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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-20 · Heft 29 (20.7.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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64. Jahrgang, ttr. 29. Der Gemeindebote. LerUn, 20. Juli 1900. Weitage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. ££2 Berlin, 17. Juli. Eine Trauerkunde, die in ganz Deutschland tiefen Eindruck machen wird, ist die von dem Hinscheiden des Geheimen Sanitätsrath Dr. Samuel Kristeller, der nach langen Leiden am 15. d. M. im vollendeten 80. Lebensjahre hier gestorben ist. Der wissenschaftlichen und gemeinnützigenThätigkeit des Heimgegangenen ist in diesem Blatte wiederholt, zuletzt noch anläßlich seines 80. Geburtstages, ehrend gedacht worden. Aber wir werden selbstverständlich noch einmal in ausführlicher Darstellung daraus znrückkommen. Darum für heute nur wenige Notizen über seinen Lebenslauf. Samuel Kristeller wurde 1820 zu Xions in der Provinz Posen geboren und erhielt seine Schulbildung auf dem Gymnasium zu Glogau. Seine medizinischen Studien machte er von 1839 an in Berlin. 1843 promovirte er hier mit einer unter Mitscherlichs Leitung gefertigten Arbeit über die Wirkung des Brechweinsteins, insbesondere nach Thierversuchen, zum Doktor. Nachdem er im Jahre darauf die ärztliche Staats- Prüfung abgelegt shatte, kehrte er in seine Heimathprovinz Posen zurück und ließ sich in Gnesen als praktischer Arzt nieder. 1850 wurde ihm das Physikat des Kreises Gnesen übertragen. Einige Zeit später siedelte Kristeller nach Berlin über. Zuerst betrieb er hier die allgemeine Praxis. Dann bevorzugte er die Thätigkeit als Frauenarzt und begründete hier eine private Heilanstalt für Frauenkrankheiten. 1860 habilitirte er sich als Privatdozent für Frauenheilkunde an der Universität. Zweimal war Kristeller auftragsweise mit der Leitung der Abtheilung für Frauenkrankheiten im Charitee-Krankenhause betraut. Während der Kriege von 1866 uud 1870/71 wirkte Kristeller als leitender Arzt an Berliner Militärlazarethen. 1867 wurde er durch den Sanitätsrathstitel ausgezeichnet. Seit 1873 war er Geheimer Sanitätsrath. Von besonderer Bedeutung war seine Thätigkeit als Vorsitzender des „Deutsch'Jsraelitischen Gemeindebundes", nachdem die Bundesleitung von Leipzig nach Berlin übersiedelte. Was er in dieser Eigenschaft länger als ein Jahrzehnt geleistet, wird noch im Einzelnen zu schildern sein. Außerdem hat Kristeller um die Verbreitung der ethischen Ideen des Judenthums und um die Kenntniß der mittelalterlichen hebräischen Poesie sich in hohem Grade verdient gemacht. Seine Bearbeitung der „Sprüche der Väter" und seine poetischen Uebersetzungen gehören zu den besten, die wir besitzen. Als Mensch war Kristeller, seinen ethischen Anschauungen entsprechend, edel, hilfreich und gut. Alle, die ihn kannten, werden seinen milden, abgeklärten Geist, sein reines und gutes Herz, sein warmes Empfinden für alles Große und Schöne, seine innige Liebe zum Judenthum rühmend anerkennen. Die Achtung und Verehrung, die der Heimgegangene in weiten Kreisen genossen, fand ihren beredten Ausdruck in der Trauerfeier, die heute Nachmittag im Hause, Sigismundstraße 5, stattfand. Zu derselben erschienen in Vertretung der Stadt, der der Verstorbene als Bnrgerdeputirter in der Armendirektion und in der Jrrenpflege Jahre hindurch treu gedient, der Stadtrath Straßmann, Stadtverordnete Jakobi und Sanitätsrath Dr. Neumann, in Vertretung des Dentsch-Jsraelitischen-Gemeinde- Bundes Dr. Georg Minden und der Vorsitzende des geschäftssührenden Ausschusses, Professor Dr. M. Philippsou, der in tiefempfundenen Worten der Verdienste des Heimgegangenen um den Deutsch - Israelitischen - Gemeinde - Bund gedachte. Für die Aerztekammer überbrachte der Vorsitzende der Kammer, der Geheime Sanitätsrath Dr. Becher, ein Palmenarrangement. Den Kranz des Vereins für Feuerbestattung überreichte Direktor Pauli. Nach einleitendem Gesäuge nahmen auch die Vertreter der anderen vom Verstorbenen geförderten Bestrebungen das Wort zu ehrenden Nachrufen. Mit Samuel Kristeller ist wieder einer der besten von jener alten Garde dahingegangen, der sich trotz aller Versuchungen nicht ergab