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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-20 · Heft 29 (20.7.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 letzterer Stadt steht auch die Synagoge unter Wasser. — Der Minister für Kultus und Unterricht hat den Oberbaurath der niederösterreichischen Statthalterei, Siegmund Trussig, zum Mitglied der Staatsprüfungs-Kommission an der technischen Hochschule ernannt. — Dem Hauptkassirer des Hauses Rothschild, Herrn EmilFördes, wurde der Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. B. Budapest, 12. Juli. In der Affäre, welche seit November v. I. zwischen dem Preßburger Rabbiner Dr. S. Funk und der Direktion der dortigen Handelsakademie obschwebt, ist durch eine Entscheidung des Kultusministeriums eine bemerkenswerthe Wendung eingetreten. Das Ansuchen des Direktors Jonäs, der in seiner Anstalt antisemitische Hetzereien betrieb und den Rabbiner Dr. S. Funk wegen seines niannhaften Auftretens gegen dieselben boykottirte, den Schülern, die das ganze Jahr keinen Religionsunterricht erhielten, die vorjährigen Klassifikationen in die Zeugnisse einstellen zu können, wurde in einem scharf gehaltenen Erlasse abschlägig beschieden. Der Direktor wird für den „unerhörten Zustand" verantwortlich gemacht und unter Androhung der Anwendung des Gesetzes aufgefordert, sofort Abhilfe zu schaffen. So mußte die Rehabilitirnng und Wiedereinsetzung des Rabbiners Dr. Funk als Neligionslehrer erfolgen. Das Siebener- Komitee der Handelskammer wird, wie verlautet, den Direktor seiner Stelle als Leiter der Anstalt entheben. — Eine interessante Denkschrift, welche dem Andenken Kaufmanns gewidmet ist, ist soeben erschienen. Sie enthält die Eröffnungsrede und die Vorträge, welche gelegentlich einer vom theologischen Verein der Rabbinerschule veranstalteten Denkfeier gehalten wurden. Großbritannien. — London, 12 Juli. Am 8. d. M. ist hier der in weiten Kreisen bekannte Kaufmann Jakob Feis, der aus Deutschland stammte, gestorben. Karl Blind schreibt über ihn: Durch den tragisch plötzlichen Tod von Jakob Feis — am Vorabend seiner beabsichtigten Abreise nach dem Schwarzwald, wo er von einen: zunehmenden nervösen Leiden sich zu erholen hoffte — hat die deutsche Ansiedelung in London ein hochgeachtetes und begabtes Mitglied verloren. Ein wohlhabender Fabrikant, dem gute Muße zu Gebote stand, nahm er ausgedehntes und kenntnißvolles Interesse an der Litteratur, zumal an dem Schriftthume Englands, wo er seit vielen Jahren lebte und Bürger geworden war. Ein englisches Werk, das er 1884 veröffentlichte: „Shakespeare und Montaigne", zeugt von ausgedehnter Forschung in Bezug aus „Hamlet". Später gab er eindrucksvolle deutsche Uebersetzuugen aus Tennysons Gedichten und in neuerer Zeit eine Reihe Uebertragungen aus Ruskins Werken, dessen begeisterter Bewunderer er war, und dessen Ansichten und Schreibart er dadurch der deutschen Lesewelt zugänglicher machte. Von edelsinniger Anlage, verfehlte er nie, wen:: darum allgegangen, freigebig zur Linderung von Roth beizutragen. Ein zahlreicher Freundeskreis, der sein uild seiner Gemahlin heiteres und freundliches Wesen zu schätzen gelernt hatte, empfindet die tiefste Theilnahme für eine so plötzlich und so traurig von dem Verluste betroffene Familie. Nnßland. L. T. Odessa, 14. Juli. In Simseropol wohnte längere Zeit ein gewisser I. Mordochowitsch aus Kertsch; seinem Handwerke nach — ein Buchbinder. 1885 trat er in den Militärdienst und diente im 49. Brester Infanterieregiment, welches in Sebastopol garnisonirte. Von Natur krank und schwächlich, wurde M. statt seines Bruders, der flüchtete, ins Militär gesteckt. Nach Beendigung seines Dienstes zog M. nach Simseropol, heirathete und führte ein trauriges Dasein, da er um das tägliche Brod 311 kämpfen hatte. Da war es vor drei Jahren, daß M. unerwartet die Mittheilung erhielt, daß er mit eillem Male der einzige Besitzer eines ungeheuren Vermögens geworden sei. Sein leiblicher Bruder, der gleichfalls vor zwanzig Jahren aus Kertsch als armer Handwerker abgegangen, war nämlich nach langem Wandern und auf der Suche nach dem Glücke nach Amerika verschlagen worden. Auf welche Art und Weise Fortuna den Bruder über den Ozean begünstigte, ist bis jetzt unaufgeklärt, aber der Amerikaner, der vor drei Jahren unverheirathet gestorben ist, ließ ein Vermögen zurück, welches auf vier Millionen Rubel geschätzt wird, wobei nach seinem Testamente der leibliche Bruder — der Simferöpoler Buchbinder I. Mordochowitsch zum einzigen Erben eingesetzt wurde. Alle von den Gesetzen der Vereinigten Staaten geforderten Formalitäten wurden erfüllt und der Empfang der