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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
Seite 356 (sequence 10)
Language
German
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356 die er stets für das alte Testament hegt und bekundet. Höchst charakteristisch ist folgender Vorfall. Krüger war vor einiger Zeit in einer kleinen, meist aus Deutschen und Engländern bestehenden Gesellschaft, worin die relativen Wertste der Werke voll Shakespeare und Goethe mit großer Lebhaftigkeit besprochen wurden, wobei natürlich eine leicht zu entschuldigende Parteilichkeit beiderseits obwaltete. Zuletzt wurde Krüger ersucht, er möchte doch seine eigene endgiltige Meinung darüber abgeben, ob er nämlich Shakespeare als größer und bedeutender erachte als Goethe oder nicht. Nach einer kurzen Pause erwiderte der Präsident der Südafrikanischen Republik etwa tute folgt: „Was Shakespeare und Göthe anbelangt, so habe ich noch niemals etwas von ihren Werken gelesen, und werde auch dies niemals thun, solange ich einen Ersatz dafür in der Bibel finden kann/' „Da", fuhr er mit sichtbarer Begeisterung fort, „die Bibel ist seit vierzig Jahren mein Lieblingsbuch gewesen, worin ich Tag und Nacht las lind Alles darin fand, was für die verschiedenen Lagen und Wechselfälle des Lebens recht gut paßte, und mir wie jedem andern Sterblichen als Lehre und Unterweisung dienen konnte. Wie köstlich sind doch ihre Weisheitssprüche, lute ergreifend ihre religiösen Lieder, und wie prächtig ihre sonstigen kunstreichen Poesien! Wahrlich, gäbe man der jetzigen herarnvachsendeen Jugend kein anderes Buch in die Hand als das alte Testament, so würde dessen anhaltendes Studium auf die kommende Generation nach verschiedenen Seiten hin sicherlich höchst vortheilhaft einwirken. Männer und Frauen würden dann viel braver, viel liebreicher, und viel zufriedener sein, als sie in der Jetztzeit in Wirklichkeit zu sein scheinen." Der fragliche interessante Vorfall wird in der Londoner „Daily News" von einem Korrespondenten mitgetheilt, der selbst einer von den anwesenden Disputanten wax. -- Das laufende Heft der „Jewish Quartaly Review“ ist, wie mehrere seiner Vorgänger es gewesen, voll von der Ben-Sira- Litteratur, welche augenblicklich die Aufmerksamkeit vieler jüdischer wie nichtjüdischer Gelehrten in hohem Grade in Anspruch nimmt. Mancher Leser des fraglichen Heftes wird die darin enthaltenen Controverse zwischen den Professoren Margolivnth und Harkavi interessiren, welche darauf hinzielt, die Annahme festzustellen oder wankend zu machen, das nämlich Saadyah Gaou der Verfasser des bekannten Fragments des „Seher Hagaluy" sei. Wäre dies nicht nachweisbar, meint Professor Margolionth, so müßte die darin vorkommende Notiz hinsichtlich des hebräischen Originals des Ben-Sira als nnmaßgebend zu betrachten sein. Gin jüdischer Mchter des 18 Jahrhunderts. Von Prof. Dr. Daniel Ja co by. ^chon lange hatte ich beabsichtigt, das Leben des Mannes mir vor Augen zu führen, der, als polnischer Jude (2geboren, deutsch dichtete, und dessen Name durch Goethe auf die Nachwelt gekommen ist. Was aus den wenigen, sich dazu noch widersprechenden Nachrichten zu benutzen war, null ich kurz zusammenfassen. Jsaschar Falkensohn Behr wurde zu Salantin in 9 Auf Wunsch der Nedaktion dieser Zeitschrift lasse ich hier den Vortrag abdrucken, den ich am 21. Februar in der Gesellschaft für deutsche Litteratur gehalten habe. Quellennachweise und Zusätze werden in der von August Sauer herausgegebenen Zeitschrift „Euphorion" (VII. Band) in einigen