Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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852 Die „Berliner Neuesten Nachrichten" bringen in ihrem Abendblatt vom 18. d. M. aus der Feder ihres Petersburger Korrespondenten folgende Mittheilung: „Aus Charbin wird Folgendes über die Entstehungsursache der dort arisgebrocheuen fremdeufeindlichen Bewegung gemeldet. Kürzlich stellten in der Umgegend von Charbin und in der Stadt selbst gegen 20000 Chinesen, die beim Bau der mandschurischen Eisenbahn beschäftigt waren, die Arbeit ein. Den unmittelbaren Anlaß dazu hatte das Gerücht gegeben, die Russen tödteten die Chinesen im Krankenhause in Chardin auf grausame Weise und kochten dann die Leichname, um Fett zu erhalten, das sie zum Schmieren der Lokomotiven benützten. Deshalb seien diese auch so stark. Das unsinnige Gerücht war von einigen Lumpensammlern ausgesprengt worden, die auf dem Hofe des Hauses, wo der russische Arzt Sswenzizki wohnt, in der Müllgrube ein Paar Bärentatzen oder gar nur die Knochen von ihnen gefunden hatten. Die Lumpensammler hielten nun diese Tatzen für Menschenhände, hängten sie an einen Baum und riefen die Nachbarn herbei. Schnell versammelte sich eine vieltausendköpfige Menschenmenge und das grauenvolle Gerücht ging von Mnnd zn Mund. Es herrschte unter der Bevölkerung eine furchtbare Erregung, die mehrere Tage anhielt. Ebenso lange ruhten auch alle Arbeiten. Die russischen Bewohner Charbins waren sehr besorgt. Dr. Sswellzizki, der in seinem Hause zwei junge Bären gehalten und den einen getödtet hatte, dessen Tatzen der Diener des Arztes auf Befehl seilles Herrn in die Müllgrube geworfen hatte, entschloß sich darauf, auch den anderen Bären zu erschießen. dell aufgeregten Chinesen die Bärelltatzen zu zeigen und das unwissende Volk auszuklären. Da legte sich endlich die Erregung etlvas. Ein Theil der Bahnarbeiter llahm die Arbeit wieder auf. Biele verließen aber die Stadt, da sie bei der einmal von ihnen gefaßten Meinung über die Zubereitung des Maschinenöls blieben und ein Opfer des großen Kessels der Europäer zu werdeil fürchteten, worin, wie sie glaubeil, die armen Chinesen 311 Oel gekocht werden. Diese Arbeiter schlossen sich später den Boxern an." Ist das nicht Könitz in China? Freiwild. m [eim zu Anfang des 18. Jahrhunderts im Königreich Polen die Deutschen mit den Polen in Streit geriethe», dann schlugen zur Erzielung eines besseren Einvernehmens beide auf den — Juden. In noch fernerer Vorzeit war es in dem jetzigen deutschen Osten nicht viel anders. Als sich im engeren Raume der wirthschaftliche Wettbewerb zwischen den ansässigen und den zugezogenen Gewerbetreibenden scharf zugespitzt hatte, ivnrde den hieran völlig unbetheiligten Juden die Ausübung der betreffenden Berufsthäiigkeit untersagt. Zu gewissen Zeiten stritten sich ferner die jeweilig Stärkeren um den Besitz des ländlichen Bodens. Die Folge war ein Verbot des Landerwerbs an die Juden. Dann kamen andere Zeiten und die Städte wurden mächtig. In ihnen spielte sich die Machtfrage zwischen deutsch und polnisch und zwischen evangelisch nnd katholisch ab. Da geschah es, daß man den Juden, ohne daß eine Veranlassung hierzu Vorgelegen hätte, den Aufenthalt in den Städten beschränkte, wenn nicht verbot. Die Juden waren Freiwild. Die Geschichtsschreiber belehrten uns dann nochmals, daß nur die werdende Kultur solche Erscheinungen