln Verse des Liedes die Urheberschaft eines Mannes zu erkennen und schließt tnmnphirend mit dem Ergebniß. daß die Heldin, Prophetin u n d D i ch t e r i n Debora nun endgiltig aus der Geschichte entfernt sei! Aus diese Weise könnte man allerdings mit der ganzen biblischen Geschichte aus" räumen. Die Beweisführung ist durchaus nicht einleuchtend. Warum sollten die Angaben über Deboras Lebensumstände, ihren Charakter, ihre Thätigkeit als Richterin lediglich erfunden worden sein, um die Anfangsstrophe des Siegesgesanges zu erklären? Könnte nicht die angeführte Stadt ebenso gut nach der Prophetin Debora benannt worden sein wie die Palme an ihrer Wohnstätte? Und wenn sie thatsächlich nicht die Verfasserin jener alten Dichtung wäre, läge darum wohl ein Grund vor, an ihrer Existenz 311 zweifeln? *) Das Deuteronomium oder 5. Buch Mose. der weiblichen Schamhaftigkeit. Die Anderen nahmell fein Blatt vor den Mund, sondern behaupteten geradezu: die Weiber seien von leichtsillniger Art, und die geistige Altsbildullg sei gefahrbrillgend für sie. Der Palästinensische Talmud erzählt voll dem Rabbi Elieser bell Hyrkanos, daß er den Ausspruch gethan habe: „Wer seiner Tochter das Gesetz lehrt, der lehrt sie gleichsam Abfall." Als eine geachtete Frau ihn einst um Aufklärung bat über das in den Geschichtsbüchern Mosis öfters obwaltende Mißverhältlliß zwischell Versündigung und Strafe, wies er sie barsch mit der Antwort ab: „Die Frau gehört au den Webst u hl!" Seill duldsamerer und vorsichtigerer Sohn verfehlte nicht, ihn auf den lllateriellen Schaden aufmerksaln 31t machen, den die beleidigte Frau ihnen durch Entziehung der Priestergaben zufügen könnte; aber Rabbi Elieser entgegnete ebenso unwirsch ulld entschieden: „Mag das Feuer die Lehre verzehren, wenn sie llur llichtGemeingnt derWeiber wird!!" ’) Ganz wie bei uns die gelehrten Herren am Ende des neunzehnten Jahrhunderts! Ist es nicht eigenthümlich, daß sich dieses Stücklein in der Weltgeschichte fortwährend wiederholt? Daß hochbegabte Männer und Flachköpfe sich eilllnüthig zusmnmeuthnn, um die intellektuelle Begabung der Frauen zu leugnen oder ihre Verwendung zn hindern, angeblich, damit durch beit Verlust der Weiblichkeit die Welt nicht Schaden nehme? Ein altbekanntes Sprichwort sagt doch so außerordentlich wahr: „Die Tugelld, welche behütet werden muß, ist des Wächters nicht werth." Warum nur macht man delln männlicherseits so unerhörte Allstrengungen, um die Weiblichkeit zu behüten, wenn diese doch beständig auf Schritt und Tritt in Gefahr ist, in alle Winde zu fliegen? Indessen schon iu der Theorie waren damals die Ansichten über beit Frauennnterricht getheilt, denn ben Asai gestattete denselben nicht nur, sondern umchte ihn sogar zur Pflicht. Auch bei dem häuslichen Unterricht der Töchter erzieltet! viele Väter schon das erfreuliche Resultat einer wahrhaft geistigen Ausbildung. Der Gesichtskreis des jüdischer! Weibes wurde überhaupt niemals engherzig eingeschränkt. Die Frauen besuchten gern das Gotteshaus, manche von ihnen versah, wie einst Mirjam, das Amt einer Vorsängerin bei ihren Glaubensschwestern. Die Pforten de« Lehrhäuser standen ihnen offen, und einzelne wißbegierige Frauen scheuten sich nicht, unter den Jüngern Platz zu nehmen, um dem Vortrage des Lehrers zu lauschen. Vielen bot sich schon dadurch eine willkommene Gelegenheit dazu, daß es bei den Müttern gebräuchlich war, ihre Söhne in die Schulen zu führen und sie von dort abzuholen, lvas ihnen als sehr verdienstlich ungerechnet wurde.-) So gab es von den ältesten Zeiten an gelehrte Frauen unter den Jüdinnen; namentlich voni elften Jahrhundert an hat sich das Andenken der berühmtesten bis auf die Gegenwart erhalten. h Das Leben des jüdischen Weibes. Sittengeschichtliche Skizze aus der mischnisch-talnmdischen Epoche, von Dr. M. Güddemann. 1859. -) Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Kunst und Litteratur. Von M. Kayserling.

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