Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- Seite 354 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Protokoll der vierten Iahrrsversammlung des Vereins jüdischer Religisnstehrer Mrstprcntzcns;« Dirschau am 5. und 6. Juni 1900. (cS&i? Vcrsmmnlimn janb im Giineindcsihungszimnier statt. Anwesend lvaren die Herren: Geiseuberg-Marienwerder, Dahl-Schlvetz. Kroll-Dirschau, Jaffe-Dirschan, Mannheim-Schönsee, Mann- Heim-Graudenz. Mendelsohn-Mewe, Piski-Elbing. Rapp-Pr. Friedland, Rynarzewski-Pr. Stargard. Schreiber-Danzig. Süßkind-Schöneck und Meißrock-Marienbnrg, ferner als Gäste: Herr Rabbiner Dr. Silberstein-Elbing, vom Vorstände der Dirschauer Synagogengemeinde die Herren Goetz nnd Littmann nnd die Vorstandsmitglieder des osiprentzischen Vereins. Stnrmann-Osterode und Birnbaum-Königsberg. Herr Peritz-Königsberg war durch plötzliches Unwohlsein behindert worden, der Versammlung gleichfalls beiznwohnen. Vegrnstnngsbezw. Entschuldigungsschreiben sind eiugegangen von den Herren Rabbinern Dr. Bär-Graudenz. Dr. Munz-Berent. Dr. Nordheimer Schweiz, Dr. Walter-Vromberg, von Herrn Rektor Dr. Adler- Frankfurt a. M.. von den Kollegen Brann-Dt. Krone, Chaim-Thorn. Kalischer-Danzig. Schreiber-Dt. Krone, sowie von dem Vorsitzenden des inestprenstischen Gemeindeverbandes. Herrn Gustav Davidsohn- Danzig. außerdem Telegramme von den Herren Dr. Vlnmenthal- Danzig. Dr. Nosenstein-Grandenz, Iafse-Verlin, Simson-Lantenbnrg nnd Peri tz-Kö ni gsberg. 1. Der Vorsitzende. Herr Geisenberg-Marieinverder. eröffnete am 5. Juni. Rachnuttags 4 Uhr. die Versammlung nnd begrüßte die Theilnehmer mit herzlichen Werten. Redner führte aus: „Wir leben jetzt in einer schweren Zeit, in einem Stück finsteren Mittelalter; da ist es doppelt unsere Pflicht, der jüdischen Jugend treue Anhänglichkeit zum angestammten Judenthum einzuimpsen und die Kinder zn treuen Staatsbürgern heranzuziehen. Wir sind aus allen Theilen unserer Provinz herbeigeeilt, um unser Selbstbewußtsei u zn heben, uns wieder zusammengehörig zu fühlen und gemeinsam zn arbeiten für unsere Besserstellung, die uns von Gottes und Rechts wegen gebührt." Redner wies dann auf unseren allverehrten Landessürsten hin. der sein Hauptaugenmerk darauf richte, daß die Jugend religiös erzogen werde, nnd brachte auf Se. Majestät ein Hoch ans. iu das die Versammlung begeistert einstimmte. Hierauf hieß der erste Vorsteher der Dirschauer Synagogengerneinde die Versammlung namens der Gemeinde herzlich willkommen. 2. Alsdann erstattete der Schriftführer Mannheim-Grandenz den umfangreichen Jahresbericht, der zunächst auf die Tbätigkeit des Verbandes kurz eiugiug und dann die rasche Entwicklung des Vereins beleuchtete. 1896 von 8 Kollegen gegründet, zählt derselbe jetzt 34 Mitglieder. Im letzten Vereinsjahre sind bei dem Schristführer allein 104 Schreiben eiugegangen nnd 97 von demselben erledigt worden. Der Vorstand hielt 3 Sitzungen ab. nämlich am 18. Juli v. I. in Marienwerder, am 11. Oktober v. I. in Danzig und am 16. April d. I. in Graudenz. Zu den 3 Sitzungen war der Vorstand vollzählig erschienen. Zunächst mußten wir daran denken, den Beschluß der Thorner Versammlung (1899), mit dem Verbände westpreußischer Synagogengenieiudeu in Bezug auf die Besserstellung der jüdischen Religionslehrer unserer Provinz in Verbindung zu treten, zur Ausführung zu bringen. Wir konnten uns aber noch nicht dazu entschließen, ein ähnliches Gesuch all den Verbandsausschnß zu richten, weil wir die Zeit dazll nicht für günstig hielten; jedoch mllßteil wir darauf hinarbeiten, auf dem westprenßischen Genieindetage durch einen Delegirten vertreten zu fein. Am 30. Juli v. I. sandten wir ein dlesbezügliches Gesuch an den Verballdsvorsitze»lden. Herrn Gustav Davidsohn-Danzig ab. Dasselbe ist bis jetzt lloch ullbeantwortet geblieben. Da schon mehrere Sitzungen des Verballdsansschusses währenddessen stattgefnndeu haben, so ist die Nichtbeantwortung des Gesuches gleichbedeutend mit einer Ablehnung. — Der Vorstand schlägt daher der Versamnllung vor. dem Gemeiudeverbaude als passives Mitglied mit einem Jahresbeitrag von fünf Mark beizutreteu. Die Versammlung beschließt in diesem Sinne und lvählt den Vorsitzenden, Herrn Geisenberg, zum Vertreter. Am 11. lmd 12. Oktober v. I. fand in Danzig eine Versamnllung des westprenßischen Rabbinerverbandes statt, zu der die drei Vorstandsmitglieder unseres Vereiils eingeladell und auch erschienen waren. Es handelte sich hauptsächlich um die Ausarbeitung eines einheitlichen Lehrplanes für Religionsschulen mit ei n er Lehrkraft in unserer Provinz. Wir arbeiteten kräftig mit und bewirktell mallche Aenderungen in dem Entwürfe. 