zeitigen konnte. Nur dann, wenn der menschliche Intellekt nicht zur Beurtheilung der sozialen Lage ausreichte, könnten sich solche Vorkommnisse ereignen. Nur unkultivirte Individuen hätten die vis major mißbraucht. Sie allein müßten Prügeljungen haben. In einem Kulturstaate aber wäre nicht Platz für mittelalterliche Anschauungen und sür barbarische Maximen. W» für Alle Gleichberechtigung herrscht, ist Niemand Freiwild mehr. So ist die Theorie, die nicht etwa aus irgend eine», Humanitätsdusel hervorging, so ist sie, die einem Gebot bei Nothwendigkeit folgend, zum Gesetze erhoben wurde. Zur suprema lex sür ein geordnetes Staatswesen, zur zwingenden Nothwendigkeit für den Frieden im Kleinen wie im Großen, der lapidare Satz „vor dem Gesetz ist jeder Deutsche gleich", kann nur dahin interpretirt werden, daß jeder Deutsche von jeden, Deutschen gleichmäßig bewerthet werden muß. Es darf also keinen Prügeljungen mehr geben. In Stolp wurde ein Landsriedensbruchs-Prozeß verhandelt Und Stolp liegt in Pommern, welches, wenn es auch an West- Preußen grenzt, ebenso wie dieses zu Deutschland, einem Kultur staate per excellence gehört. Der Prozeß konnte uns zurück versetzen in die oben geschilderte trübe Zeit mit ihren traurige» Begleiterscheinungen, die eines Kulturstaates unwürdig sind. Es war ganz wie damals: zwei andere stritten sich und die Menge stürzte sich auf die Juden. An diesem Abend waren die Juden Freiwild in Stolp wie sie es vorher in Kvnitz und nachher in Bütoiv waren. Freiwild für die Meute, die sich zusammensetzte aus einer nicht einmal bösartig veranlagten, sondern mn° durch eine wahn ivitzige Agitation erregten Menge, zu welcher natürlich noch „bei Pöbel von Natur" und der Gestnnungspöbel, der alles mitmacht, wv es zu skandatiren giebt, bereitwilligst hinzutrat Aber die Energie in der Bekämpfung so rückfälliger und sv staatsgefährlicher Anschauungen, die in Könitz lange Zeit gefehlt zu habe» scheint, bewirkte in Stolp ein schnelles Ende bei Rowdie-Herrlichkeit. Der Schluß spielte sich im Stolper Schwurgerichtssaale ab, >vo die Opfer antisemitischer Hetzer mit mehr oder minder erhebliche» Strafen belegt wurde». Die Hetze, aber selbst hatten sich in Sicherheit gebracht. Sie können nie getroffen werden — nur ihre Werkzeuge, die in dieser Hinsicht unschuldig leiden. In Stolp wurde die Quittung ausgefertigt für die antisemitische Hetzarbeit. Die Tumultuanten werden begriffen habe» daß die Juden nicht Freiwild sind. Indessen sie werden Nachfolger erhalten, denn noch sind die Tage der Rosen für die — Antisemiten. Schlochau liegt in Westpreußen und demnach auch i» Deutschland. Auch in Schlochau gab es Menschen, die de» Juden für Freiwild erachteten. Dafür legen die dort vorgckommenen Ausschreitungen beredtes Zeugniß ab. Und i» Schlochau sind darum eine ganze Anzahl Klagen anhängig gemacht, von denen zwei bereits zur Verhandlung gelang! sind. Nach dem Bromberger konservativen Organ hatten dies, Prozesse den folgenden Verlauf: Der jüdische Kaufmann Selo ans Prechlau hatte kürzliiü einen der zahlreichen Jungen, die seit Monaten die „Hepp- Hepp-Rufe" ausstießen, angehalte», um seinen Namen feststelle» zu lassen. Dabei hat er den Knaben geschlagen. Das hiesige Schöffengericht verurtheilte ihn deshalb zu 500 Mark Geldstrafe. — Der Shnagogendiener Schnell will am gleichen Tage mit Steinen beworfen worden sein; er schlug dafür mit einer