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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
Seite 357 (sequence 11)
Language
German
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357 Ode. Im Juli, desselben Jahres schreibt Karl Lessing dem Bruder ans Berlin, Behr werde Gedichte herausgeben, „von denen einige recht artig sind." Und Boie berichtet ans Göttingen an Knebel am 30. Dezember: „Die Gedichte des Lithauers sollen auch jetzt gedruckt sein. Sie haben Recht, die jüdische Ration verspricht sehr viel, wenn sie einmal erwacht." — Die „Gedichte von einem pohlnischen Juden" sind, ohne Namen, erschienen zu Mitau und Leipzig bei Jakob Friedrich Hinz 1772 96 S. 8°. Dazu ein „Anhang" ebenda 1772 32 S. Dem K. polnischen Landrath Friedrich Ewald Fircks hat Behr die Gedichte mit einem öffentlichen Schreiben gewidmet, datirt Berlin den 26. November 1771. Das Büchlein ist selten geworden: die Kgl. Bibliothek zu Berlin besitzt es nicht. Die beiden Gedichte „Schwärmerei" und „Sehnsucht nach dem Frühling" nahm Ramter zwei Jahre später in seine „lyrische Blumenlese" aus. Er verfuhr auch hier wie bei anderen Dichtern: seine Aenderungen fiub durchaus nicht immer glücklich zu nennen. Der Herausgeber des genannten Almanachs nrtheilte 1773, er finde dieselben Vorzüge, die er früher an Behrs Liedern gerühmt habe, auch in den neueren: „Naivetät, Zärtlichkeit, Delikatesse." Der „Anhang", sagt er, erfreue ihn vornehmlich deshalb, weil er daraus ersehen habe, daß die ernsteren Wissenschaften beit Verfasser nicht ganz den Musen entfernen. Wie die uteisten Kritiker jener Zeit dachten, zeigt ein Urtheil des bekannten Karl August Kütner, dem Andere nachgeschrieben haben: „Einige seiner Lieder haben den altdeutschen biedern Ton unserer besten Liederdichter, lachende Bilder und Schalkheit und unschuldige Naivetät. Nicht immer weiß er die Mühe zu verbergen, die Silbenmaß und Reim ihm kosteten: viele seiner schönen Gedichte leiden unter dem Zlvang der Versifikation. Das musikalische Gedicht „Andromeda", die reifste Frucht seines Genies, ist einer Meisterhand würdig. Minder glückt es ihm in der höheren Ode: sein Ausdruck ist zu gekünstelt, kalt und ungelenk." Nachdem Kütner erwähnt hat, daß Ramler zwei Gedichte in seine Sammlung ausgenommen, meint er: „Ersteht mit ebenso großem Rechte in einer so ehrenvollen Gesellschaft wie Süßkind, der Jude von Trimberg, im Cirkel der Minnesinger." Aber wie Süßkind fehlte auch Behr die Ursprünglichkeit. So wenig wie jener sich, nach dem unbefangenen Urtheil Rothes in der „Allgemeinen Deutschen Biographie", über die Anschauungen seiner christlichen Kollegen im 13. Jahrhundert erhob, so wenig Behr über die seiner dichtenden Zeitgenossen. Wüßten wir es nicht, wir würden auch aus seinen Liedern den Juden nicht herauswittern. Und doch, wäre er ein ursprünglicher Dichter von Kraft, Glut und eigenster Empfindung gewesen, wie hätte er durch Darstellung der Umgebung, in derer aufgewachsen und groß geworden war, der Eindrücke, die ihm eine neue Welt gebracht, durch den Muth der Wahrheit ergreifen und erschüttern können! Das hat der junge Goethe gewußt. In jener bekannten Rezension der „Frankfurter Gelehrten Anzeigen" hob er hervor, was er von diesen Gedichten erwartet hatte und wie er enttäuscht ward. „Es ist recht löblich, ein Polnischer Jude seyn, der Handelschaft entsagen, l. Sehnsucht ttac Behr: Rar Holder Frühling, kehre wieder Und belebe die Natur! Gieb der Nachtigall die Lieder . . den Nachtigallen . 4. Und die Blumen gieb der Flur! Blumen gieb der öden sich den Musen weihen. Deutsch lernen, Liederchen runden; wenn man aber in allem zusammen nicht mehr leistet als ein christlicher Etudiant en helles iettres auch, so ist es. deucht uns, übel gethan, mit seiner Judenschaft ein Aufsehen zu machen. Abstrahirt von allem, produzirt sich hier wieder ein hübscher junger Mensch, gepudert und mit glattem Kinn, und grünem, goldbesetztem Rock, der die schönen Wissenschaften eine Zeit lang getrieben hat und unterm Treiben fand, wie artig und leicht das sey, Melodiechen nachzntrittern." Die letzten Worte beziehen sich ans den Vorberichtsbrief der Gedichte, in dein Behr trivial genug, von sich sagt: Voll Sehnsucht blickt Mein Augeupaar, Und Puder schmückt Mein Lockenhaar. Mein Bart ist glatt Und glätter hat, Ich sag' es kühn, Kein Jüngling ihn. Mein Rock ist grün Und ziemlich schön, Ihr solltet ihn Nur einmal sehn: Ihr wärt mir hold. Denn ihn schmückt Gold. Zum Schluß strömt Goethe in einer, Herder nachgebildeten, Apostrophe an den Genius unseres Vaterlandes seineEmpfindung in jene weihevollen Worte am, die wir alle keimen. So hatte Behr — wie soll ich sagen? — das glückliche Unglück, von dem genialen Jünglinge beurtheilt und, wie Andere auch, beiseite geworfen zu werden. Seine Gedichte sind indessen gewiß nicht schlechter als viele von Gleim, Ramler, sogar Uz, den Dichtern, die für Behr die bewunderten Vorbilder waren. Manche haben schönen Fluß, auch Anmuth und Grazie, aber die lebendige Schönheit, Wahrheit und Kraft fehlen ihnen, die in den Schöpfungen unserer Großen leben. Dennoch, selbst nach Goethes und Schillers Auftreten, sind sie nicht ganz in Vergessenheit gerathen. Denn Friedrich Matthisson hat im neunten Band seiner lyrischen Anthologie, der 1805 in Zürich erschien, außer den beiden von Ramler bevorzugten noch vier Gedichte der Aufnahme für werth gehalten: „An den Frieden", „Das Landleben", „Opferlied", außerdem die „Andromeda", die Behr eine Cantate, Matthisson ein lyrisches Monodrama mit Chören nennt. Aenderungen hat Matthisson in allen Gedichten gemacht. Denn auch er nahm bei der Aufnahme in seine Sammlung das Recht in Anspruch, abzukürzen und abzuändern. Mit Behrs „Andromeda", für die gewiß Ramler das Vorbild gewesen, hat er sich ganz besondere Mühe gegeben. Offenbar hat er diesem Gedicht, wie Kütner, großen dichterischen Werth zuerkannt: ein Beweis mehr, daß Matthisson noch 1803 in seiner dichterischen Persönlichkeit mehr der früheren Periode angehörte als der Zeit Goethes und Schillers. Zum Schluß mögen hier zwei Gedichte Behrs stehen in der ursprünglichen Fassung und mit beigefügten Aenderungen Ramlers und Matthissons, deren Vergleichung gewiß nicht ohne Interesse ist. dem Frühling. l e r: Matthisson; Flur. wie Ramler

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