3. Der Kassellbericht des Rendanten Rynarzewski-Pr. Stargard ergab einen Bestand von 41.07 Mark. Die Einnahmen betrugen an 80,75 Mark, die Ausgaben 39.68 Mark. Nach Prüfung der Kasse durch die Nechnnngskommission wurde dem Reildanten Decharge ertheilt. Im Hinblick auf den schwachen Kassenbestand regte Herr Piski Elbing au: Jedes Vereinsmitglied nlöchte bei seinem Gemeinde Vorstande um Gewährung eines jährlichen Beitrages ersllchen. Der so zu sammelnde Betrag soll zur Disposition unseres Vereinsvorstande: stehen, um demselben zu ermöglichen, in ganz besonders dringenden Fällen über eine Summe verfügen zu können, ohne aus den sehr geringell Kassenbestand zurückgreifen zu müssen. Der Vorsitzende nnd Herr Schreiber-Dailzig traten dem entgegen: Unsere Vereinskasse habe nur die laufenden Verwaltungskosten und die Verbandssteller zn decken; dazu reiche die Kasse vollständig alls. Pekuniäre Unterstützung köllne der Verein überhaupt nicht gewähreil. Dazu sei die Beamten- Hilsskasse iu Danzig vorhanden. Die Versammlung verhielt sich dein Vorschläge gegenüber vollständig ablehnend. 4. Es lvurden nun einige Aenderungen des Vereinsstatuts vor genommen, u. a. wurde der Vorstand, der bisher ans drei Mitgliedern bestand, ans fünf erweitert, und die Herren Schreiber-Danzig und Rapp-Pr. Friedland bis zur nächsten Wahlperiode zngewühlt. 5. Herr Geisenberg-Marieuwerder referirte sodann über die Abänderungsvorschläge des ostpreußischen Vereins betreffend die Pensione- Wittwen- und Waisenkaffe des Verballdes. Redner gab einen Auszug aus der vom Kollegen Peritz-Königsberg verfaßten Broschüre und empfahl der Versammlung, sich mit den Vorschlägen einverstanden zu erklären. Herr Mannheim-Grandenz bewunderte die großartigen Ideen, die darin entwickelt sind und sprach sich ebenfalls für die Vorschläge aus. Nachdem Herr Birnbaum-Königsberg noch einige Aufklärungen gab. wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung beschließt, sich den Abänderungsvorschlägen de- Vereins jüdischer Religionslehrer Ostpreußens, betreffend die Pensions , Wittweu- und Waiseukasse des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche, anzuschließen, und das Kuratorium der Verbandskasse zu ersuchen, diesen Vorschlägen Folge geben zu wollen." Abends 8 Uhr wurde ein von der Synagogengemeinde Dirschau gespendetes Abendessen verabreicht. Der Rest des Abends wurde gcmüthlich im Garten des Schützenhauses (Konzert Schützenfest) verbrach:. 2. V e r s a m m l u n g s t a g. 6. Am 6. Juni, Vormittags 9 Uhr wurden die Berathungen wieder ausgenommen. Die Herren Schreiber-Danzig und Rapp-Pr. Friedlauh referirten über das Verbandsthema: „Soll die systematische Religiomlehre iu der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtgegenständ behandelt werden?" Beide Referenten erklärten sich fm den gesonderten Unterricht. Die Gründe dafür sind: 1. soll d.c Schüler als ein geordnetes, zusammengefaßtes Ganzes überblicke lernen, was ihm sporadisch gelehrt worden, 2. ist die Religionslehre im engeren Sinne nur aus Noth entstanden, weil jetzt nicht mehr mit den Schülern die ganze Thora eingehend dnrchgenommen werden kann, lvie in früheren Zeiten, und 3. könnte bei einer planlose'.',. gelegentlichen Darbietung der Religionslehren so manches, oft sogar das wichtigste, ausgelassen werden. — Während jedoch Herr Schreib i den gesonderten Religionsunterricht nur in der Oberstufe forderte, wünschte Herr Rapp die systematische Religionslehre auch in der Mittelstufe einzuführen. Es entspann sich nun eine rege Debatte, in der sich Herr Rabbiner Dr. Silberstein-Elbing und Kollege Geisenberg der ersteren. die Herren Stnrmann-Osterode und Mannheim- Graudenz der letzteren Ansicht auschlossen. Schließlich wurde folgender Leitsatz ausgestellt und angenommen. „Die Religionslehre ist, abgesehen von den Hinweisen des Lehrers in den vorhergehenden Stufen, in der Oberstufe der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand zn ertheilen, und ist hierfür der vierte Theil der Gesammtstundenzahl zu verwenden." 7. Hieran reihte sich das Referat des Herrn Mannheim-Graudeuj über den Anfangsunterricht im hebräischen Lesen. Referent führte aus, die Gebetsprache sei außer unserer Religion das einzige Band, das uns Juden auf dem ganzen Erdenrunde geblieben ist. Die Gleichgiltigkeit vieler Eltern, die den hebräischen Unterricht als nothwendiges,