Wochen zu finden sein. Samogitien 1746 geboren. Ausgewachsen in einem traurigen Erdeuwinkel unter seinen gedrückten und halb barbarischen Glaubensgenossen, widmete er sich in früher Jugend dem Handel. Weniger der Drang nach Bildung als nach Gelderwerb, wie er selbst in der Ode „an die Hoffnung" gesteht, führte ihn nach Preußen. In Königsberg, der blühenden Stadt, die sich voll Stolz „am besegelten Hafen thürmt und ins friedliche Thor handelnde Völker zieht," zeigte ihm „ein Goldesvertust", „wandelnd Erz sei keinQuell steterZufriedenheit." In einem Briefe an seinen großen Bruder erzählt Karl Lessing, der Behr gekannt hat, bie}em sei ein Stück Sammet in Königsberg gestohlen worden, worin sein ganzer Reichthum bestanden habe. Ans Furcht, in der Heimath wegen dieses Unglücks verhöhnt zu werden, habe er sich entschlossen, in Königsberg zu bleiben. Er erhielt zu einigen Professoren der Universität Zutritt und lernte die deutsche Sprache aus Christialt Wolffs mathematischen Schriften. Von Armnth geplagt, war er der Verzweiflung nahe, da kam er 51t seinem Glück mit Empfehlungen an Moses Mendelssohn 1767 oder 1768 nach Berlin. Eine Gottheit, sagt er in dem erwähnten Gedicht, leitete seinen Schritt nach Berlin mld empfahl seine Jugend dem Schutze „des durch Weisheit Verewigten". „Hier in der blühenden Künste Pflanzstadt" wurde feilt Ehrgeiz rege. Er lernte neben dem Deutschen auch das Lateinische und Französische und verkehrte mit Moses Bekannten und Freunden. Mendelssohn, der selbst dichtete, wurde auf Behrs poetische Begabung aufmerksam. An Mühe und Fleiß ließ dieser es nicht fehlen: in dem Vorwort zu seinen Gedichten erzählt er, er habe zwar schon seit 1768 sich den Studien gewidmet, aber als Jüngling noch das lernen müssen, „was sonst ein Kind von 6 Jahren schon weiß, das ist deutsch und latein lesen." Ramler trat er gewiß nahe; in einer sapphischen Ode feiert er ihn, deren Schluß lautet: Lehre mich, v Meister der deutschen Leyer. Lehre mich ein Lied dir uachlnllen! Sing' ich Je ein Lied der Ewigkeit, ist es dir ein Ewiges Danklied. In einem anderen Gedicht rühmt er nebelt Garve und Mendelssohn „den Barden an der Spree, Ramler, Teutoniens Stolz." Seine Gedichte schrieb er, lvie er selbst berichtet, in den Erholungsstunden, die ihm das Studium der Medizin ließ. Dieses setzte er in Leipzig fort und ging damt nach Halle, wo er 1772 die Doktorwürde erhielt. Ob seine Dissertation ..animadversioiies quaedam ad illustrandam phrenitidis (Hirnwuth) causam“ gedruckt wurde, ist fraglich, denn weder in Berlin noch in Halle ist sie zu finden. Seine Anhänglichkeit an die Heimath, der er auch in der Ode an „Curonia" Ausdruck gegeben hat, veranlaßte ihn nach Kurland zurückzukehren; dort wirkte er eine Zeit lang als Arzt in Hasenpoth, nördlich von Libau. Im Jahre 1779 ging er nach Mohilew in Rußland, daun nach St. Petersburg und soll schon 1781 zu Hasenpoth gestorben sein: das letztere ist jedoch nicht genügend bezeugt. Von seinen Verhältnissert ist sonst nichts sicher bekannt. Seiner Eltern erwähnt er zärtlich und warmherzig im Gedicht „An die Hoffnung"; dem Vater widmete er zum 60. Geburtstag ein übrigens mittelmäßiges Gedicht. Wenn Karl Lessing erwähnt, Behr habe Frau und Kinder schon gehabt, ehe er nach Deutschland gekommen, so ist das bei den Sitten und Gewohnheiten der polnischen Juden durchaus glaublich. Die ersten Gedichte Behrs erschienen im „Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1771"; drei Lieder und eine

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