Erbschaft wurde von Tag zu Tag von M. erwartet. Mitte Mai d. I. befand sich sich aber der „glückliche Erbe" im letzten Stadium der Schwindsucht, und da er den Tod herannahen sühlte, machte der 36 jährige I. Mordochowitsch ein Testament, wonach er von dem Vermögen, dessen faktischer Besitzer er während seines Lebens nicht war, seinen armen Glaubensgenossen in der StadtSimferopol 509000 Rubel vernrachte; eine gleiche Summe seiner Frau (Kinder hatte er nicht); das übrige Geld vertheilte er unter seinem Verwandten, ebenfalls solche Armen, wie er Zeit seines Lebens war. I. Mordochowitsch starb Ende voriger Woche; es war keine Kopeke im Hause, um ihn zu bestatten, aber ein großartiges Leichenbegängniß wurde ihm auf Gemeindekosteu veranstaltet. Die irdischen Ueberreste des „armen Millionärs" begleitete eine tausendköpfige Menge zur letzten Ruhestätte. Von Nah und Fern. — Znm stellvertretenden Vorsitzenden des Ehrengerichts der Aerztekammer Berlin-Brandenburg ist Sanitätsrath Dr. Wiesen thal gewählt worden. — Anläßlich der Einweihung des Neubaues des ersten chemischen Instituts der Universität hat der außerordentliche Professor und Abtheilungsvorsteher Dr. Siegmund Gabriel den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Am 11. d. M. ist hier nach kurzem, schweren Leiden der praktische Arzt Dr. Hermann Abraham im 42. Lebensjahre gestorben. — Eine polizeiliche Haussuchung wurde am 14. d. M. in der Redaktion der „Staatsb.-Ztg." abgehalten. Es handelte sich um Beschlagnahme voll Zeitungen und sänimtlicher Manuskripte und Briefe in der K 0 n i tz e r M 0 r d a n g e l e g e ll h e i t. Die Ausbeute soll nach Mittheilung des Blattes nicht groß gewesen sein. — Auch gegen die „Germania" ist, wie die „Post" meldet, Strafantrag wegen zweier Artikel über beit Konitzer Mord seitens des Oberstaatsanwalts Wulff in Marienwerder gestellt worden. — In Preußisch-Friedland fanden Ausschreitungen gegen die Juden statt. Der Pöbel zertrümmerte in jüdischeil Wohllnngen die Fensterscheiben. Gendarmerie mußte requirirt werden. — In Goech feierte am 8. d. M. das Ehepaar Jakob itnb Julie Spanier im Kreise ihrer Kinder und Enkel das Fest der diamantenen Hochzeit. Die ganze Stadt betheiligte sich all dem schöllen Feste und all der Feier in der Synagoge, wo Lehrer Pappenheimer eine herzliche Ansprache an das rüstige und allgemein beliebte Paar hielt. — In München wurde an Stelle des verstorbenen Kommerzienrath Reichenberger der Bankier Simon Lebrecht zum Magistratsrath gewählt. — Der Pariser „Matin" klagt die bekanntlich leidenschaftlich nationalistisch-antisenlitischen Pariser Börsenmakler an, Kaufaufträge systematisch unausgeführt zu lassen, um dadurch die Preisstürze an der Börse zur Panik zu verschlimmern. — Der bekannte Antisemitensührer Max Regis ist mit feilten Freunden und Gesinnungsgenossen Je and e und Gobillon, als er aus Barceloila auf den: Grellzbahllhofe Cerböre bei Perpigllan eintraf, von dem Spezialkomlnissar Orsini festgenommen worden. Diese Verhaftung erfolgte, weil Rögis in Algier wegen Todtschlages in contumaciam verurtheilt worden ist. Die drei Alltisemiten wurden vorläufig in das Gefängniß C^ret gebracht, um später nach Draguiglian übergeführt zu werden, wo sie sich vor dem Schwurgerichte zu verantworten haben werden. — Der Daily Mail wird aus Tanger telegraphirt: Hier traf ein Expreßbote ein mit der Nachricht, daß in Fez große Aufregung herrscht. Der Pöbel griff das Ghetto an und verbrannte einen amerikanischen Staatsbürger Marcos Essagin. welcher eine französische Firma vertritt. Der britische Konsul bat die Behörden um Schutz für seine Wohnung. Die britische Gesandtschaft in Tanger machte dem Minister des Aeußern Masanide al Tores ernste Vorstellungell. — In Brüssel ist am 14. d. M. Dr. Leollhard Auerbach, der eine Zeit lang als Nachfolger seines Vaters Baruch Auerbach Direktor des nach diesem benallnten Berliner Waisenhauses war, im 62. Lebensjahre gestorben. — Die Judell von Konsta n tin opel haben an den Sultan eine Dank- und Ergebenheitsadresse gerichtet, in welcher der Beschluß mitgetheilt wird, aus Dankbarkeit gegen das türkische Volk, welches nie die Juden verfolgt hat, nunmehr die spaniolische Sprache aufzugebeu und fortan nur türkisch zu sprechen. In einer unter dem Vorsitz des Chacham Baschi stattgehabten Sitzung wurde dann beschlossen, die türkische Sprache in den jüdischen Schulen einzuführen, damit die Heranwachsende Generation schon von Jugeild auf die Landessprache zu reden sich gewöhnt. — Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Vtzrantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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