Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- Seite 348 (sequence 14)
- Language
- German
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348 Geberde der Hände. Uns erscheint das Bild, von dem wir hiermit Abschied nehmen, äußerst stimmungsvoll und erhebend. Möchten auch andere Maler die doch zum Theil in Tracht und Szenerie lokal begrenzten Motive Professor Oppenheims durch ähnlich zum Herzen gehende Bilder ergänzen. Der seelische Reichthum des jüdischen Familienlebens au geeigneten Motiven ist für den denkenden Künstler mit beu Oppenheim'schen Bildern, so vorzüglich sie sind, noch lange nicht erschöpst. — Manche Künstler finb nicht so zartfühlend wie unser oben genannter schwedischer Glaubensgenosse. Sie spekuliren einfach auf die Neigungen des kaufenden Publikums und bringen ein einmal mit Glück gemaltes Modell in zahllosen Wiederholungen. Es thut uns trotz alledem leid, daß die Hängekommission der Ausstellung Nathanael Sichelt „vornehme Orientalin" (voriges Mal hieß sie „Shhlock's Tochter").so gänzlich Lodt gehängt hat. (Saal 24 a.) Der der Wiener Kunstgenossenschaft reservirte Saal 21 enthält ebenso wie die drei für die Münchener Luitpoldsgruppe bestimmten Säle viel des Interessanten und Sehenswerthen. Ein wie es scheint hierher gehöriger Münchener Künstler, Alfred Schwarzschild, ist besonders erwähnenswerth. Seine „Kiudergruppe im Freien" ist etwas manierirt in der Richtung der „Arme Leut' Malerei"; seine „Knabenakte" (Saal4) zeigen hervorragend auffallendes Talent. Eines anderen Müncheners, Simon Glücklich, „Kinderreigen" hat in dem illustrirten Katalog Aufnahme gefunden. Der ebenfalls zur Zeit in München wohnende treffliche polnische Künstler Kowalski-Wierusz bietet uns in seinem „Auswanderer" (Saal 30) ein Bild voll Frische und bei aller tiefen Traurigkeit des Motivs zu Herzen gehenden Humors, das — mögen einzelne Typen, wie der alte Fuhrmann, nunJuden sein oder nicht — hier Erwähnung verdient. Denn wem, der das Wort „Auswanderer" (hier gehören sie sicher dem slavischen Osten an) hört, fallen dabei nicht auch unsere Glaubensgenossen aus dem Osten ein? Noch vom Staube der heimathlichen Landstraße umweht, träumen sie ein Glück in der Ferne. Möge ihnen Allen, wenn sie auf klapprigen Holzwagen ihre Paar ärmlichen Armseligkeiten fortschaffen, ein solcher Humor beschieden sein wie den Auswanderern auf dem Kowalski'schen Bilde. Unter den Bildwerken des diesjährigen Salons findet sich ein tragisches Pendant, Eberleins hervorragendes Werk „An den Wassern Babylons saßen sie und weinten," Doch hierüber ein anderes Mal. — Und während er auf seinem Lager liegt, Sich wirst und wälzt mit wachen Sinnen, Manch' bunt bewegtes Bild vorüberfliegt Und trägt den regen Geist von hinnen. Er denkt des Heimathlandes, kaum verlassen, Wo Judas Söhne man gedrückt, geächtet. In blinder Wuth, mit roh sanat'schem Hassen Gekränkt, verfolgt, gepeinigt und geknechtet. Wo festgewurzelt seit der Väter Zeit Sie redlich rangen mit des Daseins Noth, Dort aus rumän'schem Boden, wo in Leid Sie aßen und in Pein ihr täglich Brod. Doch jetzt, da Drangsal sich und Qualen häufen. Da unerträglich drückt Verfolgers Hand, Verzweifelt sie zum Wanderstabe greisen. Zu scheiden aus dem gottverlass'nen Land. Der Greis hat sich mit ihnen aufgerafft Zu suchen einer and'ren Heimath Frieden. Doch ach! Es schwindet seine