Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- Seite 346 (sequence 12)
- Language
- German
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346 stärkte den Mnth der kleinen Kriegerschaar so sehr, daß sie am Bach Kison einen glänzenden Sieg errang. Der gefürchtete Sisera ließ sein Heer und seinen Wagen im Stich und flüchtete sich in die Hütte eines seinem Könige zugethanen Mannes, von dem er sich Schutz versprach. Hier wurde er von dessen Weibe Jael mit übergroßer Freundlichkeit ausgenommen und meuchlings nmgebracht, indem sie ihm, als er vor Mattigkeit eingeschlununert war, einen spitzen Pflock in die Schläfe trieb. EUILLETON Bethulah. Eine Erzählung von I. Zangwill. III. ucfenbe Inbrunst schien die Xiuft zu erfüllen, als ob das >4^/ bevorstehende Neue Jahr und der Versöhnungstag alle Geister höher gespannt hätte. Plötzlich schien ein Zittern durch die Versammlung zu fliegen und aller Augen'richteten sich auf die Thür. Ein hoher alter Mann, von mehreren Männern von augenscheinlicher Bedeutung begleitet, schritt erhobenen Hauptes, aber mit wankenden Schritten zu der kleinen Plattform vor der Bundeslade, nahm einen Betshawl aus der Hand des ehrerbietig dastehenden Schames, hielt ihn einen Augenblick wie geistesabwesend über sich, bevor er ihn um seine Schulter legte. Wie er so stand, das Gesicht fast mir zugewendet, jedoch ohne mich zu sehen, ist sein Anblick mir durch die langen Jahre eingeprägt geblieben. Er schien sehr alt zu sein, hatte volles weißes Haar urid Bart und war in einen Talar von weißem Atlas gekleidet, der mit Goldstickerei in Form von „Schildern Davids" verziert war. Auf dem Kopfe trug er ein weißes Barett. Ich bemerkte in seinen silbergraueu Augenbrauen einen eigenthümlich gelben Streifen als ob die Jugend noch mit diesem einzigen Haare an ihm hängen geblieben sei, und unter diesen Augenbrauen glühten ein paar grünliche Pupillen. An seinem Zeigefinger trug er einen Siegelring mit einem großen persische»! Smaragd, »velcher, wenn er seine Hand erhob und »vieder fallen ließ (und dies geschah häufig ivährend des Gebetes), »nich »vie «in drittes grünes Auge auzustarren schien. Sobald er zu beten begann, schwand jede Spur von Alter; er zitterte, aber nur aus Begeisterung; seine Leidenschaft stieg während des Gebetes, bis zuletzt sein ganzer Körper betete, und die Gemeinde folgte mit Bangen und Zittern, »nit Donnern und Heulen. Sogar in Prag hatte ich keine solche Erregung empfunden. Nach der gut regulirten Kälte unseres amerikanischen Gottesdienstes »var es »nir ein angenehmes Gefühl, unter Betern zu sei»», die sich ihrer Gefühle nicht schämten. Stunden waren vergangen, und ich saß noch iinmer da, ebenso zufrieden wie die andern. Als der Gottesdienst zu Ende »var, drängte sich Jeder zuin Wnnderrabbi, urn ihn» „Gut Schabbes" zu wünschen und ihm die Hand zu drücken. Diese Szene berührte »nich eigenthürnlich durch ihre fatale Aehulichkeit mit unseren ainerikanischen Empfängen, bei »velcher der Löwe des Abends jedem Gaste seine königliche Klaue entgegenstreckeu muß. Ich ging also mit den Uebrigen und murmelte meine Wünsche. Die Gluth kehrte in sein Auge zurück, als er mich zuin ersten Male bemerkte, und seine hagere, blutlose Hand preßte die weinige so stark, daß ich