Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- Seite 345 (sequence 11)
- Language
- German
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345 auch nach siebentägiger Verbannung und demüthiger Butze vor dem Priester erfolgte. *) Und so ward die Einigkeit bei dem Geschwisterdreibund wieder hergestellt. Mirjam starb noch während des Zuges durch die Wüste in Kodes und wurde betrauert von ihrem ganzen Volke. Der Prophet Micha gedenkt ihrer in Ehren.* 2 3) Ein breiter Raum in den Aufzeichnungen des alten Testaments ist Mirjams Nachfolgerill Debora gewidmet, einer der grotzartigsten Frauengestalten »licht allein aus der jüdischen Geschichte, sondern aus der ganzen Weltgeschichte. Und diese Gestalt ist nicht symbolisch und nicht mythisch, sondern sie steht als leibhaftige, geschichtlich beglaubigte Persönlichkeit vor uns da. Man könilte sie mit den Seherinnen der alten Germanen vergleichen und sie eine israelitische Veleda nennen, aber sie war mehr als Veleda; nicht nur Prophetin und Ruferiil zum Streite, sondern auch Anführerin im Befreiungskämpfe ihres Volkes gegen den Kananiterkönig Jabin. Sie war auch mehr als Jeanne dArc; ohne selbst die Waffen zu führen, lenkte sie mit staatsmännischem Scharfblick und mit grotzer Energie und Unerschrockenheit die Geschicke ihres Volkes. Sie war nicht ein durch religiöse Ekstase getriebenes Werkzeug, sondern ein führender Geist und klarer Kops. Außerdem war sie hochgeschätzt und angesehen als gesetzeskundige Frau, die förmlich zu Gericht saß und deren Schiedssprüchen ihre Stammesgenossen sich ohne weiteres unterwarfen; endlich war sie eine patriotische Dichterin von seltener Begabung. Wahrlich, diese wunderbare Krastgestalt macht die Behauptung zu Schanden, daß es nie ein weibliches Universalgenie gegeben habe, welches einem männlichen würdig an die Seite gestellt werden könnte! Trotz alledem war Debora durchaus kein Mannweib im üblen Sinne; sie durfte sich mit vollem Recht den Ehrennamen einer „Mutter in Israel" beilegen. Ihrem Manne Lapidoth scheilit sie eine gute Ehefrau gewesen zu sein; denn — und hierauf mögen die Gegner der Frauenemanzipation wohl achten — hätte sie infolge ihrer öffentlichen Thätigkeit ihre häuslichen Pflichten verabsäumt, so wäre es ihm nach dem Gesetz Mosis ein Leichtes gewesen, ihr den Scheidebrief zu geben. Es wird von Debora im vierten Kapitel des Buches der Richter erzählt, daß sie bei Beth-El auf dem Gebirge Ephraim unter einer mit ihrem Namen benannten Palme wohnte und daß die Kinder Israels zu ihr hinauswanderten vor Gericht. Zur Erklärung der auffallenden Thatsache, daß ein Weib öffentlich Recht sprechen durfte, ist Folgendes zu sagen: Religion uild Gesetz bilden in den Büchern Mose mit der Geschichte des israelitischen Volkes ein unzertrennbares Ganze. Die Unterweisung der Kinder und Kindeskinder in allen Ueberlieferungen der heiligen Schriften war die Pflicht jedes Hausvaters; außerdem hatte Moses den Priestern und Aeltesten geboten, alle sieben Jahre vor versammeltem Volke, also in Gegenwart von Männern, Frauen, Kindern und Fremdlingen seine Gesetzesbücher vorzuleserl, um sie auf diese Weise stets von neuem zur Furcht des Herrn und zum Gehorsam gegen seine Gebote anzuhalten fl. Die Frauen und Töchter nahmeil an den öffentlichen Gottesdiensten theil; aber die Schulen, in denen das vertiefte Studium und die Auslegung des Gesetzes damals einziger Lehrgegenstand war, wurden nur von Knaben und Jünglingen besucht. Für die geistige Ausbildung der Mädchen fl 4. Mose. Kap. 12. 