Lebenskraft, Er fühlt, ihm winkt kein neues Heim hienieden. Und um sein hartes Lager leis sich regt Der Todesengel schon mit schwarzen Schwingen Und dumpf und schwer auf seine Brust sich's legt, Es will dem Leib die Seele sich entringen. Doch irrend schweifet noch sein Geistesblick, Es windet sich sein wundes, wehes Herz Um seiner Brüder trauriges Geschick In fassungslosem, bitt'rem, schwerem Schmerz. Und wie er wimmernd stöhnt in Sterbeqnal, Da kommt es wie Erleuchtung über ihn; Sein klarer Geist empfängt mit einem Mal Balsamisch süßen Trost vor dem Entflieh'n. Verklärt gen Westen wird sein Blick getragen. Dort, wo in Frieden wohnen Glaubensbrüder. Er fühlt es; der Gefährten Seufzer, Klagen, Sie Hallen dort in tausend Herzen wieder. Verlassen sind die Brüder nicht in ihrem Harme, Denn wenn ein Jude in Bedrängnitz, Noth und' S ch m e r z, Dann öffnen sich ihm helfend Brnderarnre. Dann offenbaret sich das jüd'sche Herz. Noch einmal fällt sein halb erloschener Blick Mit treuer Liebe auf der Schläfer Reih'n. Dann sinkt sein todesmattes Haupt zurück, Es sollt' sein Abschied von den Brüdern sein. Aus seinen kalten, bleichen Lippen bebend Die Worte des Schema-Gebetes hangen. Mit sel'gem Lächeln, auf den Zügen schwebend. Ist er zu seinen Vätern eingegangen. Aes Auswanderers Trost. Von Clara Ja ul us-Aachen. ^?7^XL>erklungen ist der letzte, leise Laut Des Nachtgebetes, das mit frommem Neigen (3^/ Die Pilgerschaar dem Himmel anvertraut. Es hüllet sich der Wald in düst'res Schweigen. Des Mondes magisch mildes Licht beleuchtet Der Schläfer Gruppen auf den moosigen Matten, Der Thau die langen Locken fein befeuchtet. Die wallend, wirr der Wand'rer Stirn beschatten. Da regt und rührt sich rast- und ruhelos Ein schwacher Greis gebrechlicher Gestalt. Deil Gliedern ist zu hart der Erde Schootz, Dem siechen Leib des Windes Weh'n Zn kalt. Durchwühlt ist sein Gesicht von Gram und Schmerz, Die Lippe bebet leis in Leid und Kummer, Der Blick ist bang gerichtet himmelwärts. Wann senkt sich auf sein müdes Aug' der Schlummer? Druck und Verlag von Rudplf Mosse in Berlin. Fitterarifche Mittheilungen. — Der erste Band der englischen Uebersetzung des Meisterwerkes von Lazarus: „Die Ethik des Judenthums", die die Jewish Publication Association in Amerika herausgiebt, ist vor Kurzen; erschienen. Soweit wir es beurtheilen können, ist die Uebersetzung eine wohlgelungene und dem Geist des Originals eng sich anschmiegende. Das Deutsch von Lazarus ist freilich in einer Uebertragung nicht wiederzugeven. Diesen reinen Genuß kann nur die Lektüre des Originals gewähren. Aber soweit es möglich ist, hat die englische Uebersetzerin, Fräulein Henriette Szold, ihre Aufgabe vortrefflich gelöst. Die jüdischen Zeitschriften in Amerika beschästigen sich auch schon in eingehenden Essays mit dem Werke und zwar durchweg in höchst anerkennender Weise. — Auch eine russische Uebersetzung der „Ethik" wird, wie wir hören, in nicht zu ferner Zeit erscheinen. Eine hebräische und französische dürfte bald Nachfolgen, so daß fast alle Glaubensgenossen dieses Standard work in ihrer Landessprache besitze;; werden. Hoffentlich wird nun bald auch eine zweite Auflage des Originalwerkes nöthig werden und mit dieser zugleich der sehnsüchtig erwartete zweite Band die Krönung des Gebäudes vollenden. Verantwortlich für die Redaktion: Max B auch Witz in Berlin.