fürchtete, der Siegelring »vürde sich in mein Fleisch eiupressen. „Gut Schabbes, Fremder, Du weilst lange hier." „So lange »vie die Ueberschwenunung dauert," sagte ich. „Bist Du auch ebenso gefährlich für uns?" blitzte er mich an. „Ich glaube nicht," sagte ich ein wenig stutzig. Mit seinem beringten Zeigefinger troinmelte er auf den» Beetständer, die Augen in tiefem Nachdenken zu Bode»» gesenkt. „Dein Großvater, der in Lemberg begraben liegt, war kein Freund der Nachfolger des Bescht. er belegte sogar die »veiße Sabbathkleidung mit den» Banne." J»h war mehr überrascht, daß er »»»einen Großvater kannte, als über die Feindseligkeit des alten Herrn gegen die Ketzerei seiner Zeit. „Ich habe meinen Großvater nie»nals gesehen," antwortete ich einfach. „Das ist wahr. Die Söhne der Prärie sollten »»»ehr von Gott »visseu als die Bücherwürmer. Willst Dl» einen Platz an meineln Tische annehmen. Fremder?" „Mit Vergnügen, Rabbi", antwortete ich, überrascht über diese Liebenswürdigkeit. Es »vurden nun zwei Tische arrangirt, einer n»it einem weißen Tischtuch für den Herrn und seinen Kreis, »nit strenger Rangordnung, der andere ungedeckt für die aus der Menge, die so glücklich waren, einen Platz zu erringen. Mir »vurde die Ehre zu Theil, a»» seiner rechten Seite zu sitzen, und ich »var daher bald ein Gegenstand der Beivunderung und Ehrfurcht. Der Kiddusch, der dem Mahle vorausging, »var eine mir bekannte Ceremonie, aber »vas ich nie vorher gesehen hatte, »var die Gier, mit der ein jeder der Gäste aus dein cirkulirenden Weinbecher einen Tropfen zu schlürfen suchte, und das Mißbehagen der anderen, die nicht so glücklich waren. Der Kainpf r»m die Suppe des Rabbi »var noch größer, auch ich »vurde »nithineingerissen und genoß keine Auszeichnung vor den Anderen. Schnell war der Uebergang von der Suppe zürn Gesang, Plötzlich sang die ganze Gesellschaft in Heller Begeister»»ng. Ich »vendete »»ich u»n, um zu »neiuein Gastgeber zu sprechen, aber sein Gesicht flößte mir Furcht ein. Die Augen hatten jetzt ihr glühendes, innerliches Feuer, die Augenbrauen erschienen ganz »veiß, die Züge ruhig. Ich beobachtete ihn weiter, sein Körper wurde steif, seine Augen schlossen sich, er fiel zurück. Der Gesang verstuinmte, das Gefolge versank in tiefes Schiveigen. Mein Auge haftete aus dem Gesichte des Meisters, das nicht die Würde des Todes, nur die Unwürde der Leblosigkeit zeigte, und das ohne den Schleier des Geheiinnisses aufgehört haben würde, »nich zu interessiren; denn jetzt bemerkte ich die Rohheit der Lippen, die niedrige Stirn, die Häßlichkeit der hohen Backenknochen, die vorher durch den königlichen Blick verklärt »vorden waren. Aber ivährend ich so starrte, nahm diese Stille auch von mir Besitz, ich fühlte wie alle Uebrige»», daß die Seele des Meisters ihren Höhenflug genorninen. Es schien lange zu dauern — vielleicht waren es auch nur Minuten, denn unter absoluten» Schweiger» verwirrt sich der Zeitensinn — als Anzeichen von wiederkehrendem Leben in das starre Antlitz traten. Endlich öffnete der Wunderrabbi die Augen, und die Stille »vard noch größer. Jedes Ohr lauschte gespannt aus die kommenden Enthüllungen. „Kinder," begann er langsam, „als ich durch die Kreise flog, riefe,» die Seelen mir ju: „Eile dich, eile dich, der Bös«