und seinem Glauben unwandelbar treu geblieben ist. Möge sein Vorbild und Beispiel belebend und erweckend aus unsere Jugend wirken und sie vor feiger Fahnenflucht bewahren! Das Andenken des edlen Mannes wird fortleben in der Geschichte der deutschen Juden! Have pia anima! S. Berlin, 17. Juli. In Ruhleben bei Spandau traf gestern eine große Zahl rumänischer Juden ein. welche, in ihrer Existenz bedroht, vom Gesetze verfolgt und von Noth und Elend in ihrem ungastlichen Vaterlande heimgesucht, zum Wanderstabe gegriffen haben, uni in der Fremde eine Zuflucht zu suchen. Unter ihnen befanden sich 150 Männer, zum Theil prachtvolle, kernige Gestalten, welche in der Leibgarde ihren Militärdienst absolvirt haben; meist waren es Handwerker, doch zählten auch einige Studenten zu ihnen. Es muß geradezu als unerfindlich bezeichnet werden. daß die rumänische Negierung ein so prächtiges Meuschenmaterial aus dem Lande ziehen läßt. Die Durchfahrt der Auswanderer war von der Breslauer Gemeinde der hiesigen Gemeindeverwaltung telephonisch mit der Bitte gemeldet worden, für die Speisung der Gruppe Sorge zu tragen, wie es auch in Breslau geschehen war. Der Bitte wurde sowohl seitens der hiesigen Armenkommission wie auch einiger Privater in bereitwilligster Weise und in reichlichem Maße entsprochen. Als bemerkenswerth muß bezeichnet werden, daß die Zuwendung eilies namhafteren Geldbetrages, welcher durch eine Deputation des hiesigen Akademischen Vereins jüdischer Studenten angeboten wurde, abgelehnt wurde; sämmtliche Theilnehmer der Gruppe tvaren mit Eisenbahnbillets nach Hamburg und mit Schiffskarten von dort nach - Kanada versehen. Der Durchzug der Auswanderer, welchen bald andere in vermehrter Anzahl folgen dürften, legt die dringende Verpflichtung auf, auch hier, wie es jetzt u. a. in Frankfurt a. M. erfolgt ist, baldthunlichst ein privates Komitee zur Unterstützung dieser Unglücklichen zusammenzubringen, da die Durchführung der nothwendigen Maßnahmen lediglich innerhalb des Rahmens der hiesigen Verwaltungs- Komulission für die durchreisenden Juden ausgeschlossen ist. 22 Berlin, 16. Juli. Am 10. d. M. feierte der Rentier S. M. Rosenow hier seinen 80. Geburtstag. Die Gemeindebehörden seiner Heimathstadt Strasburg in Westpreußen ehrten den Jubilar, welcher schon zuvor zum Stadtältesten ernannt war, durch Ertheilung des Ehrenbürgerrechtes. Mit der Ueberreichung des kunstvoll ausgesührten Ehreilbürgerbriefes an den geistig und körperlich besonders frischen alten Herrn hatte der Magistrat zu Strasbllrg den Stadtverordneten Rosenow zu Berlin betraut, welcher ein Neffe des Jubilars ist. Der Jubilar hat der Gemeinde Strasburg 40 Jahre lang als Stadtverordneter und Magistratsmitglied im Ehrenamte gedient. Nebenbei war er viele Jahrzehnte Vorsteher der jüdischen Gemeinde, welche ihrerseits Herrn Rosenom zu ihrem Ehreumitgliede ernannt hat. i. Berlin, 15. Juli. In der letzten Sitzung des Vereins eheulaliger Schüler der Knabenschule der jüdischen Gemeinden hielt Herr W. Tasch, dritter Vorsitzender des Vereins, einen Vortrag über „Eine Reise nach Paris", welcher von der stark besuchten Versammlung sehr beifällig aufgenommen wurde. Der Verein, welcher im Juli und August seine Sitzungen ausgesetzt, wird in den ersten Tagen des Anglist einen größeren Ausflug mit Familien arrangiren. S. Berlin, 17. Juli. Der alljährlich in Arninls Hotel (Hotel Imperial) an den Hauptsesttagen stattfiudende Gottesdienst wird in diesen! Jahre nicht abgehalten werden können, da nothwendige bauliche Veränderungen bis zu diesem Termin nicht beendet sind. Die Gemeindeverwaltrnlg benlüht sich zwar, einen Ersatzraum zu schaffen, doch scheint leider wenig Aussicht vorhanden, in dieser Gegend ein zweckentsprechendes Lokal zu finden. — Der Kastellan der NeuenSynag oge, HerrL i t ta u er. feiert heute seinen 84. Geburtstag. Der Beamte, welcher körperlich und geistig noch sehr rege ist, ist seit Erbauung der Neuen Synagoge im Jahre 1866 im Dienst. Möge ihm noch ein langer, ungetrübter Lebensabend beschieden fein! y. Graitderrz, 15. Juli. Eine tiefschmerzliche Trauerkunde, die in weiteil Kreisen innige Antheilnahme Hervorrufen wird, dringt heute

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