2) Micha, Kap. 6, Vers 4. 3) 5. Mose, Kapitel 4, Vers 6—1» und Kapitel 31, Vers 9—13. geschah fast nichts, da sie, kaum zur Reife gelangt, schon verheirathet wurden. Nichtsdestoweniger traten bereits in jener Zeit unter den Frauen in Israel einzelne geistig besonders beanlagte Frauen auf, die als echte Nachfolgerinnen der Urmutter Eva von Wissensdrang erfüllt waren und sich auch auf das ihrem Geschlecht sonst verschlossene Gebiet der Gesetzeskunde begaben. Moses hatte das weibliche Geschlecht nur voll der Ausübung der priesterlichen Aemter ausgeschlossen und ihnen — aus Rücksicht auf die wichtigen Pflichten der Mutterschaft — die Erfüllung mancher religiösen Pflichten erlassen; aber es war diesem großen Religionsstifter niemals eingefallen, die weiblichen Geisteskräfte zu unterdrücken, wo sie sich zeigten, oder sie von vornherein durch Hemmnisse lahm zu legeil. So war es etwas ganz Natürliches, daß eine in der Gesetzeskunde und den soilstigen Ueberlieferungen der Israeliten wohl bewanderte Frau ihren Volksgenossen Auskunft ertheilte und in schwierigen Fällen ihre Meinung, die stets ehrfurchtsvolle Beachtung fand, in di« Wagschale warf fl. Und so konnte in einer trüben Zeit, als in Israel Noth an tüchtigen Männern war, eine Debora als Prophetin, Richterin, Kriegsheldin und Staatsmännin thätig sein, ohne Anfeindung und Widerspruch zu erfahren. Sie brauchte nicht wie Schillers Johanna von Orleans zu klagen: „Des Himmels Herrlichkeit umleuchtet euch, vor eurem Aug' enthüllt er seine Wunder, und ihr erblickt in mir nichts als ein Weib!" Debora, deren Name die Bedeutung „Biene" hat, hielt also öffentliche Gerichtssitzungen ab und hatte dabei ein wachsames Auge für die politische Lage ihres Volkes, die damals tief im Argen steckte. Wie so oft in der Weltgeschichte die Uneinigkeit eilles Volkes den Verfall und die Unterjochung desselben durch fremde Völker nach sich zieht, so waren auch zur Zeit Deboras die israelitischen Stämme infolge lang andauernder Spaltungen von umwohnenden Feinden überwunden worden. Der Kananiterkönig Jabin, welcher über gewaltige Streitkräfte verfügte, hatte sich im nordwestlichen Jordanlaude festgesetzt. Er beugte die Israeliten zwanzig Jahre lang unter seine harte Zwingherrschaft, lvobei Wohlstand, Handel llnd Verkehr zu Grunde gingen, und schnitt den Zusammenhang zwischen den nördlich und südlich von dem besetzteil Landstrich wohnenden israelitischen Stämmen ab. „Es gebrach an Führern in Israel", wie es heißt. Da stand Debora, die Mutter in Israel, auf und rief ihr Volk durch Sendboten zum gemeinsamen Aufstande unter die Waffen. Sie beschied einen Mann Namens Barak zu sich, beauftragte ihn, ein Heer zu fammelll und entwickelte ihm ihren Kriegsplan, indem sie ihm zugleich den Ausgang des Kampfes weissagte. Barak aber war zaghaften Gemüths; er fürchtete sich vor seinem Gegner, dem kananitischen Feldhauptmann Sisera mit seinen neunhundert eisernen Wagen und seiner großen geübten Heeresmacht, während er selbst nur eine Kriegerschaar von zehntausend Mann aus den Stämmen Naphtali und Sebulon aufzubringen vermochte; denn die anderen Stämme versagten feige ihre Betheiligung am Aufstande. Darum bat Barak Debora, daß sie mit ihm zum Streite ausziehen möchte. Sie antioortete: „Ich will mit dir ziehen, aber den Preis des Sieges sollst du nicht davontragen; er wird in die Hände eines Weibes gegeben werden." Die Gegenwart der hochangeseheneil Prophetin fl La femme juive, sa condition legale d’apres la Bible et le Talmud, par Einanuel Weill, Rabbin ä Versailles. — 1874.