Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228396--56664-3292985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
350 von den Völkern der Erde verkannten und schnöde gerichteten Mannes geschildert ist, ein Volk, vertraut mit Gebrechen und Wunden, die ihm die Menschen geschlagen. Wo immer Menschell auf dern Erdenrund Leid mrd Weh im Herzen tragen, und wenn jetzt die Völker im Geiste an den Gräbern der Märtyrer der Civilisation die große, allgemeine Familientrauer feiern, so können sie alls uilserer geschichtlichen Vergangenheit, aus der eilten Geschichte Israels, dieses leiderfahrenen Hiob unter den Völkern der Erde, Lehre und Beispiel nehmen. Der stärkste Verbündete des Feindes von außen, der Jerusalenr belagerte, war die Uneinigkeit und der Streit von Junen, der Hader und der Zwiespalt der Parteien im Lande. Als aber der traurige Zusammenbruch erfolgte, da waren die gemeinsamen schlveren Leiden der Kitt, der die nach allen Weltgegenderr Versprengten fest zusammenhielt. Ich bin kein Prophet, auch nicht der Sohn eines Propheten, aber wer den Gang des Lebens mit offenem Allge betrachtet, der kam: bei den Menschen schon seine Wunder sehen. Es kommt llicht selten vor, daß beim Tode eines geliebten Familiengliedes die Hinterbliebenen, kaum daß sie von der Bestattung des Tvdten Zurückgekehrt sind, wegen der Erbschaft in hellem Streit miteinander geratheu. In unserem gegenwärtigen, nur zu schweren Fall der allgemeinen Völkertrauer wäre von Herzen zu wünschen, daß unsere Zukunftsdeutnng aus dem Gleichniß von den Hinterbliebenen des geliebten Familiengliedes sich nicht erfüllen möchte. Doch die so oft gemachten politischen Erfahrungen erwecken Befürchtungen. Wenn die Mächte von der schweren Trauer sich werden erholt haben, und der Sühnefeldzug, den sie zur Bestrafung der himmelschreienden Verbrechen gemeinsam unternehmen, wie wir hoffen, glücklich wird 31t Ende geführt sein, dann werden vielleicht die nationalen Interessen und Eitelkeiten mit heißeni Eifer wieder entbrennen, und die Mächte würden dann in ihrer leidenschaftlichen Eifersucht ein höchst unerquickliches Schauspiel darbieten, in welchem die verklärende, menschenverbrüdernde Weihe d^r Trauer sich in einen bösen Erbschaftsstreit verwandeln könnte. Wenn aber die Völker, wie sie jetzt so eiumüthig im Geiste an ben Gräbern der Gefallenen trauern, auch in den wahrhaft, civilisatorischen Bestrebungen, frei von jedem beengenden Geiste der religiösen und nationalen Unduldsamkeit und Ausschließung, einhellig zusammenstehen, dann erst wird aus der tiefen Welttrauer der allgemeine Segen friedlichen und freundlichen Schaffens unter den Menschen erblühen. ->#<- Are Woche Berlin, 24 Juli. it fahrplanmäßiger Zuverlässigkeit ist die Nachricht glücklich eiilgetroffen, daß die Juden auch an den chinesischen Wirren die Schuld tragen. Die tiefe Entrüstung der deutschen Presse über die Greuelthat in China ist nach der Meinung der „Neuen bayrischen Landeszeitung" (15. Juli) nur ein Werk — der Juden. „Weil einige jüdische Händler von den Chinesen ausgehauen und geschächtet worden sind, erheben einige Jndenblätter ein furchtbares Geserres und Gekreische." Daß der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteler ein „jüdischer Händler" war, ist wohl nur ein Ausfluß der antisemitischen Phantasie des Herrn Memminger. Der Haß gegen die Juden ist bei diesem Herrn stärker als der Schmerz über die Frevelthat der Chinesen. * Cui bono? Unter dieser Ueberschrift geht der „V. Ztg." von „geschützter Seite" folgende sehr beachtenswerthe Mittheilung zu: „Wer nicht nach Gut und Böse fragt (und in der Politik unterbleibt solch Fragen recht häufig), der pflegt wenigstens zu fragen, was denn der Gegner zu diesem Thun, zu jenem Unterlassen sagen werde. Aber auch das geschieht nicht, geschieht jedensalls nicht in der rechten Weise seitens der „Rassenantisemiten". Seit geraumer Zeit erhalte ich aus unbedingt zuverlässiger Quelle Knude von den geradezu verheerenden Nachtheilen, welche durch die aus Anlaß des Könitz er Mordes in Westpreußen in Szene gesetzte Judenhetze dem dortigen Deutschthum zugefügt werden. Wie vielfach in Böhmen, theilweise in der Provinz Posen, so sind auch in Westpreußen die Juden Träger und Erhalter der deutschen Sprache und Kultur gegenüber den Polen. Jetzt werden nicht nur in Könitz, sondern auch in anderen Orten Westpreußens innner mehr Juden wegzuziehen genöthigt, und ein Haus nach dem anderen, eilt Grundstück nach denl anderen geht in polnische Hände über. Und da reden die Rassenantisemiten von deutschnationaler Gesinnung, die ihnen in besonderer Weise eigen sei! Im Begriff, ans diese Thatsache öffentlich hinzuweisen, erhalte ich von einem hohen Beamten Westpreußens eine dasselbe sagende Zuschrift. Der Verfasser klagt zuerst darüber, „daß die den gebildeten Ständen angehörenden Herren in Könitz, meist Männer von akademischer Bildung, es für recht hielten, als freiwillige und recht lästige Untersuchungskonnnissare in der Mordsache zu fungiren und antisemitische Erregung unter das Volk zu tragen." Dann fährt er fort: „Das Kapitel Könitz ist ein überaus bedauerliches. Die durch die antisemitischen Unruhen verursachten Schädigungen sind ganz bedeutende. Außer den jetzt schon fühlbaren wirthschastlichen und materiellen Nachtheilen wird man binnen kurzem auch Schaden in nationaler Hinsicht konstatiren tonnen. An Stelle der Juden, die in den letzten Jahren zu ben Deutschen in der zweisprachigen Provinz gehalten haben, weiden fast ausschließlich Polen treten." Wenn die Antisemiten sortfahren werden zu rufen „der Jude wird verbrannt", so wird man wenigstens wissen, was man von ihrer deutschen Gesinnung zu Hallen hat." In der antisemitischen Partei zeigt sich wieder einmal die allsgesprochenste Anarchie. Der frühere Abgeordnete Zimmermann, der gehofft hatte, das Reichstagsmandat Vielhabens im Wahlkreise Rinteln -Hofgeismar übernehmen zu köllnen, und Liebermann v. Sonnenberg, der dies mit Erfolg verhindert hat, bekämpfen sich offen urld versteckt in den ihnen zur Verfügung stehenden Organen, der „Deutsch. Wacht" und den „Deutsch-sozialen Blättern". Der Führer der schleswigholsteiliischen Antisenliten, Graf Reventlow - Wulfshagen, holl steinischer Großgrundbesitzer und hervorragendes Mitglied des Bundes der Landwirthe, fetzt sich andererseits durch einen Vor, schlag in der „Deutschen Volksstimme" in schneidenden Gegensatz zu den Grundlagen des antisemitisch - bündlerischeu Programms. Er empfiehlt nämlich die Orgallisation der Landarbeiter. Bisher hat die gesammte konservative, antisemitische und büildlerische Presse den Vorschlag des holsteinischen Grafen todtgeschwiegen. £ Der bekannte Prager Professor Masaryk, der durch sein ivissenschaftlich-objektives und wahrheitsgemäßes Gutachten in der „P0lnaer Affäre" sich den Haß seiner fanatisirten Landsleute zugezogen hatte, hielt neulich in einem tschechischen Städtchen einen Vortrag „Ueber die Schule und ihre Bedeutung für das Volk". An dieser, Vortrag knüpfte sich eine