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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-27 · Heft 30 (27.7.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 27. Juli 1900. 64. Jahrgang. Ar. 30. eitung öes Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 50*. Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SVV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel t Welttrauer. — Die Woche. — Freiwild. — camuel David Luzzattv. Von Emanuel Baumgarten. — Protokoll der vierten Jahresversammlung des Vereins indischer Religionslehrer Westl'reußens zu Dirschau. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. EHotzner. - 9in jüdischer Dichter des 18. Jahrhunderts. Von Prof. Dr. Daniel zacvby. — Urbilder moderner Frauencharaktere im alten Testament. VI. Pon Gertrud Gräfin Bülow von Dennewitz. — Feuilleton: Bethulah. IV. Von I. Zangwill. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Der Geureindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Könitz, Köslin, Hamburg, Elberfeld, Emden, Weilburg a. d. L., '.'.»tünchen, Würzburg, Wien, Jerusalem. — Bon Nah und Fern. Wrlttrauer. Berlin, 24. Juli. /fcgjpin tiefer Trauerflor ist gegenwärtig über die Völker der Erde gebreitet. Alle zivilisirten Rationell der Welt sind Leidtragende. Wer hätte noch vor wenigen Monaten geahnt, daß ein so grauenvolles Ereigniß eintreten könnte, das eine ganze Welt gleichsam aus den Fugen heben würde. Aller Rügen sind nach dem verhängnißvollen Lailde gerichtet, dessen bloßer Narne uns wegen der haarsträubenden Verbrechen den tiefsten Abscheu und einen Sturm von Zorn im Herzen erregt, nach jenem Lande, dessen Volk heimtückischen, blutigen Verrath geübt an der Menschheit, an der Menschlichkeit, am Völkerrecht. Sie haben dort die Gesandten, die Vertreter der Mächte, nebst allen Angehörigen derselben, die Räthe, die Dolmetscher, Frauen und Kinder, alle Fremden, die als Handwerker und Kaufleute ihrem Berufe friedlich nachgingen, nach harter, verzweifelter Gegenwehr überwältigt und grauenhaft ermordet. Es sträubt sich die Feder, all die Greuel zu schildern, und die Hand versagt den Dienst, all das Entsetzen und die Verzweiflung mit Worten darzustellen, welche die nach heldenmütigstem Kampfe endlich Erschöpften und Wehrlosen unter den Todesstreichen der entmenschten Chinesen empfanden. Bei dem jetzigen Stande des diplomatischen Weltverkehrs hätte man solch grauenhaften Frevel am Völkerrecht nicht für möglich halten sollen. Und doch ist es bittere Wahrheit und greifbare Wirklichkeit: Ströme Blutes der Unseren sind in jenem Lailde der Barbaren geflossen; und wie der Tod keinen Unterschied macht zwischen Alt und Jung, Groß und Allein, Vornehm und Gering, so haben die Chinesen mit beispiellos kaltem Herzen Greise und Schwache, wehrlose Frauen und unschuldige Kinder erbarmungslos niedergemetzelt. Nicht }\\ vergleichen mit dem Kriegsfall in Süd-Afrika, sind diese schauerlichen Vorgänge in China die frechste Verhöhnung der vor Jahresfrist mit so großem Pomp in Scene gesetzten humanen Bestrebungen des im Haag stattgehabten Weltfriedenlongresses, bei dem China selbst durch einen Gesandten vertreten war. Es sind die wildesten Ausbrüche der Volkswuth, nne sie im geschichtlichen Verlauf der Jahrtausende nur selten mit so verheerender Gewalt anftraten, lind höchstens nur von ben Riedermetzelungen der Juden im Mittelalter übertroffen werden. Es ist dies aber auch der seltene Fall in der Geschichte der Menschheit, daß alle zivilisirten Völker insgesammt von einer so erschütternden Katastrophe meuchlerischen Ueberfalls untergleichzeitiger frechster Beschimpfung ihrer Ehre betroffen worden sind. Sie stehen jetzt allesanunt gesenkten Hauptes vor einem Massengrabe, den Tod der Lieben beklagend. Ulld dieses ist noch lange nicht geschloffen. Es füllt sich täglich mit neuen Opfern an Heldenjünglingen, die bitteren Muthes in den Kampf gezogen gegen einen entmenschten Feind, um die Bedrängten zu retten und die blutigen Schatten der Riedergemetzelten zn rächen. Auf diesem Massengrabe pflanzen jetzt alle Völker der Erde ihre Trauerfahnen auf, die, in alle Winde flatternd, die Rächer des vergossenen Blutes von allen Seiten herbeiwinken, und zahllose Klagen hört man zum Vergelter jeglichen Frevels, „der Männer des Blutes und der Hinterlist verabscheut." Keine Macht und keine Kunst auf Erden vermag die Menschen so zn verbrüdern als der Tod. Scheinbar zerstörend, baut er doch wieder auf, und was er dem Leben raubt, giebt er ihm Zehnfach blühend zurück. Alle unterscheidenden Merkmale, alle Nationalfarben und Abzeichen, alle Nangnnterschiede, Sprachen, Grenzen und geschichtlichen Privilegien verwehen vor seinem mächtigen Hauche. Er ist der Gleichmacher und Friedensstifter wie kein Zweiter auf Erden. In China ruhen Angehörige aller Rationen, vom gleichen Verhäugniß zusammengeführt, gemeinsam in fremder Erde gebettet. Alle Volker reichen sich auf den Gräbern die Hände zum Bruderbünde. Angesichts dieser Völkertreue steigen in unserer Erinnerung all die Schreckbilder aus der Geschichte des Judenthums herauf, besonders diejenigen, welche, weil sie vor vielen Jahrhunderten um diese Zeit sich ereigneten, derselben den Stempel der „Trauerwochen" ausgeprägt. Kein Bolk der alten und der neuen Zeit kann sich rühmen, heroischer und todesmuthiger für seine Freiheit und seine Heiligthümer gekämpft und gelitten zu haben als das kleine Volk der Juden; ja, es ist nichts zu vergleichen mit dem blutigen Drama dieses Volkes auf der Bühne der Völkergeschichte, nichts zu vergleichen mit der Jahrtausende lang währenden Ausdauer in Roth und Elend, im Bewußtsein seiner uralten Berufung: „allen Geschlechtern der Erde zum Segen zu werden". Es ist ein Volk, das so meisterhaft im 53. Kapitel des Propheten Jesaia unter dem Bilde eines unendlich leidenden,

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